Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1875)
- Date
- 1875-07-27
- Page
- Seite 490 (sequence 4)
- Language
- German
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490 opfer wozu nun rie Speis- und Trankopfer kamen. Die Opferhandlung bestand bei Rind- und Kleinvieh aus dem Handauflegen auf den Kopf des Opfers Seitens des Opfernden, alsdann dem Schlachten, welches ebenfalls vom Opferbringenden selbst besorgt ward, wobei der Priester nur das Blut in die Becken auffing. Dieser nun vollzog die Sprengung des Blutes, während der Opfernde wieder das Fell abzog und das Thier in seine Stücke zerlegte. Der Priester ließ alsdann die dazu bestimmten Stücke auf dem Altar in Feuer aufgehen. Einfacher war die Handlung bei Darbringung von Tauben. Wenn man bedenkt, Laß die vorgeschriebenen Opfer für die ganze Nation geschahen, und es außer den Reinigungs- und Sühnopfern jedem Einzelnen überlaffen war, ob und wie viel er als Opfer darbringen wollte: so war auch die Zahl rer Opferthiere eine sehr beschränkte, obschon wir bei außerordentlichen Festlichkeiten einige Male auf große Zahlen treffen. Indem wir es einer anderen Gelegenheit Vorbehalten, in die Einzelheiten des Opferritus einzugehen, müssen wir doch hier die symbolische Bedeutung des Opferns im Allgemeinen anzugeben versuchen, um hierdurch die Bedeutung des Altars klarzulegen. Es versteht sich, daß wir hierbei von den Ideen des heidnischen Alterthums völlig abstrahiren und.uns lediglich an das mosaische Opfer halten müssen. Hier aber sind auch diejenigen Begriffe zuruckzuweisen, welche sich im Laufe der Zeit, als der ganze Opfercultus sich immer mehr verflachte und die ursprüngliche symbolische Bedeutung aus dem allgemeinen Bewußtsein sich immer mehr verlor, bei dem Volke ausbreiteten, und die von den Propheten und h. Sängern so einschneidend bekämpft wurden, wie als ob Gott der Opfer bedürfe und sie also als den Zorn Gottes besänftigende Geschenk anzusehen «Ps. 50, 7 ff. Jes. 40, 16) oder daß der Opferdienst die Frömmigkeit des Menschen ausmache und böse Thalen dafür bei Gott unberücksichtigt blieben (1 Sam. 15, 22. Jes. 1, 11 und a. v. a. St.). Gerade hieraus wird es klar, daß dem Opfer eigenthümliche, dem mosaischen Gottheitsbegriffe entsprechende Gedanken einwohnen mußten.4) Dies wird am einleuchtendsten, wenn wir 4) Geben wir hier nur die hervorragendsten Ansichten von der Bedeutung des mosaischen Opfers an. Es ist zunächst die rabbinische Ansicht, welche auch in der christlichen Kirche die meisten Anhänger zählt: die Sünde des Menschen geht auf das Opferthier über, welches anstatt des schuldigen Menschen den Tod erleidet (vgl. PWL" n-rpr zu s-ip'n S. 54. 4 ell. Franks, oder wie es Namban ausdrückt: i«e: rnn rasr iii-t nnn nsn rrrrr; so auch Gesenius, Hengftenberz, Tholuck, Scholl u. A.). Hatte diese Ansicht die geringste Wahrheit, so müßte die Tödtung des Opferthieres der Hauptact sein und vom Priester vollzogen werden; die Friedensopfer, besonders als Dankopfer und die Speisopfer wären ohne allen Sinn; nicht das Blut, sondern der Tod müßte vom h. Worte als Sühnmittel angegeben werden, und es dürften nicht viele Opfer für Sünden dargebracht werden, die durchaus nicht den Tod als Strafe nach sich zogen. Ueberhaupt aber bietet uns diese Ansicht die ganz widrige Auffassung, welche in den verschiedenen Arten von Opfern auch verschiedene Opferacte verwiegen sehen. Bei der einen Art wird das Opfer ganz verbrannt nbrr, während bei allen anderen nur die Fettstücken verbrannt werden; bei der zweiten Art kömmt das Blut an die Hörner des Altars (rcsp. an den Vorhang und die Hörner des Räucheraltars) r-rr^n, während das Blut aller anderen nur an den Altar selbst kommt; bei der dritten Art gehört das Opfer außer den zu verbrennenden Fettstücken ganz den Priestern 2vrr, während bei der vierten außer gewissen Stücken für die Priester das Opfer dem Opfernden gehörte Hieraus geht hervor, daß die verschiedenen Opferarien auch von verschiedener symbolischer Bedeutung waren, die durch die Bedeutung des Hauptactes näher bestimmt wurde. Hier findet sich zuerst das Handauflegen, wodurch <3 Mos. 4, 4) der Zweck des Opferns gerade für die Person des Opferbringenden erreicht werden soll. Vergleicht man das Handauflegen auf die Leviten (4 Mos. 8, l 0 ff.), und das Handauflegen von Moses auf Josua (4 Mos. 27, 18 ff.): so ist es offenbar, daß das Hanvauflegen den Opferact zu einem richterlichen Sttafact herabzieht und die göttliche Gerechtigkeit durch die Annahme einer Stellvertretung verletzt. Auch die Ansicht der Synagoge, welche die vorgeschriebenen Gebete ganz an die Stelle treten ließ und das Studium der Thoraabschnilte über die Opferthiere dem Opfer gleichstellle (Menachoth 110, 1), stimmt mit jener rabbinischen durchaus nicht überein. — Am bedeutsamsten und scharfsinnigsten stellt sich uns alsdann die Ansicht Bähr's dar, die sich auf 3 Mos. 17, 11 stützt. Er leitet aus diesem Verse ab: 1) daß das Blutsprengen die Haupffache des ganzen Opfers; 2) das Sühnen d. h. Wegschaffen eig. Bedecken (->23) der Hauptzweck des Opferns ist; 3) die Sühnung von Gott ausgeht; 4, das Blut Sühnmittel ist. weil der Nephefch das animalische Lebensprincip, bas Band zwischen Leib und Seele, und als solches auch Geburtsstätte der Sünde, darin ist. Die Bedeutung des Opfers demnach: daß das sündige Sein des Nephesch an Gott in den Tod hingegeben wird, um das wahre Sein d. i. die Heiligung durch die Verbindung mit Gott zu erlangen. Aber auch diese Auffassung ist einseitig. An der citirten Stelle ist nur vom Blute des Opfers die Rede. Das Blut soll nicht gegessen werden, weil es als Sühnmittel auf den Altar kommt. Es ist also vom ganzen Opfern gar nicht die Rede, in welchem das Blutsprengen immer nur ein einzelner Theil ist. Denn wäre die Sühnung die Hauptbedeutung aller Opfer, warum giebt es außer den Sühnopfern noch andere, gänzlich von jenen unterschiedene? Was bedeuteten die r'ttb®, deren Hauptinhalt Dank für erhaltene Wohlihaten ist? Wie käme der allen Opfern an zahllosen Stellen beigelegte Name „Feuerung des Ewigen" rrrr diesen zu, durch welchen das Verbrennen hervorgehoben wird? Warum hieße gerade das vorzüglichste Opfer nbi3, so daß es vom Verbrennen den Namen hat? Allerdings enthält jedes Opfer zugleich die Sühnung und findet bei allen Opfern das Blutsprengen statt, indeß ist die Sühnung nur bei den Sünd- und Schuldopfern die Hauptsache, das Blutsprengen nur bei diesen der Hauptact, nur bei ihnen muß das Kleid, wenn von ihrem Blute darauf gekommen, gewaschen, das irdene Gefäß zerbrochen, das eherne gescheuert werden.