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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-03 · Heft 32 (3.8.1875) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 32 (3.8.1875)
Date
1875-08-03
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 des menschlichen Geistes begraben glaubte, wird in der letzten Zeit wieder an's Tageslicht gezogen, um als Waffe für die an vielen Orten ces russischen Reiches herrschenden Judenhetzereien zu dienen. Wieder taucht in vielen Gegenden Rußlands der Aberglaube aus, die Juden gebrauchen zu religiösen Ceremonien bei ihrem Passahfest frisches Christenblut, zu welchem Zwecke sie Christenkinder stehlen, um sie abzuschlachten. Dieses Märchen, so absurd es auch ist, war bis vor kurzer Zeit für viele jüdische Gemeinden in Rußland verhängnißvoll; selten verging ihnen früher ein Paffahfest, ohne daß mehrere Mitglieder derselben des Kindermordes angeschuldigt und in's Gesängniß geworfen wurden. Seil aber der geniale Profeffor Chwolson in seiner geistvollen Schrift: „Ueber einige mittelalterliche Anschuldungen gegen die Juden" riesen Aberglauben an den Pranger stellte, hörten derartige monströse Processe auf. Bezeichnend für unsere Verhältnisse ist es, daß jetzt ein russisches Blatt sich jede erdenkliche Mühe giebt, dieses Märchen glaubwürdig hinzufiellen. In der jüngsten Zeit verschwand in Perm ein Kind christlicher Eltern; der Pöbel, angestachelt von Judenhetzern, beschuldigte eine Jüdin, das Kind gestohlen und es geschlachtet zu haben; ja Einige wollen sogar das abgeschlachtete Kind mit dem Kopfe nach unten in einem Wandschranke in der Wohnung der Jüdin gesehen haben. Zu den Letzteren gehört auch ein Correspondent eines vielgelesenen russischen Blattes, der „Zeitgenössischen Nachrichten". Dieses ehrenvolle Blatt bestätigt nicht nur daS „übrigens unzweifelhafte Faktum", sondern führt noch mehrere „Fakta" auf, die sich in anderen Theilen des Reiches zugetragen haben sollen. Diese „gedruckte Lüge" mußte widerlegt werden, um nicht dem Aberglauben frische Wurzel zu verleihen. Der Kiewer Rabbiner Zuckermann sandte eine telegraphische Depesche an den Gouverneur von Perm und bat um Aufklärung in dieser Angelegenheit. Natürlich fiel die Antwort des Gouverneurs so aus, daß die „Ztg. Nachr." ihr „unzweifelhaftes Faktum" von der Abschlachtung eines Christenkindes in Perm widerrufen mußten. Ieuil Die Treue. Erzählung. „Ein furchtbarer Kriegssturm, fuhr der Bater fort, das siehst Du, rast über das Land hin, und die feindlichen Heere zertreten es mit ehernen Füßen. Fast so lange Du athmest, mein Sohn, ist dieser Kampf rer Deutschen gegen Deutsche schon entbrannt und wer weiß es, wie lange er noch währen, und wie er enden werde. Dort unten im Böhmerlande entzündete er sich, zog hin und her, bis er auch unsere Landschaft ergriff und sie immer mehr verheerte. Die sich gegenüber stehen, sind die Ziatholischen und die Evangelischen. Jene wollen diese nicht bestehen lassen, ihre Kirchen zerstören, ihre Pastoren verjagen, und Alle zwingen, sich dem Papste in Rom wieder zu unterwerfen. Aber es steckt doch noch etwas Anderes dahinter. Die Fürsten und die Städte wollen sich ihren evangelischen Glauben nicht nehmen lassen, und da der Kaiser an der Spitze der Katholischen steht, wenden sie ihre Schwerter auch gegen ihn, wollen seinen Geboten nicht gehorchen, und machen sich unabhängig von Kaiser und Reich. Ja, in ihrer Roth nehmen sie die Hülfe der Fremden in Anspruch. Zuerst kam der Dänenkönig in's Land, dem aber bald das Garaus gemacht wurde; jetzt aber ist der Schwedenkönig gelandet, Gustav Adolf, mit einem tapferen Heere, und zieht siegreich gegen die Kaiserlichen vor. Du weißt es, wir haben jetzt die kaiserlichen Schaaren, mit dem furchtbaren Feld- Herrn Tilly an der Spitze, hier im Lande, und Schrecken und Verwüstung gehen vor ihm her. Sein Hauptziel ist, die große und reiche Stadt Magdeburg sich zu unterwerfen; sie aber wider- [ e t o n. steht ihm mit aller Macht, und der Schwedenkönig hat einen Feldherrn mit gutem Golde versehen hineingeschickt, und so schwer auch der Kampf ist, die mannhaften Bürger Hallen ihn immer noch aus. Gustav Adolf hat wiederholt versprochen, der bedrängten Stadt mit seinem Heere zu Hülfe zu kommen. Doch die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eifersüchtig auf seine Siege, und fürchtend, daß er ihrer selbst Herr würde, halten seinen Marsch auf. So kommt es, daß die Stadt immer enger eingeschlossen, und vielleicht bald eine Beute des bayerischen Feldherrn wird." „Und was wird denn aus der Stadt, lieber Vater?" fragte der Knabe. „Das weiß Gott! Ich glaube, daß Tilly der Stadt gerne keinen großen Schaden zufügen möchte, damit er sie zu einem festen Bollwerk der kaiserlichen Macht in diesem Theile des römischen Reiches machen könne, zu einem sicheren Stützpunkt, wo er alle Vorräthe aufzuhäufen vermöchte. Aber wer kann der Kriegsfurie Einhalt thun, wenn sie einmal losgelaffen? . . Der Mann schien eine Zeit lang sich im Nachdenken zu verlieren. Dann sprach er wie für sich hin: es ist nothwenvig, daß sich die Stadt so lange wie möglich hält, damit der Schwedenkönig doch vielleicht vor ihrem Falle noch hierher gelange; wo nicht, wäre eS besser, sie wird niedergeworfen und eingeäschert, um den Absichten des Feindes nicht selbst die größte Stärke verleihen zu müssen. Aus ihrer Asche kann sie sich wieder erheben, wenn das Land frei geworden; sonst aber wird die Herrschaft der Katholischen hier niemals wieder aufhören . . ." „Aber wie, Vater?" wandte jetzt der Knabe ein. „Du hast mir doch selbst eben die Treue unsere« Urahns gegen den

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