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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-27 · Heft 31 (27.7.1875) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 31 (27.7.1875)
Date
1875-07-27
Page
Seite 498 (sequence 12)
Language
German
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498 strahle von ferne und mußte wohl die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich ziehen. Unser Mann jedoch blieb so lange in den Anblick versunken, daß ihn offenbar etwas mehr als dieser landschaftliche Reiz bewegen mußte. Da berührte ihn nach einiger Zeit leise die Hand des Sohnes, und dieser sprach: „Vater, was schaust Du so lange nach der Stadt hin, die Dir doch genau bekannt ist, und deren Anblick Dir nichts Neues bieten kann?" Der Mann ergriff, ohne sich umzuwenden, die Hand des Knaben, und erwiderte mit bewegter Stimme: „Weil ich fürchte, daß wir diese Stadt, diesen prächtigen Dom und seine gewaltigen Thürme nicht mehr lange so sehen werden, wie sie jetzt da- stehen . . Er sprach dies in einem Jargon. den wir hier wiederzugeben uns nicht veranlaßt sehen, um so weniger, als er aus der Zeit, in welche wir uns zu versetzen haben, dem gegenwärtigen Geschlechte fast unverständlich fein würde. „Du hast, Kalonymus, in voriger Woche mit mir die Städtchen und Dörfer durchstreift, welche zwischen hier und jener unglücklichen Stadt gelegen sind. Es hat Dich ja zu Thränen gerührt, als Du sie alle zerstört, verbrannt, in Trümmern gefunden, die Du früher so stattlich, ja glänzend von Fülle und Wohlhabenheit, von großem Verkehr belebt, gekannt hast. Wir haben da reichlich unser Stücklein Lrod erworben, wo jetzt nur Hunger und Elend weilen, und brutale Krieger gleichgültig an ihrem Werk der Zerstörung vorübergehen. Nun, dasielbe Schicksal bedroht dort die Stadt; die Kaiserlichen haben sie schon eng eingeschloffen, und die festen Werke am rechten User eingenommen, sogar ohne allzugroße Opfer, denn der schwedische General, der in der Stadt commandirt, sah sich, um seine Leute nicht nutzlos zu opfern, genöthigt. Auge der Jugend, und als der Vater sich zu ihm wandte und ihm gebot, sich auf den Stumpf eines abgehauenen Baumes zu setzen, hatte er bereits sich wieder gefaßt. Der Mann ließ sich ihm gegenüber auf einem großen Stein nieder. Der Knabe unterbrach zuerst das Stillschweigen, und in einem bescheidenen Tone, etwas zögernd, redete er seinen Vater an: „Vater, darf ich Dich fragen, warum Du an dem Schicksale jener Stadt einen so großen Antheil nimmst? Wir sind doch die zerstörten Städte Salze, Schönebeck, Frohse und all' die mitgenommenen Dörfer durchwandert, und Du schienest ihr Schicksal ruhig, fast wie eine selbstverständliche Sache zu betrachten, und hier scheint Dich schon die Vorstellung, was aus jener Stadt werden könne, tief zu betrüben? Und doch waren jene Städtchen uns stets gastfreundlich geöffnet, während dieses Magdeburg uns, wie Du mir erzählt Haft, schon vor langen Zeiten aus seinen Mauern vertrieben, und hartnäckig jedem unseres Stammes den Eingang verboten hat. so daß wir des Tages kaum einige Stunden darin verweilen dürfen? . . ." „Du hast, mein Sohn," begann nach einer Pause der Barer mit tiefem Ernste, das Haupt auf die Hand gestützt, welche die Krücke seines starken Wanderstabes gefaßt hielt, „Du hast gestern Deine Bar mizwa gefeiert und uns großes Vergnügen durch die Drascha bereitet, die Dir der Melammed eingelernt hatte. Du bist nun ein Mann, verantwortlich für Dein Thun und Lasten, und da mußt Du auch Alles wiffen, was Dich und uns angeht, und da der Heilige, gelobt sei er! Dich klug und gesund gemacht, wirst Du auch Alles verstehen, was ich Dir mittheilen werde. Ich weiß, Du wirst immer ein guter. die Werke dem Feinde preiszugeben und sich über den Fluß iu > gehorsamer Sohn sein, und sollte ich einmal nicht mehr sein, die Stadt zurückzuziehen. Der Feind hat die Werke besetzt und; wirst Du die Stütze Deiner Mutter werden, unv ihr eine zwiegreist die Stadt von ihnen aus mit um so stärkerem Nachdruck l fache Ehrfurcht widmen, und es wird Dir dann Wohlergehen im an . . „Nun," fügte er mit einem Seufzer hinzu, „da wird < Leben, und der Segen Deines Vaters wird auf Dir ruhen .. es bald kommen, daß die wilden Schaaren der Croalen und: Da sprang der Knabe auf, ergriff die Hanv seines Vaters und Slovaken, rer Böhmen und Bayern über die Wälle steigen, und küßte sie innigst. Dieser aber winkte ihm, sich wieder zu setzen, die Brandfackel in die mit Gütern angefüllten Häuser schleudern, und sprach: „Wir haben noch Zeit. Den ich erwarte, er muß daß ein Flammenmeer den Dom umringt und an dessen Thürnoch eine längere Zeit ausbleiben. Höre daher zu, was ich Dir men emporleckt, und schwarze Rauchwolken die ganze Stadt bezu sagen habe. Doch zuvor muß ich Dir Etwas erzählen aus recken, nur von rem Wuthgeschrei der Plünderer und dem alter, vergangener Zeit. — Ist es Dir niemals ausgefallen, Wehgeheul der gemordeten und geschändeten Bewohner durchmein Sohn, daß Du einen Namen führst, wie keiner von unseren brochen, und siehst Du, wie die Krone des einen Thurmes durch Leuten in der ganzen Umgegend hat? Doch bist Du nur nach ein schweres Geschoß schon in den Staub geworfen ward, so meinem Großvater, gesegneten Andenkens, benannt, den Du nawird sich auch die andere beugen und in das Flammenmeer türlich nicht gekannt, aber von dem Du gehört hast. Nun, mein Hinunterstürzen . . . Von der großen reichen Handelsstadt wird Großvater führte auch nur den Namen eines Ahns, und so weist wenig übrig bleiben, und fragen wird es sich, ob das kommende dieser Name in unserer Familie auf viele, viele Jahrhunderte Geschlecht Kraft und Mittel genug besitzen werde, auf ihrer zurück. Damals lebte ein Kalonymus, auch ben Metr, wie Du Trümmerstätte eine neue, aufblüheade Stadt wieder zu erheißest, unv war groß und reich, beliebt bei dem Kaiser, der richten . . Der Knabe war durch die grausigen Bilder, die damals regierte, unv Otto II. hieß. Dessen Vater hatte jene ihm fein Vater vor die Seele geführt, erschrocken, und die be- Stadt gebaut, über deren Schicksal ich jetzt so besorgt bin. Aus wegte Stimme, mit der jener sprach, drängte eine Thräne in einem kleinen Fifcherdorfe hatteer sie zu der stattlichen Handelsseine großen dunklen Augen. Solche trocknet aber schnell im; stadt am Elbstrome erhoben. Der Kaiser, dessen Günstling unser

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