Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1875)
- Date
- 1875-08-10
- Page
- Seite 531 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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531 als der Schiffer durch da fiel be zu ihm herantrat. „Wißt Ähr," rief dieser aus, „was geschehen?" . . . „Gewiß, wir haben Alles mit angesehen, und wäre dies nicht der Fall, Eure Anwesenheit lehrte uns das Unglück, das Ähr erfahren." Me,r konnte sich leicht versichern, daß die Croaten von drüben ihn und seinen Sohn nicht hatten gewahren können, und daß sie Stahlmann und seinen Gefährten nur erblickt hatten, als sie über den Fluß fuhren. Dem Schiffer selbst konnte er vertrauen, denn er war ein geborener und ansässiger Magdeburger, und die bedeutende Gilde der Fischer bildete den enragirtesten Theil der städtischen Bevölkerung. Sein Trachten ging allein dahin, wieder nach der Stadt zurückzukommen, und dazu bot sich die Gelegenheit, wenn er die folgende Nacht abwartete, von dieser Seite her am leichtesten. Mett hatte sich hierüber bald mit ihm verständigt, und war Willens, ihn von seinem Knaben mit dem Schriftstück des Ambaffadeurs begleiten zu laffen. Jetzt führte er ihn nach einem sicheren Versteck, wo er mit dem Knaben bis zum Abend unbemerkt verweilen konnte. Dort wollte Mett seinem Sohne auch die nöthige Anweisung geben, um gefahrlos seinen Aufttag in der Stadt auszuführen und sicher zu ihm wieder zurückzukehren. Er selbst beabsichtigte, auf Umwegen den Ort zu erspähen, wohin Stahlmann gebracht worden wäre, und zu erkunden, ob etwas für denselben zu thun sei. So verließen die Drei, sich immer vorsichtig im dichtesten Gebüsch haltend, die vorspringenre Ecke des Ufers, auf welcher das Erzählte vor sich gegangen. Sie betraten nicht wieder die weiten offenen Wiesen, sondern gingen nach jener Gegend zu, wo die Saale in die Elbe fällt, und wo sie in einer verlaffenen Hütte ihren vorläufigen Aufenthalt nahmen. Vormals war die Gegend eine viel besuchte; in der Mündung der Saale drängten fich die Schiffe, die hinauf und hinabfuhren, und namentlich von Halle aus die Salzvorräthe für einen großen Theil des Nordlandes transportirten. Aber vor dem Andrange des Feindes war Alles zerstoben; Handel und Schifffahrt hatten gänzlich aufgehört, die Bewohner der Umgegend waren geflohen, die Dörfer in Feuer aufgegaugen, und so zeigte die Landschaft eine Oeve, als bettäte man einen nie bewohnten Theil der Erde. (Fortsetzung folgt.) Eorrespoudeuz. Hamburg, 26. Juli. Gemeindezustände. Mein Referat in der Nummer 3 V Ihres geschätzten Organs über die unerquicklichen Zustände der hiesigen Synagogengemeinde hat im Lager der Orthodoxie eine ungeheure Auflegung hervorgerufen; nicht etwa darum, weil ich mir eine Unwahrheit zu Schulden kommen ließ, sondern nur deshalb, weil ich die Wahrheit berichtet habe. Es schmerzt die fromme Heerde sehr, daß ihr Hirt, der sie bereits seit einem Vierteljahrhundert weidet, naturtreu und wahrheitsgemäß geschildert ist. Man kann sich lebhaft denken, wer seine Verehrer seien, denn -zbn "r,b Nb i:*’E »irres S:sr «brr a-nrn bas« T7-rir7 lautet das bekannte talmudische Sprichwort. Dennoch kann ich mich nicht genug wundern darüber, wie so die frommen Herren aufgebracht sind, wenn man nicht ihre Gebrauche, sondern die Mißbräuche, nicht ihren Herrn Oberrabbiner, sondern deffen Lächerlichkeiten, nicht die Orthodoxie, sondern die craffeste Unwiffenheit, nicht die Frömmigkeit, sondern die Frömmelei geißelt. Die Wahrheit thut zwar wehe, sie verwundet aber nicht; die Medicin ist bitter, aber heilsam. Ich glaube die Geistesrichtung, oder richtiger gesagt, die Richtung des Herrn Oberrabbiner von Hamburg in meinem vorigen Referate deutlich genug gekennzeichnet zu haben; dennoch kann ich nicht unterlaffen über noch einige Facta zu referiren, damit die unparteiischen Leser ihr Urtheil fällen können, ob ich Recht habe, wenn ich sage, daß der Herr Oberrabbiner von Hamburg durch seine lächerliche Frömmelei ein Eiarr bib~ verursacht. Das rabbinische Wort „Äffur" hat hier bereits das Bürgerrecht in der Volkssprache erlangt. Auf der Börse wie auf dem Fischmarkt, auf der Bühne wie auf den Promenaden hört man sehr oft das Wort „der Rabbiner hat geaßert"; denn „das große Licht" Hamburgs geht mft dem „Aßern" gar nicht sparsam um, bald zieht er los gegen den Wein, welchen selbst der selige Rabbiner Ettlinger für „koscher" erklärt hatte, und jetzt auch von den flömmsten Israeliten in Altona gebraucht wird, bald gegen die sogenannten Hildesheimer Würste, welche mit einem Siegel des dortigen Rabbinats versehen sind; denn der unfehlbare Oberrabbiner duldet in seinem Vatican keine andere Autorität neben sich und will als Selbstherrscher, als der Alleinkoschermachende in seinem Kirchenstaate residiren. Die hiesigen Blätter würdigen auch den Herrn Stern einer witzigen Besprechung, wenn er eine neue Jssurbulle in Hamburg schleudert. Bei dem im März a. c. hier stattgefundenen großen Carnevalzuge war auch ein Wagen zu sehen, wo ein Mann saß, der vorne mit kleinen Sternchen behängen war, hinten war ein großer Stern angebracht, und dabei hing eine Wurst und das Wort „Geaßert" war in großen Lettern zu lesen. Im verflossenen Winter sammelte er eine Schaar wißbegieriger junger Leute um sich, die er im Talmud unterrichtet. Und welchen Tractat wählte er zum Unterrichtsobject? Höret und staunet! — den Tractat Nibdah!!! Vielleicht mangelt es ihm an Scharfsinn und talmudischer Dialektik, um seinen Schülern bas Talmudstudium interessant zu machen, daher suchte er für sie etwas Picantes auf. — Aber genug des Spottes! Traurig genug, daß in der Jetztzeit, in einer der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands ein vir obscurus als Seelenhirt fungirt. der das Äuden- 33*