Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 32 (3.8.1875)
- Date
- 1875-08-03
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
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506 Dies verhindert aber nicht, der Kreuzzeitung vorzuwerfen, daß sie sich eines tadelnswerthen Parteimittels bedient, indem sie wohl die Persönlichkeiten angreift, aber nicht die Sachen und Facien an und für sich. Sie verwirft zwar „das Geheimniß unserer Zeit, keine Zinsen zu verlieren", „das Actiengesetz von 1870", die Maß- und Gewcchtsreform", „das Münzgesetz", „das Vorgehen in den Eisenbahnfragen", die „möglichst vollständige Verduftung der Milliarden", die „Anlageweise des Invalidensonds", die „neuen Bankacie", aber sie sagt nicht warum, sie zeigt nicht, wie es Halle anders gemacht und gehalten werden sollen! Sie verwirft sie alle Tage, wo sie sich als unzweckmäßig, als unpraklisch bewiesen haben. Warum hat die Partei der Kreuzzeitung ihre Stimme, sei es im Parlament, sei es in der Preffe nicht erhoben, als die betreffenden Gesetze eingebrachl worden? Sie beweist somit, daß sie selbst es nicht bester hätte machen können und begnügt sich p.>^t fesium, nachdem fast Alle zu derselben Meinung gekommen sind, die Gesetze als schlecht zu tadeln und die dabei betheiligten Persönlichkeiten in den Staub zu ziehen, und da nun einmal Juden dabei Einfluß zu haben gehabl scheinen, der ganzen Judenschafr die Ehre anzuthun, sie als das Land regierend und somit an allen Nebeln schuldig zu erklären. Anders wäre es gewesen, wenn die conservative und ultramontane Partei die wahren Interessen ces Volks erkannt und bei Einbringung der verschiedenen Gesetze Gegenprojecte vorgelegt Hane. — Und das Spiel wäre ihnen leicht gewesen. Recht hätte die Partei, tadelnd ihre Stimme vernehmen zu laffen, wenn sie zur Zeit das fetzige Münzgesetz bekämpft hätte, ein Gesetz, welches den Eintritt Deutschlands in den Welthandel und die Welrindustrie hätte erleichtern sollen, welches in Wirklichkeit aber dem jungen Tlaaie gleich Ausgaben Zuschnitt, an die längst erprobte Culturläncer sich nicht getraut haben. Wie wäre es jener Parlei leicht gewesen, hervorznheben, daß, nachdem Deutschland seinen alten Rivalen Frankreich auf so vielen Feldern des Geistes und der Waffen geschlagen, es sich nichts vergäbe, wenn es diesem Rivalen Systeme, Einrichtungen und Gesetze entnähme, die sich aus ras glänzendste in einem Lande bewährt haben, welches durch die Bereinigung einer glücklichen Agricultur und einer vollendeten Industrie sich als erster Staat des materiellen Wohlstandes erwiesen hat und in dieser Beziehung unbestreitbar an der Spitze der Civilisation marschiert; ein Umstand, dem — es sei nebenbei bemerkt — Frankreich auch zum großen Theil den streng ehrlichen und soliden Geschäfts- und Productivprincipien und der großen Sparsamkeit des Volkes verdankt. Denn wie sich in Paris unter der Oberfläche des Luxus und der Verderbheil einer Elaste die große Maste der unermüdlichen, strebsamen Bevölkerung befindet, so ist auch in ganz Frankreich die Majorität des Volkes eine ernsthafte, thätige, ehrliche, wenn auch in Len politischen und administrativen Kreisen der Nepotismus, die Mittelmäßigkeit und selbst Eorruption zu Hause sind. Letzteres ist eben die unausbleibliche Folge der häufigen Veränderungen in Politik und System. — Doch kommen wir zu unserer Frage zurück. Warum adoptirte Deutschland nicht das Münzsystem der lateinischen Union? Was würde ihm an Geld, Mühe und Gehorsam erspart sein, die es sich durch die Durchführung der alleinigen Goldwährung zugezogen hat. Wir wollen die in letzter Zeit zu häufig viscutirten Fragen, ob Gold-, ob Silber-, ob Doppelwährung nicht wieder aufnehmen, weisen aber aus die enormen Vortheile hin, die den vier Ländern durch die Einigung des Münzsystemes erwachsen sind, und die wir hier z. B. in Belgien praktisch alltäglich verfolgen können. Die enormen Vortheile, die Deutschland durch die Aunahme des Frankensystems und der Doppelwährung erstanden wären, wollen wir hier augenblicklich nicht weiter verfolgen, sondern nur Daraus aufmerksam machen, daß bei richtiger Menagirung, Verwerthung und Anlage der rapide sich folgenden Milliardenzahlung die zu gleicher Zeit erfolgende Annahme reS französischen Münzsystemes gerade Frankreich zum großen Vortheile DeuffchlandS, hätte schädlich werden können. Doch diese Fragen der Anwendung und augenblicklichen Verwerthung der Milliarden und des Jnvalidenfonds und damit Vas Münzsystem, die Bankacte, sind alles Dinge, die durchaus miteinander in Verbindung stehen, und einer gleichmäßigen und systematischen Lösung hätten unterworfen werden muffen. Denn was wollen ein paar Millionen, selbst 50 Millionen Zinsen sagen, wenn durch eine falsche Verwerthung, Anlage und Bertheilung so großer Summen der ganze Handel, die ganze Industrie, das ganze Volks, leben in jedweder Beziehung auf eine falsche Richtung, einen falschen Weg geleitet wurden? Warum haben sich keine Leute in jener Zeit gesunden, die sich der Rückzahlung der deutschen Staatsschulden opponirten? Da dieselben sich nicht im Auslande befanden, sondern in den Händen der vorsichtigen Staatsbürger, hat die Regierung denselben die Art einer sicheren Anlage benommen und sie fast selbst in die Arme der Schwindler geworfen, die den Capiralisten für ras vom Staate zurückgegebene Geld ihre Schwinrelactien in den Kasten gaben. Ueberall errichtet man Sparcaffen, damit kleine Leute sicher ihr Geld verzinsen können, warum weist der Staat diese Rolle zurück, die doch zum Wohle der Bürger dient? Warum hat der Staat, anstatt seine Schulden zurückzuzahlen, für das vorhandene Geld nicht auswärtige gute Sraarspapiere erworben, die in den Zeiten der großen Roth des Krieges, so gut wie Gold, wie seine Kriegsfonds sind. — Die Regierung har aber auch hierin keine Lehre aus den letzten Ereignissen gezogen, die da bewiesen haben, daß, wenn ein Land Schuldner im Auslande besitzt, dies gleich baarem Gelve ist, wenn es dagegen Gläubiger im Lande selbst hat, keine Last davon trägt. — Gehen wir zur dritten Frage, die oben angeregt ist, über, zur Frage der Bankacte. Da wirft sich wieder die Frage aus, weshalb hat Deutschland sich gerade an ein System d. h. das englische angelehnt, welches im Lande selbst, wo es