Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 33 (10.8.1875)
- Date
- 1875-08-10
- Page
- Seite 527 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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527 Michael Deutschmann, Rathsherr und Stabtältester, ehemals auch Präses der städtische» Baucommission, beging am gestrige» Tage das fünfzigjährige Bürgerjubiläum. Nachdem ihm am Vorabende desselben seitens des Männergefangvereins ein Ständchen gebracht worden war, erschienen am Festmorgen der Magistrat in pleno und eine Deputation der Strdwerordneten mit ihrem Vorsteher — Herrn Kaufmann Oelsner — an ihrer Spitze, um dem Jubilar in Anerkennung seiner Wirksamkeit für die Commune die von Magistrat und Stadtverordneten einstimmig ihm zuerkannte Ernennung zum Ehrenbürger hiesiger Stadt unter gleichzeitiger Ueberreichung eines von Schiffer in Breslau geschmackvoll ausgeführten Diploms feierlich anzuzeigen. Bald darauf brachten der Königliche. Landralh, die Vertreter der Garnison, der Herzoglichen Kammer, des Kreisgerichtes, der Geistlichkeit, die Beamten deS Magistrats, der Vorstand des Schützenvereivs und viele Freunde und Verehrer dem Jubilar ihre Wünsche dar. Der Vorstand der Synagogengemeinde — an dessen Spitze der Stadtverordnete Herr Dr. med. Reich, das Repräsentantencollegium und ver Rabbiner Dr. Cohn, brachten ihrem ausgezeichneten Mitgliede und früheren Vorsteher in ergreifenden Worten ihre Huldigungen dar und überreichten ihm als Gedenkzeichen des schonen Tages einen prächtigen silbernen Pokal mit entsprechender Inschrift. Die Chewra kadifcha legte sodann durch ihren Vorsteher, Herrn Stadtverordneten Ad. Löwenthal, ein von Spiegel in Breslau mit künstlerischem Geschicke ausgeführtes Diplom eines Ehrenmitgliedes des Vereins in die Hand des Jubelgreises, unr nachdem somit der officielle Theil des Festes abgeschlossen war, begannen die Freuden einer reichbesetzten Tafel, bei der es ebensowenig an herzlicher Innigkeit, wie an gelungenen Toasten fehlte. Berlin, 29. Juni. Aus der letzten Sitzung der städtischen Schuldeputation sind noch folgende interessante Punkte mitzutheileu: Dem Dr. Löwen stein ist mit Genehmigung des Cultusministers die Concession zur Errichtung einer Mittelknabenschule, wo es an einer derartigen Anstalt bis jetzt ganz fehlt, erlheilt worden. Es ist dies in Berlin der erste Fall, daß ein jüdischer Lehrer Vorsteher einer Privatschule wird. Dr Lowenstein soll noch protocollarisch die Verpflichtung übernehmen, den christlichen Religionsunterricht durch dazu geeignete Lehrer erlheilen zu lassen. — Es kam ferner zur Sprache, daß bereits in einer hiesigen (der 84.) Gemeindefchule an Kinder jüdischer Eltern jüdischer Religionsunterricht gegeben werde und solcher auch für weitere Gemeindeschulen bei eintretendem Bedürfniß in Aussicht genommen sei. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde soll deshalb gebeten werden, sich im Anschluß an den Normallehrplan unserer Gemeindeschulen über einen Lehrplan für diesen Unterricht mit Angabe der geeigneten Lehrbücher gutachtlich zu äußern. Frankfurt a. M., 29. Juli. Der „Correspondent v. u. f. Deutschland" schreibt: Soeben geht uns die Nachricht zu, daß Herr Dr. phil. Jakob Heule, ein langjähriger treuer Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung", nach längeren Leiden in vergangener Nacht gestorben ist. Jakob Heule war am 28. Octbr. 1803 zu Fürth geboren. Er war der älteste deutsche Journalist. Unermüdlich und niit aufopfernder Gewissenhaftigkeit erfüllte er seit 53 Jahren seinen Beruf in ungeschwächter Geisteskraft, hochgeschätzt von Allen, die ihn kannten. Bis zum Jahre 1845 war Henle eine lange Reihe von Jahren alleiniger verantwortlicher Redacteur des „Nürnberger Correspondenten". Im Jahre 1848 berichtete Henle über die Parlamentssitzungen für die gelesensten deutschen und ausländischen Blätter. Auch ging er mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart. Bon hier nach Frankfurt zurückgekehrt, vertrat er neben fleißigen Correspondenzen über Börse, Handel und Bolkswirthschaft die Berichterstattung aus den Sitzungen des gesetzgebenden Körpers und später aus den Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung anfänglich für das „Frankfurter Journal" und spater von ihrer Gründung an bis auf den heurigen Tag für die „Frankfurter Zeitung". Auch das Referat über die hiesigen Strafgerichte hat H. für letzteres Blatt während einer Reihe von Jahren in gewissenhaftester Weise besorgt. Er hatte ein wunderbares Gedächtniß: nur mit Hülse des letzteren lohne Stenographie) bearbeitete er stundenlange Sitzungen mit einer merkwürdigen plastischen Lebendigkeit und in fast wortgetreuer, klarer Darstellung des Geredeten, immer das Interessante und Wiffenswerthere gruppirend. Mit Henle ist eine seltene frische Kraft und ein reiches und kindliches Gemüthsleben — ein Ehrenmann und ein biederer Charakter in das Grab gestiegen. Oesterreich-Ungarn. Auö Galizien, im Juli. (Privatmitth.) Die Verhältnisse und Zustände der Juden in Galizien werden noch lange Zeit ein wunder Fleck an der Gesammtheit unsrer Glaubensgenoffenschaft in den civilisirten Ländern bleiben. Von der einen Seite haben sie gegen den fanatischen Haß der polnischen Bevölkerung zu kämpfen, der ebenso durch den Polonismus, wie durch den Ultramontanismus immerfort genährt und gesteigert wird. Gerade hierdurch ist es ihnen unmöglich gemacht, sich, wie anderswo, mir den nationalen Tendenzen zu amalgamiren, sondern sie müssen ihr Heil in der Verfassung suchen, die den Polen gleichbedeutend mit Deutschthum und Fremdherrschaft erscheint. Dies wiederum läßt die Polen in den Juden eine feindselige Race erblicken, und alle möglichen Mittel anwenven, um sie zu vernichten. Bon der anderen Seite haben die galizischen Juden den Obskurantismus und Chassidismus so in Blut und Fleisch ausgenommen, daß sie in ihrer Masse noch heute jeder wirklichen Civilisation ftemd sind, wozu dann eine so unglückliche volkswirthschaftliche Beschaffenheit des ganzen Landes kommt, daß die schädlichsten Auswüchse nicht ausbleibe» können. Es erklärt