Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1875)
- Date
- 1875-08-17
- Page
- Seite 547 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227049--33761-3303580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
547 Heerd zu gründen. Es war ihm gelungen, das Herz eines lieben und wackern Mädchens zu gewinnen, die er jetzt heimführte. Was er erhofft, ward ihm in reichem Maße: Liebe, Hingebung und Eintracht wohnten in feinem Hause und segneten jeder Zeit seinen Aus- und Eingang. Lange Zeit blieb seine Ehe unfruchtbar, bis ihm auch dieser sehnlichste Wunsch erfüllt und ihm der Sohn geboren ward, der jetzt als dreizehnjähriger Knabe an seiner Seile am Elbufer gestanden. Wie viel also auch an Mühsal, Entbehrung, Täuschung und Selbstüberwindung in den kleinen Vorgängen des Lebens ihm, wie jedem Sterblichen, zugetheilt war: die Stürme, die rauhen Wirbelwinde, die oft den Menschen unerwartet erfassen, in die Höhe heben und in die Tiefe schleudern, oder doch die Hütte zerschmettern, die er sich mühsam aufgebaut, und unter deren" Dach er sicher zu wohnen gedachte, sie schienen ihm auf seinem Lebensgang erspart zu fein. Sie schienen . . . Weit unten im Böhmerlande war der Aufstand ausgebrochen. Man hatte die kaiserlichen Räche aus den Fenstern des Prager Rathhauses geworfen, und war bis in die kaiserliche Burg zu Wien gedrungen. Dies war der Wendepunkt. Fortan erfuhren die Evangelischen eine Niederlage nach der andern, und das verheerende Kriegsgetümmel mit all dem unsäglichen Elend, das sein Geleite bildete, drang allmälig bis in den Norden Deutschlands vor. Schon war Halle an der Saale mit der festen Moritzburg von den Kaiserlichen genommen. Es galt, den, den kaiserlichen Geboten widerspenstigen Markgrafen Christian Wilhelm, Administrator des Magdeburger Erzstiftes aus dem Lande zu treiben. Es war eine dunkele Nacht; der Wind heulte durch die Straßen der kleinen Stadt Barby, und dann und wann rauschte ein heftiger Regenguß hernieder. Noch war Mitternacht nicht genaht; aber Alles im Städtchen lag bereits im Schlummer, und kaum hier und da leuchtete schwacher Lampenschein aus der Zelle irgend eines Kranken auf die Sttaße hinaus. Da kam plötzlich vom westlichen Thore aus Lärmen und Toben in die stille Stadt, und rückte immer weiter bis in die Mitte derselben vor. Geschrei und Hülferuf wurden lautbar; dröhnende Schritte bewaffneter Schaaren wurden vernommen; in den Fenstern der Häuser erschienen Lichter, die aus dem Schlafe aufgeschrecklen Bewohner wußten kaum was geschehe, setzten aber Gefahr und Verderben voraus, die über sie nächtlicher Weile gekommen. In der That war eine kaiserliche Schaar in das Städtchen eingedrungen. Es hatte dies keine großen Schwierigkeiten gemacht. Die Stadt war allerdings, wie alle damaligen Städte, mit einer Mauer, einem Wall und Graben umgeben. In alter Zeit mochten diese gegen die Handstreiche unruhiger Nachbarn genügt haben; jetzt hätten sie kaum von einer starken Besatzung, mit Geschützen versehen, vertheidigt werden können; Besatzung und Geschütz fehlten, und die Stadt war den unkriegerischen Bewohnern überlaffen, die nur Ackerbau.und Viehzucht trieben. Dagegen lag in kleiner Entfernung von der Stadt eine damals noch stark befestigte Burg, der ehemalige Sitz der mannhaften Grafen von Barbh, welche das Städtchen und die Umgegend beherrschte. Ein Trupp der Söldner des Administrators lag darin. — Die Kaiserlichen hatten leicht die Ketten der Zugbrücke über den Graben der Stadt zerhauen, das Thor gesprengt, und die wenigen Wächter niedergeschlagen, und ergosien sich sofort in die Straßen der Stadt. Wie sie die Thüren der Häuser einschlugen und hineindrangen, erhoben die erschrockenen Bewohner lautes Angstgeschrei. Indeß konnte man bemerken, daß die Kaiserlichen mit möglichstem Vermeiden von Lärmen und Gepolter aufrralen und eine gewisie Schonung gegen die Einwohner beobachteten. Dies war sonst nicht die Art der wüsten Landsknechte; es mußte demnach besonderer Befehl ihnen eingeschärft worden sein. Auch Me>r hatte sich des besten Schlummers erfreut. Er war erst spät und ermüdet von seiner Tageswanderung zurückgekehrt, und lag so mit seinem Weibe, die einen Säugling in den Armen hatte, und dem kleinen Kalonymus, der etwa sieben Jahre zählte, in tiefem Schlafe. Da weckten ihn Kolbenstoße an die Thüre seines Hauses; es war für die damalige Stadt ein ganz stattliches und besonders reinlich gehaltenes Häuschen. Er sprang auf, der Tumult von der Straße brachte ihn schnell zur Besinnung,und sagte ihm, daß etwas Außergewöhnliches, Schreckenerregendes vor sich gehe. Mit zitternden Händen zündete er Licht an, warf die nächsten Kleidungsstücke über, und ließ seine Frau dasielbe thun. Auch die Kinder erwachten und fingen an zu schreien, Kalonymus sprang auf die Füße, da wiederholten sich die Stöße und das Rufen von außen, und die schlecht verfchlosiene Thüre gab nach. Die Zimmerthüre wurde aufgerisien, und vier Dragoner mit blankem Schwerte drangen ein. Sie warfen sich auf die bebenden Menschen, und setzten ihnen die Schwerter auf die Brust. Me>r blieb vor Entsetzen starr und stumm; um so lauter schrie seine Frau, schrieen die Kinder in furchtbarer Angst. Da trat auch ein Officier herein, ein hoher Officier, wie die glänzenden Zeichen seines Ranges erkennen ließen, wahrscheinlich der Commandeur des ganzen Trupps. Sein Eintritt beruhigte Me'i'r einigermaßen, denn er wußte sich und die Seinigen doch außer Gewalt der wilden Soldaten. Der Officier sah Me>r scharf vom Kopf bis aus die Sohlen an, winkte der Frau, stillzuschweigen, blickte sich im Zimmer um, nahm einen Sesiel und setzte sich darauf, Me>r gegenüber. „Auf dem Lande und in der Stadt," hob er an, „hat mir Jeder, den ich befragte, Dich. Jude, als den kundigsten und zuverlässigsten Führer genannt, der alle Wege ringsum genau kennt, und in allen Gehöften, Scheuern und Niederlagen gut Bescheid weiß. Ich habe Dich deshalb zu guten Diensten für des Kaisers Majestät ausersehen; entsprichst Du meinen Befehlen, so soll es Dein Schade nicht sein; weigerst Du Dich aber, oder bist Du auch nur im kleinsten Schritte ungetreu, so senken sich diese Schwerter unverweilt in Deine und der Deinigen Brust, auf die sie gerichtet sind. Dein Haus ist von allen Seiten um-