Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-08-03 · Heft 32 (3.8.1875) · p. Seite 511

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 32 (3.8.1875)
Date
1875-08-03
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227047--33723-3303540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

511 öffentlichen Meinung dieses Sykophantenthum gekennzeichnet, welches dem verhaltenen Groll über seine politische Döcadence in persönlichen Denunciationen Luft zu machen suchte. Jetzt, nachdem sich die Wogen der Indignation einigermaßen verlausen haben, bemüht sich endlich das fromme Junkerblatt, seine Anklagen abzuschwächen. Es erklärt nämlich, daß es „den Herren Delbrück und Camphausen nach der Seile ihres persönlichen Verhaltens unbedenklich die Eigenschaften der berühmten preuß. Bureaukratie zuerkenne, ja Herrn Delbrück sogar für den Typus dieser mehr und mehr verschwindenden merkwürdigen altpreußischen Beamtenwelt halte". Um aber ihr plötzliches Fiasco bestmöglich zu bemänteln, beginnt die Kreuzzeitung eine Serie von Artikeln, welche offenbar, was bei Camphausen und Delbrück mißlang, au den Abgeordneten Lasker, Bamberger und Oppenheim nachholen sollen. Sie will ausführlich darlegen, daß „die Sache der vom Judenihum beherrschten hohen Finanz in den Parlamenten durch diese drei Depulirten geführt werde". Es gehört eine maßlose Dreistigkeit dazu, den nämlichen Lasker, welcher in den Berliner Finanzkreisen Persona ingraiissima ist, zum parlamentarischen Geschäftsführer derselben stempeln zu wollen. Aber der frommen journalistischen Phryne geht es offenbar nur darum, ein paar Juden zu verbrennen, damit der Rauch dieses Autodafes die jüngste Niederlage gnädigst verhülle." Man sieht, daß des ganzen Pudels Kern der alte Haß der Kreuzzeitung gegen die Juden ist, und es nur einen Feldzug gegen diese galt und gilt. Nun, wohl bekomm' es'. Oesterreich-Ungarn. Aus Ungarn, im Juli. iPrivarmitth.) Bei der diesjährigen Reichslagswahl fungirte zum ersten Male eine Jude als Wahlpräses und zwar der als Arzt und Mensch gleich ausgezeichnete vr. Josef Popper in Miskolcz. Als er dem neugewählten Depulirten sein Mandat übergab, hob er in seiner von Tausenden mit stürmischer Begeisterung aufgenommenen Ansprache besonders hervor, daß zum ersten Male ein israelitischer Wahlpräses das Reichstagsmandat dem einfachen Bürger überreicht. Der neugewahlte ist Christ. Pest, l9. Juli. (Privatm.) Die hiesigen sogen. Schomre- Hadath haben gestern, wie P. Bl. berichten, in einem argen, der Pietät und der öffentlichen Ordnung hohnsprechenden Skandale einen Beweis ihrer ebenso traurigen wie bedauernswerthen Existenz gegeben. Letzten Freitag starb ein aus Tarczal zum Besuche hier anwesender angeblicher Rabbi, ein Anhänger der Schomre-Hadalh. Die mit der hiesigen Cultusgemeinde in innigem Zusammenhänge stehende Chewra-Kadischa, ein humanitärer Verein im wahren Sinne, erklärte sich sofort bereit, den Verstorbenen zur letzten Ruhe bestatten zu lasten. Gestern Vormittag 10 Uhr sollte das Leichenbegängniß stattfinden: der Sarg wurde aus der Wohnung in den Hof getragen, wo man sich anschicken wollte', eine Trauerrede zu halten. Auf die Bemerkung. daß zur Abhaltung von Reden die vorhergängige Anzeige beim Vorstände nothwendig sei, wurde von dem Vorhaben abgelasten und der Sarg in den Wagen gehoben. Während der Zug sich bewegte, bemerkte man unter den gerade hier anwesenden Anhängern der Schomre-Hadath eine ziemlich starke Aufregung. Einige Fanatiker fielen an der Ecke der Straße den Pferden in die Zügel und wollten den Sarg vom Wagen nehmen, noch gelang es aber den Besonnenern, den Skandal hintanzuhalten. Vor dem Orczy'schen Hause, in dem sich das Betlocal der Schomre-Hadath befindet, ließen sich die Fanatiker nicht mehr halten: sie hießen den Wagen stehen bleiben. risten rasch den Sarg vom Wagen und schleppten denselben in ihr Betlocal, wo der Rabbiner von b. Gyarmalh eine fanatische Rede hielt. Mittlerweile war der Leichenwagen davon gefahren und es blieb den Skandalmachern nichts übrig als den Sarg auf die Schultern zu nehmen und nach dem weit von der Stadt liegenden Friedhof zu tragen. Gegen die Haupträdelsführer ist die Untersuchung bereits ein geleitet. Auö Galizien, 15. Juli. Wenn wir in Folgendem einen näheren Bericht über die Gerichtsverhandlung gegen den chassivischen Rebbe Halberstamm in Neu-Sandec unter den Zeitungsnachrichten statt etwa im Feuilleton geben, so geschieht dies, weil der ganzen Angelegenheit ein wichtiges Culturintereffe innewohnt. Der Bann ist bekanntlich eine giftige Blüthe, die am Stamme des Jueenthums erst spät, unter der Regierung des Herodes ausbrach, also zum Vorschein kam mit dem Ende des jüdischen Staates (Der Dann in seiner geschichtlichen Entwickelung auf dem Boden des Judenthums", Leipzig, 1864. herausgegeben durch das Institut z. Förd. d. isr. Lit.). Daß er nunmehr durch den Staat, wie es bereits in den westlichen Ländern Europa'« geschehen ist, wieder verschwindet, ist nicht mehr als billig. Allerdings gelingt dies dem Staate am ehesten, wo die Cultur im Volke die Existenz des Bannes illusorisch gemacht hat. In den westeuropäischen Ländern würde ein Rabbiner, der den Bann ausspräche, sich einfach lächerlich machen. Bei unseren osteuropäischen Glaubensgenosten ist, wie man an dem Vorfall sieht, dies noch nicht der Fall, und unter Umständen der Bann kein Spielwerk, sondern von den schwersten Folgen für den Betroffenen. Der Rabbi Halberstamm wird seine Strafe verbüßen; aber das Loos des excommunicirten Kaufmann Ameisen wirr dadurch nicht erleichtert, sondern erschwert, und wird er genöthigt sein, Neu-Sandec zu verlasten. Um den Lesern deshalb den Einblick in dieses ganze Berhälmiß zu erleichtern, geben wir hier vollständig den Bericht wieder, welchen die „N. fr. Pr." darüber enthält: In welch' geistig kläglichem Zustande ein bedeutender Theil der jüdischen Bevölkerung in Galizien sich befindet, wie derselbe noch immer mitten in Europa, unbekümmert um die lichtvollen Errungenschaften der vorwärtsstrebenden Neuzeit, abseits von der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.