Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1875)
- Date
- 1875-07-27
- Page
- Seite 499 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227046--33710-3303526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
499 Urvater Kalonymus war, herrschte über ein großes Reich, und hatte deshalb blutige Kriege zu führen sein Lebelang. Gegen die Ungläubigen. Sarazenen und Griechen führte er seine Heere, um dort unten das Land, das man Jtalia nennt, und das ihm unterthan war, zu beschützen und seine Herrschaft auszudehnen. Da kam es einst zu einer großen Schlacht am Ufer des Meeres bei einem kleinen Orte, den man Basantello nannte. Unser Urahn war im Geleite des Kaisers, als er in die Schlacht ritt; er that es aus seinem Rosse und ein Schwert in der Hand. Denn damals war unser Geschlecht noch nicht so bedrückt und verachtet, und nicht Wenige desselben galten viel bei Königen und Fürsten. Die Schlacht war blutig, und obschon der Kaiser und seine Ritter Wunder der Tapferkeit thaten, und Tausende der Sarazenen und Griechen niedermaheten, war doch deren Uebermacht zu groß, und nach und nach sanken die Ritter und ihre Mannen zu Tode getroffen sammt ihren Rossen. Da nahte die Gefahr auch dem Kaiser, der sich mitten unter die Feinde gestürzt. Seine Lanze war gebrochen, seine Getreuen gefallen, und nur mit seinem scharfen Schwerte hielt er die Feinde noch ringsum von seiner Person ab. Jetzt brach auch sein Roß, von einem Lanzenstiche durchbohrt, zusammen. Kalonymus aber, der treue Jude, der seinen Herrn über Alles lieble, hatte über ihn gewacht. Vielleicht hatte er, von der Leidenschaft des Kampfes weniger verblendet, den Ausgang der Schlacht vorausgesehen. Schon beim Beginne derselben hatte er sich dem Gefolge des Kaisers entzogen, war das Ufer des Meeres entlang geeilt, bis er nicht weit von demselben ein Schiff gewahrte, und dasselbe durch Zeichen bestimmte, dem Schauplatze des Kampfes sich zu nähern und dicht am Ufer anzulegen. Dann eilte er auf das Schlachtfeld zurück, und eben gelangte er dahin, als der Kaiser, nur noch von wenigen Fußgängern vertheidigt, vom Pferde sank. Rasch war Kalonymus an seiner Seite, stieg vom Pferde, half dem Kaiser auf sein Roß und eilte mit ihm, von Sperren und Pfeilen verfolgt, über das Schlachtfeld nach dem Schiffe hin. Der Schiffsherr weigerte sich jedoch, den flüchtigen Kaiser aufzunehmen, fürchtend die Verfolgung und den Haß der Sarazenen. Da übergab ihm Kalonymus alles Gold, was er in den Taschen und Nähten seines Gewandes verborgen hatte, und das Schiff ließ seine Segel schwellen, seine Ruder bewegen, fuhr von dannen und brachte den Kaiser und seinen Diener zu einem schützenden Der Knabe halte athemlos zugehört, und sein Angesicht erschien von der edlen Helrenthat seines Urahns wie verklärt. Nach kurzem Stillschweigen fuhr der Vater fort: Nun, der Kaiser zeigte sich dankbar. Als er in seine Erblande glücklich zurückgekehrt, führte er unsren Vorfahren mit sich und verlieh ihm ein Privilegium, das ihn und seine 'Nachkommen für alle Zeiten von allen Abgaben und Lasten befreite und ihnen erlaubte, im ganzen römischen Reiche sich niederzulaffen, wo sie wollten. So ist unsre Familie in diesem Lande ansässig geworden. Freilich, mit der Zeit verblich das Andenken auch dieses Kaisers, und seine Urkunde verlor bei den gewaltthärigen Menschen ihr Ansehen und Gewicht. Als die Juden aus Mageburg verjagt wurden, machte man keine Ausnahme für unser Geschlecht; auch wir wurden durch die Länder getrieben; aber die alte Heimstätte zog uns immer wieder an, und der letzte Kalonymus ließ sich in unsrem Städtchen Barby nieder, wo wir seitdem ungestört lebten. Aber, mein Sohn, ist auch die Urkunde verschwunden, so blieb doch der Geist unsres Vorfahren lebendig in seiner 'Nachkommenschaft, und kein Glied derselben ist von dem Pfade der Redlichkeit und Treue abgewichen. Die Menschen rings um uns, die Christen bilden sich ein, weil sie uns Juden mißhandeln und verhöhnen, müßten wir voll Rache und Haffes sein, weil sie uns drücken und beschränken und uns die Luft nicht gönnen, die wir athmen, und das Brod, das wir verzehren, müßten wir voll Hinterlist und Tücke sein, um uns zu ersetzen, reffen sie uns berauben. Aber Gott weiß es, es ist nicht so. Wir lieben den Frieden und sind Jedem dankbar, der uns in Frieden läßt. Wer es offen und ehrlich mit uns meint, findet Gradheit und Freundschaft bei uns. Auch das meinen sie, weil sie uns in enge Gaffen sperren und uns fernhalten von Allem, was Stadt und Land betrifft, bekümmerten wir uns nicht darum, und lebten nur in unsere Gaffe hinein, unbesorgt, ob es draußen stürmt oder das Sonnenlicht auf den üppigen Feldern liegt. Aber auch wir haben ein Herz für das Vaterland, wenn es uns auch solches nicht sein will, für den Herrscher und die Obrigkeit, die uns Recht und Schutz verleihen, wenn auch nur kargen Schutz und ein sehr beschränktes Recht. Und wie sollte das Geschick der Welt uns gleichgültig lassen, aus dem auch für unS Freud und Leid entspringt, und die Siege unseres -Landes unsere Siege, seine Niederlagen auch die unsrigen sind? . Der Knabe zeigte durch seine Aufmerksamkeit und den Ernst, der sich auf sein frisches, schönes Antlitz gelagert, wie er den Vater verstehe, und dessen Worte in sein Herz aufnahm. Nach einigem Stillschweigen hob er an: „Was Du mir sagst, lieber Vater, ist gewiß wahr und recht und soll auch mir die Richtschnur meines Lebens sein. Aber darf ich Dich auch fragen, was denn bedeutet, was um uns vorgeht und das auch uns so traurig betroffen hat? In diesem furchtbaren Kriege, auf welcher Seite stehen wir, und wozu haben wir den Gang an diese Stelle des Ufers gemacht?" Ueber das Angesicht des Vaters flog es wie ein Leuchten der Freude. Er sah sich von seinem Sohne verstanden und reffen Geist seinen eigenen Worten voraneilen. Er nickte ihm lächelnd zu, und sprach: „Du sollst Alles wissen. Ich habe Dich schon erprobt. Du kannst ein Geheimniß in Deine Brust verschließen, daß man auf Deinem Angesicht nicht liest, was in Deinem Geiste lebt und in Deinem Herzen pocht." (Fortsetzung folgt.)