Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1875)
- Date
- 1875-08-24
- Page
- Seite 564 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Er begann mit der Erinnerung an den 2. August 1675, den Tag, an welchem dieses Gotteshaus eingeweiht wurde. Ebenso wie jetzt wurde jenes Mal Alles unternommen, um die Festfeier so glänzend als möglich zu gestalten. Der unvergeßliche Prediger Aboab hielt die Festrede. Im Vergleich mit diesem Prediger wünschte er für sich die wohlwollende Rücksicht der Versammlung anzutreffen, welcher er zu bedenken gebe, daß er eine Aufgabe übernommen, welche seiner Sphäre weit entfernt liege. Sieben Tage dauerte das Einweihungsfest. Bier Jahre nahm der Bau in Anspruch, zu welchem auch Beiträge von Andersgläubigen geliefert wurden. Der Bau wurde unterbrochen, als der Einfall der Franzosen zu befurchten war, aber sofort wieder ausgenommen, nachdem diese Gefahr vorüber. Im Rückblicke kennzeichnete der Redner die Gefühle, von welchen so Biele bei der Einweihung beseelt waren, denn jenes Mal lebten noch Hochbetagte, die zu erzählen wußten, wie die zehn Unerschrockenen, welche dem Kerker und der Inquisition in Portugal entflohen, gewagt hatten, mit Jakob Tirado an der Spitze, in zwei Schiffen nach den Niederlanden zu segeln, welches Land von jeher den Unterdrückten und Verfolgten ein Zufluchtsort gewesen. Unterwegs wurden sie durch Kaperschiffe überfallen und gefangen nach England geführt. Dort hatten sie, so lautet der Bericht, Dank dem Einfluß ihrer schönen Reisegefährtin Maria Nunes, die Gunst der Königin Elisabeth gewonnen und Erlaubniß zur Weiterreise erhalten. Nach einem schweren Sturme landeten sie zu Emden, blieben aber zufolge der Rathschläge des Rabbiners Uri Hallevi nicht in dieser kleinen Stadt, sondern zogen weiter. Ihre kleine Colcnie datirt vom 22. April 1593. Amsterdam wurde zu einem neuen Jerusalem erhoben, und war es Unrecht, daß die kleine Bevölkerung ihr diesen Namen gab? In einer Zeit voll tiefgehender religiöser Unduldsamkeit erweiterte Amsterdam, dies wird mit inniger Daukbarkeit hervorgehoben, seine Grenzen, um den neuen Ankömmlingen ein Asyl, eine Stätte der Ruhe und Erholung zu bereiten. Nicht immer war dieser Aufenthaltsort unbehelligt geblieben. Es herrschte Furcht vor Uebelgesinnten, welche glücklicherweise überflüssig erschien. Das erste Belhaus war in der Junkerstraße errichtet, wo die Gottescienstverrichtungen im Geheimen vorgenommen wurden. Die Behörde kam eines Tages nachspüren, was in diesem Hause zu geschehen pflegte; als sie den Hergang vernahm, konnte in Zukunft der Gottesdienst ungestört und öffentlich abgehalten werden. Der Schleier der Geheimhaltung ward nun entfernt. Der Sprecher erinnert in kurzen Zügen an die Geschicke der Gemeinde, worunter auch der Zeitabschnitt, in welchem dieselbe mit Auflösung und Untergang bedroht ward. Als ein merkwürdiges Factum ließ er nicht unberührt, daß die Behörde dieser Stadt mehrere Male kräftig mitwirkte, um den Bruch der so sehr gewünschten Einigkeit in der Gemeinde zu verhüten, und ihren Einfluß und Gewicht geltend machte, um das verlorene Gleichgewicht wiederherzufiellen. „Eintracht macht stark" wurde nach vielem Streite hochgehalten; die Gemeinde nahm sich zum Muster, was auf politischem Gebiete in unserem Baterlande vorsiel. Auf politischem wie kirchlichem Gebiete kamen gleichzeitig dieselben merkwürdigen Erscheinungen vor. DaS Einweihungsfest war ein Fest der Verbrüderung, der Wiedervereinigung. Die gegenwärtige Feier hat nicht den Charakter der Wiederherstellung von verlorener Eintracht. Friede und Einigkeit wurden nicht gestört. Unerschüttert durchlebte das Gebäude den Zeitraum, der nun abgeschloffen ist. Bei dem Bau dieses Meisterwerkes war wohl darauf Bedacht genommen, daß es dem Zahn der Zeit zu widerstehen vermöge. Es war auch keine Restauration, welche in 1852 vorgenommen wurde, sondern die Erfüllung des Wunsches nach größerer Helle und Geräumigkeit. Das Factum, daß diese Gemeinde, welche vor 200 Jahren in ein neues Leben eintrat, noch am Leben ist, rechtfertigt unsere heutige Feier. Wie hat die Gemeinde die zwei Jahrhunderte durchlebt? Einzelne Einblicke, welche der Redner beim Durchblättern der Geschichtsbücher empfing, gab er wieder. Der prophetische Blick der Behörden, welche von der Aufnahme des neuen Elementes in ihrer Stadt gute Früchte erwarteten, wurde vollkommen erfüllt. Die schnelle Entwickelung des Handels mit Ost und West, mit der Levante und Brasilien, mit Spanien und Portugal selbst, war der Lohn der richtigen Anschauungen der städtischen Obrigkeit. Was Tirado bei seiner. Ankunft hier versprochen hatte, wurde erfüllt. Und die portugiesische Gemeinde hatte nicht am Wenigsten reichliche Ursache zur Dankbarkeit, und konnte den Augenblick segnen, an welchem sie zuerst Amsterdams Boden betreten. Jenes Mal erreichte die Gemeinde ihren Glanzpunkt. Jenes Mal konnte ein Suasio an Wilhelm HI. zu seinem abenteuerlichen Zuge nach London, um sich aus den englischen Thron zu setzen, 3 Millionen Gulden zinslos vorschießen, unter der Bedingung: „Gelingt es, dann werdet Ihr mir das Geliehene zurückerstatten, glückt es Euch nicht, so ist es auch für mich verloren". Jenes Mal sah die Gemeinde Vertreter der Kronen von Schweden, Dänemark, Preußen und anderen deutschen Staaten in ihrer Mitte. Selbst spanische und portugiesische Fürsten ernannten ihre eigenen Ausgewiesenen zu ihren diplomatischen Vertretern, jenes Mal.noch mehr bedeutende Facta berührte der Sprecher, welche wir in diesem kurzen Bericht nicht wiederzugeben vermögen. Weiter bemerkte der Redner. Der Lobrevner der Vergangenheit findet hier unerschöpflichen Stoff, um die alte Zeit selbst auf Kosten der Gegenwart zu erheben und mit einem gewissen Seufzer die schönen Tage von Aranjuez zurückzuwünschen. Ist dieser Wunsch gerechtfertigt? Diese Frage gab dem Redner Beranlasiung, auch die Schattenseiten jener Zeit hervorzuheben, denn gilt für die Vergangenheit: ni cet exc&s d’honneur, für die Gegenwart: ui eette imligniU:, Reichthum, Größe, Macht! Aber soll und kann