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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-03 · Heft 32 (3.8.1875) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 32 (3.8.1875)
Date
1875-08-03
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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515 Kaiser gerühmt, und scheinst doch jetzt gegen ihn gesinnt zu sein, und seinen Feinden den Sieg zu wünschen?" ,Moh! hast Du Recht, KalonhmuS, und schlimm ist eS jedenfalls. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das römische Reich ist zerriffen, und der Kaiser, statt nach seiner Pflicht und Wurde die Streitenden zu versöhnen oder ihren Zwist zu unterdrücken, beiden Parteien aber gerecht zu werden — hat sich an die Spitze der einen gestellt, und will die andere mit Feuer und Schwert auSrotten. Da muß denn Jeder sehen, wo er bleibt, und dem Lande anhangen, dem er zugehört. Uns aber ist den Evangelischen gleich das härteste Loos beschieden. Die furchtbaren Banden schlagen auf uns wie auf diese los, vielleicht noch mehr. Denn ihnen ist es gleich, wem sie Gut und Leben rauben, und einen Unterschied zu machen, fallt ihnen nicht ein, und ist auch nicht von ihnen zu erwarten. Ob Jemand wehrlos ihnen entgegenkommt, oder ob sie in Sturm Stadt und Land einnehmen, ihr Schwert haut nieder, was es erreichen kann; sie rauben, was sie fortschleppen können, und was nicht, zerstören sie. Städte und Dörfer verschwinden vom Erdboden, und der Bauer laßt die Hand ruhen, da seine Erndte doch nur für die Feinde ist. Wer sollte da nicht gegen sie sein? . . ." Ein Schauer lief über den Körper des Knaben, und er ergriff seines Vaters Hand, als ob er Schutz bei ihm suche. Dann fing er wieder an: „Aber was kannst Du denn thun? Du hast doch nicht Flinte und Schwert, und wenn Du sie hattest, was vermöchtest Du gegen die starken, barbarischen Männer?" „Du hast Recht, mein Kind. Wir Juden sind nicht bestimmt, mit den Waffen in der Hand zu streiten. Man giebt uns solche nicht, und wenn wir selbst uns den Kämpfenden anschließen wollten, würde man uns fortjagen, als ob wir die gute Sache verpesteten. Aber desto mehr vermögen wir, ohne uns in den Kampf zu stürzen. Der Krieg bedarf vieler Dinge, um geführt werden zu können; die Heere muffen Speise und Trank, Waffen und Munition haben, und die müffen herbeigefchafft werden. Sie können der Führer auf den Wegen und der Nachrichten über die Unternehmungen der Feinde nicht entbehren. Da läßt sich Vieles ausrichten, und selbst durch den Einzelnen, wenn er schlau und gewandt ist, mehr als eine Büchse und ein Schwert vermag. Du wirst dies schon selbst erfahren. . . . Dazu braucht man aber oft mehr Kraft und Gewandheit, mehr Hingebung und Treue, als seine Brust in der Schlacht dem Feinde entgegenzuwerfen und dem tödtlichen Geschoß sich auszusetzen. Es ist ein gefährliches Spiel; denn der Gegner darf nicht wiffen, mit wem er es zu thun habe, ja muß sich einbilden, daß man auf seiner Seite stehe und ihm Dienste leiste. Der geringste Verrath ist dem Tode gleich, und der nächste Baum die Richtstätte des Berrathenen." Der Mann sprach diese letzten Worte dumpf in sich hinein, als ob er dies wie sein eigenes Geschick schon vor Augen habe. Doch schnell ermannte er sich wieder, richtete das Haupt empor, streckte den Arm gegen Süden aus und sprach mit fester Stimme: Was thm's? Wo Tausende und Zehnlaufende untergehen, darf der Einzelne nicht zurückschrecken vor demselben Schicksal! Er muß handeln, und glaubt er, seine Pflicht gethan zu haben, muß er sein Geschick in die Hand Gottes legen. Doch jetzt ist es Zeit. Ich kann Dich, mein Sohn, nur ermahnen, blindlings dem zu gehorchen, was ich Dir jetzt und in Zukunft vorschreiben werde. Du wirst später schon einsehen, weshalb es geschieht. Nur kurze Zeit, und Du wirst geschickt und verständig genug geworren sein, und im Nothfalle auch allein Dich zu benehmen wiffen. Und dann, dieser Alles verschlingende Krieg wird doch einmal wieder enden, oder wenigstens aus unsrem Lande weichen, und bann werden wir in der Ruhe und Sicherheit unsern Lohn finden."-Meir trat noch dichter an das User heran, schaute über die Wafferfläche und aus das jenseitige User mit forschenden Blicken. Aber er gewahrte nichts. Alles blieb still und einsam, und nur die Wellen des Stromes rauschten um die Ecke, die das User hier bildete, während die Sonne bereits ein Stück ihres täglichen Weges zurückgelegt Halle. Ein Westwind erhob sich, und flüsterte erst leise, bald fuhr er stärker durch die Kronen des Buschwerks und die runden Häupter der zahlreichen Weidenbäume, die weithin aus dem niederen Strauchwerk sich erhoben. Am westlichen Himmel stiegen graue Wolken auf. Da kehrte Mei'r zu seinem Sohne zurück. Er nahm eine rolhe Wollenmütze, wie die Bauern der Gegend sie zu tragen pflegten, aus rer Tasche heraus und zog sie ihm tief über den lockigen Kops. Dann band er einen starken Bart ihm um ras zarte Kinn, und ließ ihn den Wamms umgekehrt anziehen. Ein alter, halb abgestorbener Eichbaum, wahrscheinlich der einzige Zeuge eines längst verschwundenen Eichenkamps, erhob sich hoch über das Gebüsch in einiger Entfernung. Hierhin führte der Mann seinen Sohn, der schnell wie ein Eichkätzchen den Baum erkletterte, um von der Höhe aus zu erspähen, was wohl in weiterer und näherer Umgebung sich zeigen möge. Der Knabe rief dem Vater auch bald mit gedämpfter aber verständiger Stimme zu, daß er aus rer Straße, die sich fern im Westen hinzog, einen nicht unbedeutenden Trupp Reiter erblicke, die er als Kaiserliche erkenne, in ihrer Mitte befände sich eine ziemliche Anzahl Rinder, die sie mit aller Macht vorwärts trieben. Ihre Richtung scheine nach dem Lager der Kaiserlichen bei Gr. Ottersleben zu gehen. Me>r hörte aufmerksam zu, und nickte mit dem Kopse. Nach einer längeren Pause begann der Knabe von 'Neuem: „Am Rande res Waldes auf dem jenseitigen User bewegt sich etwas; jetzt treten sie heraus, es sind zwei Männer; sie hallen sich noch hinter den letzten Stämmen verborgen; jetzt werfen sie sich aus die Erde, und bewegen sich langsam über den Streifen Sandes, der Len Wald vom Schilfe trennt, welches das Ufer begrenzt. . . Jetzt sind sie darin, sie schieben einen kleinen Nachen aus dem Schilfe in das Waffer. Der eine Mann streckt sich aus dem Boden des Nachens nieder, während der andere die Ruder ergreift; und den Kahn über den Fluß treibt."

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