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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-27 · Heft 31 (27.7.1875) · p. Seite 493

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 31 (27.7.1875)
Date
1875-07-27
Page
Seite 493 (sequence 7)
Language
German
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493 Gotteshäuser rhälig gewesen, und wie sein ganzes Streben darauf gerichtet war, die Lage der Landgemeinden in synagogaler Beziehung zu verbeffern. Er rühmte dessen hohe, fast an Schwache grenzende Friedensliebe und schilderte das friedvolle Verhältnis das zwischen ihm und seiner Gemeinde gewaltet. Obwohl der Verstorbene von verschiedenen bedeutenden Gemeinden die glänzendsten Berusungen erhalten, so wollte er dennoch nicht aus einem ihm so liebgewordenen Kreise scheiden, welcher nicht wie anderswo in religiöse Parteien gespalten war und in welchem noch ein so schöner religiöser Geist herrscht. Am Schluffe seiner Rede, welche auf alle Anwesenden den erhebendsten Eindruck gemacht, forderte der Redner zum Frieden und zum ferneren Zusammenhalten auf, indem er auf den Tod des Hohenpriesters hinwies, welchem eine Aera allgemeinen Friedens und allgemeiner Versöhnung folgte. Durch seine segensreiche Wirksamkeit habe Oberrabbiner Kahn sich das unvergeßlichste Andenken erworben, das ihm seine Gemeinden in pietätvoller Treue bewahren werden. Entsprechende Gebete der beiden Herren Redner schloffen diesen feierlichen aber traurigen Act. Möge Gott die trauernde Familie in ihrem gerechten Schmerze wieder ausrichten und die Seele des verdienstvollen Entschlafenen aufnehmen in den Bund des ewigen Lebens, rYs'xVr. — (Auch wir beklagen in dem Hinscheiden des Berewigten den Verlust eines Jahrzehnte hindurch uns befreundeten College», eines Mannes, der in allen Lagen und Berhältniffen mit treuester Hingebung seine Ueberzeugung offenmülhig aussprach und thatkrästig bewährte. Er besaß einen wahrhaften Enthusiasmus für die Reform des jüdisch-religiösen Lebens und besonders des Gottesdienstes, der jedoch niemals in Fanatismus ausartete, sondern die Menge und womöglich selbst die Gegner durch Schonung und vermittelnde Berücksichtigung zu gewinnen suchte. In diesem Sinne nahm er an den Rabbinerversammlungen thatigen Antheil und begrüßte die Synoden zu Leipzig und Augsburg, von denen er sich mit Betrübniß durch unentbehrliche Badekuren ausgeschloffcn sah. Hat Kahn für seine Ansichten nicht durch größere literarische Leistungen gewirkt, so wird doch sein Name dauernd unter den strebsamsten und pflichtgetreuesten Rabbinern unserer Zeit dauernd genannt werden. llr. L. IM».) Breöla«, 16. Juli. (Privatmitlh. > Die Frage um die Besetzung der Directorstelle am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar ist entschieden. Herr Rabb. 1»,. L a z a r u S in P r e n z l a u, der daselbst vor Kurzem sein 25-jähriges Amtsjubiläum gefeiert hat, ist gewählt, hat angenommen, und wurde von der König!. Regierung bestätigt, 0r. Lazarus (Bruder des Prof. Lazarus) hat sich bis jetzt allerdings durch literarische Leistungen nicht hervorgethan, sich jedoch den Ruf eines der tüchtigsten Talmudisten erworben, womit er einen besonnenen und wahrhaft menschenfreundlichen Charakter verbindet. In allen Berhältniffen hat er eine klare Einsicht, einen scharfen Verstand und die wärmste Begeisterung für die Religion, die er lehrt, bethatigt. Man kann daher nur die besten Hoffnungen an seine neue Wirksamkeit knüpfen. Groß waren die Anstrengungen einer gewissen Partei, nämlich der, welche sich bis jetzt vorzugsweise als die Partei des Breslauer Seminars darstellte, um die Wahl des Rabbiners Lazarus zu verhindern. Es gelang ihr dies nicht. Was soll man aber dazu sagen, wenn dieselbe Partei nach geschehener Wahl noch immer ihrem Aerger durch Schmähartikel gegen Lazarus Lust macht? Es ist dies sehr bezeichnend, und vom allgemeinen jüdischen Standpunkte aus betrübend. Will man von vornherein ein Mißverständniß zwischen den Lehrern cer Anstalt, Mißtrauen zwischen dem Lehrer und den Schülern erwirken, und so einen geheimen Krieg mitten in die Anstalt verpflanzen? Dies bewiese sehr geringe Liebe für das Seminar, »nv noch geringere für das Judenthum, das daselbst eine lebendige Pflanzstätte haben soll? Nein! unbekümmert um etwaige Differenzen in den Ansichten, begrüßen wir die Wahl des >»,. Lazarus mit den herzlichsten Wünschen für die Erfolge seines gewiß eifrigen, gewissenhaften und von tüchtiger Kraft unterstützten SrrebenS. Möge es ihm gelingen, die großen Vorzüge Frankens zu erreichen, aber auch dessen Schwächen zu vermeiden'. Paderborn, im Juli. (Privatmiltheilung.» Die hiesige „Israelitische Waisen-Erziehungsanstalr für Knaben und Mädchen in Rheinland und Westphalen" hat ihren 17ten Jahresbericht ausgegeben. Wir haben schon so oft diese Anstalt als eine segensreich wirkende und mit so vieler Hingebung von Fräulein. Fanny Nathan gegründete und geleitete rühmend hervorgchoben, daß wir uns heute nur mit kurzen Angaben der Thalsachen aus dem vorliegenden Berichte begnügen können. Das Waisenhaus ist gegenwärtig von 2l Knaben und 2l Mädchen bevölkert. Fünf Knaben verließen daffelbe und wurden von vier Knaben und einem Mädchen ersetzt. Unangenehm wurden wir von der Notiz berührt, daß alle fünf Knaben sich „der Kaufmannschaft" gewidmet. Gerade aus dem Stande, aus welchem sich die Zöglinge des Waisenhauses recrutiren, sollten doch eher Handwerker als Kaufleute hervorgehen, und wir glauben, daß von Seiten der Leitung der Anstalt hierauf gewirkt werden sollte. Dies geschähe am süglichsten dadurch, daß bei der Erziehung der Knaben auch auf eine Anleitung zu mechanischen und technischen Arbeiten Rücksicht genommen werde. Man verlangt mit Recht, daß die Waisenmäcchen in der Anstalt zu Handarbeiten, zu Leistungen in Haus und Küche angehalten werden, um später sich ihr Brod verdienen zu können. Warum soll nicht Aehnliches mit den Knaben geschehen, um ihnen frühzeitig manuelle Geschicklichkeit und Lust an mechanischen Arbeiten beizubringen? Die Effecten der Anstalt betrugen am 31. December 1S73 im Rominalwerthe 31,940 THaler; die Einnahmen 9947 Thaler, die Ausgaben 9319 Thaler, wovon 1293 Thaler dem eisernen Fond zugeführt wurden und 1000 Thlr. zum Baufonv gehörten. Es kommen demnach ungefähr 162 Thaler Kosten auf jeden Zögling, was allerdings gegen andere jüdische Waisenhäuser mäßig.

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