Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1875)
- Date
- 1875-08-10
- Page
- Seite 530 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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530 Augen offen zu halten, um von selbst zu lernen, solches herauszufinden. Doch erlaube ich mir dabei zu bemerken, wenn auch in bescheidenster Weise, daß es mir allerdings scheint, als ob die Herren Anführer in Magdeburg dem Borrücken und den Arbeiten der Feinde ein wenig zu ruhig und unthälig zusehen. Es könnte rem Feinde durch geschickte Ausfälle viel Abbruch geschehen, und seine Arbeiten, die immer bedrohlicher an die Stadt Heranrücken, müßten öfter gestört und Hintertrieben werden. Doch ich verstehe wohl von diesen Dingen zu wenig. Die Herren haben wohl ihren eigenen Plan. Doch nach Einem muß ich Sie fragen: Warum haben die schweren Geschütze der Festung seit einigen Tagen ihre Stimme verloren? warum wird aus ihnen nicht mehr geschossen? Die Feinde können ja nun dicht bis an die ersten Werke thun, was sie wollen? was ist die Ursache dieses seltsamen Vorganges?" Stahlmann seufzte und erwiderte: „Und doch könntest Du Dir dieses am ehesten selbst beantworten. Mau schießt nur mit Munition, und wenn man dergleichen nicht hat, muß man Las Schießen unterlassen." „Wie? rief der Jude entsetzt aus, keine Munition mehr? Die Pulverthürme der Stadt sollten ja über 700 Centner Pulver enthalten?" „So meinte man, weil — vor fünfzig Jahren so viel vorhanden war. Seitdem hat man immer davon genommen, ohne es zu ersetzen. Der Krämersinn der Bürger und des Magistrats glaubte immer genug daran zu haben, und nachdem man nun bisher verschwenderisch damit umgegangen, überraschte uns in diesen Tagen zu unsrem tödtlichen Schrecken die Meldung, daß kaum noch 6 Centner vorhanden sind. Es ist zwar noch Salpeter vorräthig; man kann aber täglich höchstens zwei Centner Pulver fabriciren, und Liese müssen für das Kleingewehr aufgespart bleiben. Die Mörser und Karthaunen müssen daher schweigen." Die beiden Männer tauschten einen schmerzlichen Blick miteinander aus. Ihre Lippen hielten die Worte zurück, die sich aus der Ahnung des nahe bevorstehenden Mißgeschicks auf dieselben drängen wollten. „Ich glaube," sprach endlich Stahlmann, „unsre Berhandlung ist erledigt, und ich kann auf dem Wege nach der Stadt wieder zurückkehren, auf welchem ich gekommen. Halte nur treulich aus, Me>r. Welcher auch der Ausgang sei. Dein Lohn soll nicht ausbleiben. Mein allergnävigster Herr ist von Deinen großen Diensten unterrichtet." „Um des Lohnes willen thue ich es nicht." antwortete Me,r etwas frostig. „Dazu sind die Chancen des Krieges zu wechselvoll, und was wir heute erwerben, kann uns morgen um so leichter zum Untergang gereichen. Aber daß der große Schwedenheld von mir hört, und einen Augenblick sein Wohlgefallen auf mir ruht, das macht mich glücklich. Und nun, Herr Ambassadeur, drücke ich noch einmal den Wunsch aus, Sie mögen ungehindert nach der Stadt zurückkommen; denn die Gegend wird durch die Streifzüge der Croaten sehr unsicher gemacht. Für alle Fälle wollen Sie daher Ihre Befehle auf einen Streifen Papier schreiben, und mir übergeben, und dann bitte ich noch um die Chiffre für meinen Knaben da." „Du bist sehr ängstlich, aber auch vorsichtig; und darum wird wohl auch die Chiffre im Besitz des Knaben kein Unheil anstiften. Es soll Alles geschehen, wie Du verlangst." In kurzer Zeit hatte Stahlmann das Nöthige niedergeschrieben und übergab es dem Juden, dem er herzlich die Hand drückte. Auf einen Pfiff erschien der Fährmann wieder, und Stahlmanu stieg in den Nachen und legte sich auf dessen Boden nieder. Auf einen Wink des Vaters kleidete sich Kalonymus wieder als Bauer um, und bestieg noch einmal seinen Späherort, die alte Eiche. Der Nachen glitt fast geräuschlos über den Sttom, und versenkte sich wieder in das Schilf, um diesmal noch versteckter als bei der Abfahrt sich an das Ufer heranzuarbeiten. Aber kaum hatte Stahlmann, nachdem er einige Schritte durch das Wasser gewatet, oen Rand des Ufers erklommen, als hinter den Bäumen ein Trupp von fünf Croaten hervorbrach und sich mit geschwungenen Säbeln auf den Schweden stürzte. Dieser riß ein Pistol aus seinem Gürtel, und feuerte es los. Ein Croate fiel; aber um so wüthender warfen sich die anderen auf den Gegner, schlugen ihm das Pistol aus der Hand, und sicher wäre er unter ihren Hieben zusammengebrocheu, wenn nicht ein Mann, der ihr Führer zu sein schien, zwischen die Kämpfenden sich gestürzt, und mit lautem Rufe ihnen gebot, den Ueberfallenen gefangen zu nehmen, nicht aber zu tödten oder nur zu verletzen, da er ein wichtiger Fang sei, der ihnen mit schwerem Gelde bezahlt werben würde. Stahlmann wurde überwältigt, gebunden und von den Croaten in ihre Mitte genommen. Unterdeß hatte sich aber der Fährmann, der seinen Nachen noch nicht verlassen hatte, mit diesem schnell davon gemacht, und fuhr den Fluß weit hinauf, um sich von der Unglücksstätte möglichst zu entfernen. Die Croaten feuerten einige Schüsse auf ihn ab; da sie ihn aber nicht trafen, und er auch bald aus dem Bereiche ihrer Kugeln war, verließen sie mit ihrem Gefangenen den Ort, und versenkten sich schnell in den Wald. Kalonymus hatte von der Eiche das unglückliche Ereigniß gewahrt, und es seinem erschrockenen Vater mitgerheilt. Dieser schien über den Vorfall äußerst bekümmert. „Ich habe es gefürchtet," murmelte er. „Der Unvorsichtige! Warum mußte er selbst kommen, warum auf dem rechten Ufer kommen, wo es von Feinden wimmelt! - . . Jetzt muß ich vor Allem sein Schicksal zu erspähen suchen. Er ist eigentlich der wichtigste und unentbehrlichste Mann in der Stadt; er sieht klar und nüchtern, und gefällt sich nicht in langen Reben und in Unthätigkeit, wie der General ... Es ist eine mißliche Geschichte!" Er winkte seinem Knaben vom Baume herunter, nahm ihn an die Hand, und wollte eben mit ihm in das Gebüsch dringen.