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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-24 · Heft 35 (24.8.1875) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 35 (24.8.1875)
Date
1875-08-24
Page
Seite 560 (sequence 6)
Language
German
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560 Bonn, 13. August. (Privatmitth.) In dem Augusthefte deS „Centralblattes' für die gesammle Unterrichtsverwaltung in Preußen" wird die Frequenz der Gymnasien, Progymnasien, Vorschulen, Real- und Bürgerschulen ivährend deS Sommersemesters 1874 mitgetheilt. Wir heben aus diesen officiellen Tabellen die Schülerzahl aus dem gesammten preußischen Staate nach den Confessionen heraus. Evangel. Kathol. Dissident. Juden. I. Gymnasien 43,887 14644 19 5894 II. Vorschulen 7417 863 6 1078 III. Progymnasien 1598 1357 — 316 IV. Vorschulen 276 49 — 53 V. Realschul.I.Orbit.21,068 3051 15 2427 VI. Vorschulen 3955 425 5 457 VII. Realschul.II.Ordn. 3995 333 3 838 VIII. Vorschulen 1236 139 — 386 IX. Höh. Bürgerschulen 9132 1751 2 638 X. Vorschulen 2943 350 — 161 95,507 22,962 50 12,248 Da nun die Gesammtbevölkerung Preußens nach der Volkszählung von 1871 betrug: 24,643,941, worunter 325,594 Juden waren, so war der 7 6. Mensch jüv. Religion. Die Gesammtzahl der Schüler aller höheren Lehranstalten betrug 130,767, worunter 12,248 Juden waren, so daß der 10. bis 11. Schüler jüdischer Religion war. Hieraus geht hervor, daß die jüdischen Schüler zwischen 7 und 8 mal mehr betrugen, als nach der Bevölkerungsziffer auf die jüd. Confesfion käme: der 76. Mensch in Preußen ist Jude, und schon der 10. Schüler der höheren Lehranstalten jüdischer Religion. — Auf den Gymnasien, Pregymnasien und ihren Vorschulen befanden sich zusammen 77,451 Schüler, worunter 7341 Juden, also auch hier der 10. bis 11. Schüler jüdischer Religion. Die Realschulen beider Ordnungen mit ihren Vorschulen wurden besucht von 38,328 Schülern, worunter 4108 Juden waren, also der 9. bis 10. Schüler war jüdischer Religion. Die Bürgerschulen mit ihren Vorschulen wurden von 14,977 Schülern besucht, worunter 7 99 Juden waren, so daß der 18. Schüler ein Jude war. — Es ergiebt sich hieraus, daß die jüdische Jugend die Realschule um einen sehr geringen Procentsatz mehr besuchte als die Gymnasien, dagegen die Bürgerschulen um ein Bedeutendes weniger, obschon sie immerhin auch in diesen um viermal mehr vertreten ist als die christliche. Was man nun auch über die Ursachen dieser merkwürdigen Erscheinung gesagt haben mag, so viel muß man daraus schließen, daß in Zukunft ein großer Theil der Juden zu den höheren Culturschichien des preußischen Volkes gehören, und was an Geistesanlage in ihm vorhanden ist, eine offene Bahn finden und zur Verwerthung für die Gesellschaft kommen wird. Emde«, im August. (Privatmitth.) Nummer 32 d. Bl. enthielt eine Privatniittheilung aus der Provinz Posen, in welcher darüber geklagt wurde, daß die jüdischen Gemeinden bei Gründung von Simultanschulen ihre Lehrer einfach entlaffen, welche dann rath- und stellenlos dastehen. Da, wie Ew. Ehrwürden bekannt ist, die jüdischen Lehrer der Prov. Posen ihren christl. Collegen vollständig gleichgestellt sind, von der Kgl. Regierung die Bestätigung und definitive Anstellung — sofort nach Ablegung des zweiten Examens — erhalten, ferner wie jene Lehrer vdn den Stadt- und Kreisabgaben befreit sind, Alterszulagen und Gratificationen erhalten, so ist es fast unmöglich, daß die Sache sich so verhält, wie der Herr Correspondent sie mittheilte und als „allgemeine Regel" hinstellte. Ich war selbst zwei Jahre hindurch Lehrer in der Prov. Posen — in Exin bei Bromberg — die jüdische Schule wird daselbst nun mit der evangelischen vereinigt und der angestellte jüdische Lehrer ist selbstverständlich von nun an Lehrer an der Simultanschule. So in Znin, Gollantsch u. s. w. «In Gollantsch ist der jüdische Lehrer kurz vor der Bereinigung der Schulen aus dem Amte entlaffen worden, doch aus Verfügung der Kgl. Regierung zu Bromberg, weil er seinen Schulinspector aus der Claffe hinauswarf, auch ist bereits ein anderer jüdischer Lehrer daselbst angestellt.) Ueberhaupt hat der Schulvorstand nicht das Recht, einen von der König!. Regierung provisorisch oder definitiv angestellten Lehrer zu entlaffen, dies kann nur bei dem für eine bestimmte Zeit interimistisch angestellten Beamten der Fall sein. Ein solcher Lehrer wird wohl bei Gründung einer Simultanschule — vielleicht zufällig — entlasten worden sein, und dies erscheint dem Herrn Correspondenten als Regel für alle oder wenigstens für die meisten Gemeinden. Ferner wird geklagt, daß die Juden Pvsens zu wenig Jntereffe für das Judenthum, also auch für jüdische Lehrer hatten. DaS Letztere ist durchaus falsch. Selten erheischt verhältnißmäßig der Schulunterricht in anderen Gemeinden Deutschlands so viele Opfer, als in der Prov. Posen. Die Gemeinden genannter Provinz sind ja meistens arm und verschuldet, dennoch müffen sie, der Kinderanzahl wegen, meistens zwei Lehrer — wenige Gemeinden haben nur einen, wenige drei oder mehr Lehrer — unterhalten, die zwar schlecht besoldet werden, dennoch aber der Gemeinde eine Ausgabe von wenigstens 700 Thlrn. verursachen. Und welchen Nutzen hat die Gemeinde von den zwei jüdischen Lehrern, wird etwa in der Schule dafür gesorgt, daß die Kinder, außer den vorschriftsmäßigen vier Religionsstunven, auch Hebräisch lernen? Nein, denn seit 1833 ist das Hebräische fast überall von den Unterrichtsgegenständen ausgeschlossen. *) Dafür muß noch privatim gesorgt werden, und man wird leicht berechnen können, welche Kosten dadurch entstehen. (Es muß pro Kind dann wenigstens 2 z—i Thlr. monatlich bezahlt werden. So hat nun ein Familienvater, der drei Kinder zugleich in die Schule schickt, außer dem Schulgelde noch über 30 Thlr. jährlich für das 1) Es ist dies nicht nach dem Wunsch und Willen der Lehrer geschehen, sondern durch die bestimmten Vorschriften der Kgl. Regierung. Redaction.

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