Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1875)
- Date
- 1875-07-27
- Page
- Seite 488 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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488 und zwar mil einer Sicherheit und Entschiedenheit, die jenen in fernen schädlichen Wirkungen nur noch verdoppelt. Lon der anderen Seite begegnen wir in sonst bedeutenden und unentbehrlichen Zeitungen und Schriften einer GotteSlasterlichkeit, eineni Religionshaffe, die wahrhaft empörend sind. Jene Organe des Aberglaubens verketzern Alle, die sich ihm nicht unterwerfen, und zeihen ihre Gegner, und wären sie die Tugendreichsten und Glaubensfestesten, der Gottlosigkeit, der Lasterhaftigkeit. des satanischen Unglaubens. Die Skeptiker aber sind des feindseligsten Spottes voll, und erklären Alle, welche auf dem Boden der Gottesgläubigkeit und der geschichtlich entwickelten Wahrheiten stehen, für Heuchler und betrogene Betrüger. Dabei spielt auf beiden Seiten die Unwiffenheit, die Leichtfertigkeit und der schamloseste Dünkel eine Hauptrolle. Es setzen sich da faule und fade Geister zu Gericht über die Arbeit des Menschengeschlechtes von Jahrtausenden, die oft nach einer träge und sittenlos durchlebten Jugend jeden wiffenschaftlichen und sittlichen Fond verloren haben. Kein Unparteiischer wird behaupten, daß wir übertreiben; denn die widrigsten Erscheinungen drängen sich ihm täglich vor die Äugen, und wir schämen uns oft m die Seele hinern, solche ekelhafte Erzeugniffe nicht allein unserer Zeit enrsproffen zu sehen, sondern sie auch in die Hand nehmen zu müssen, weil sie sich eben den Eingang in Organe der Zeit und der Literatur verschafft haben, deren wir uns bedienen müffen. Wir haben kein Gebiet hiervon ausgeschloffen; wir schließen auch keine Religion oder Confession und deren Bekenner aus. Auch das heutige Judenthum bietet uns Anhänger des Aberglaubens, die sich zu Zietzerrichtern auswerfen, und unter den schriflstellernden Juden fehlt es nicht an solchen, die zu den frechsten Rcligiensspöttern und Gotteslästerern gehören. Exvmpla sinn odiosa, sind aber auch nicht nöthig, denn sie sind leider! nicht selten. Dennoch darf dieses traurige Wirrsal nicht zu einer falschen Beurlheilung unserer Zeit verleiten. Es entsprang in ganz natürlicher Weise aus jener Freiheit des Geistes, aus jener freien Bewegung reffelben, welche die Mutter großartiger Schöpfungen, einer mächtigen, segensreichen Entwickelung war und ist, die im Laufe der Geistesentfaltung unabweislich kommen mußte, und welche endlich aus der Lergangenheil heraus für und in uns erwachsen ist. Was aber erfordert diese Berwirrung um so mehr, und worin liegt ihr Heilmittel? Darin, daß wir uns um so mehr Festigkeit des Charakters und Sicherheit in den Grundsätzen erwerben müffen. In einer Zeit des Stillstandes, der ruhigen Gepflogenheit, und selbst des langsamen, kaum wahrnehmbaren Fortschrittes ist es meist genug, besonnen auf dem geebneten Pfade zu wandeln; das Licht, das uns leuchtet, ist gleichmäßig, und die Lust, die uns umweht, sanft, gefällig und höchstens anregend. Aber dies reicht nicht aus in einer Epoche der Unruhe, stürmischer Bewegung, der Kämpfe und des Zusammenstoßes scharfer Gegensätze. Hier heißt es. festen Fuß fassen, nach allen Seiten gerüstet sein und dem Gegner, woher er auch andringe, die Stirn zu bieten. Mit Oberflächlichkeit, Zweideutigkeit und Hin- und Herwiegen ist wenig gethan, oder vielmehr es ist das Schlimmste. In der Tiefe unseres natürlichen LerstandeS und unseres wahren und warmen Gefühles und auf dem Boden der geschichtlichen Entwickelung müffen wir den festen Grund für unsere Ueberzeugung suchen und finden, auf diesem Grunde an der Hand der geklärten Ueberlieferung aus den Jahrtausenden müssen wir unsere Ueberzeugung feststellen und in Gemäßheit unseres Bewußtseins und tiefen Empfindens gestalten. Diese Ueberzeugung müffen wir immerfort durchleben, aber sie keinem Winde und keiner Strömung, so verlockend oder so stürmisch sie uns auch umfluthen, preisgeben. Die Erscheinungen der Zeit müffen wir würdigen, aber eben nur als zeitliche Erzeugnisse; ihren Beobachtungen den Werth von Notizen beilegen, aber den darauf gebauten Hypothesen den Eingang in unser Inneres verweigern, weil sie eben nur glänzende Funken aus dem glühenden Eisen auf dem Amboß der Zeit sind, Funken, die vielleicht schnell ihre Leuchtkraft verlieren, aber lief verwunden können, wenn sie uns in'S Fleisch dringen. Daß es aber mir uns so werde, dazu muß vorzugsweise die Erziehung dienen. Wir aus dem älteren Geschlechte wissen, was dies zu bedeuten hat, daß uns in der Regel in unserer Jugend eine sichere Grundlage gegeben, religiöse und sittliche Grundsätze eingeflößt worden, die damals von keiner Seite her bezweifelt und bestritten waren. Die Zeit bat genug an uns gearbeitet, geschliffen, geformt; aber den inneren, treuen und festen Kern vermochte sie nicht zu erschüttern oder gar zu zerstören. Der Jugend, die um uns aufwächst, wird es nicht so gut. Allzuhäufig wird ihr ganzes Wesen auf Sand gebaut; Zweifel und Unglauben umweben sie, bevor sie noch Zeit gehabt, einen festen Stamm in ihrem Innern zu gewinnen, ihrer Anschauung uno ihrem Charakter eine gewisse Organisation zu verschaffen, welche vas Ungesunde und Ungeeignete auszuscheiden vermag, wenn es in sie eingedrungen. Wie will ein solcher Mensch in den Wirrsalen unserer Zeit bestehen, und in Allem, was politisch, social, gewerblich, wissenschaftlich, sittlich und religiös auf ihn einstürmt, den sicheren Halt nicht verlieren, der allein ihn aufrecht zu bleiben und zu gutem Ziele fortzuschreiten befähigt? Aber was diese Erziehung der Jugend betrifft, so brachte eben unsere Zeit nicht weniger Jrrthum und Verwirrung heran. Die Einen meinen — und glauben sich in ihrer Meinung höchst aufgeklärt und weise —: sie rhäten am besten, ihre Kinder confessionslos zu erziehen, und hier bedeutet dies zumeist religionslos, damit diese später sich ihre religiösen und confessionellen Ansichten selbst wählen und schaffen mögen. Dies heißt aber nichts Anderes, als einen fruchtbaren Keim in einen völlig unfruchtbaren, aller nährenden Elemente beraubten Boren pflanzen; nichts anderes als ein zartes Pflänzchen ohne Pflege und Schutz allem Unwetter aussetzen und es ihm selbst überlassen, wie es zu einem Stamme werde, wobei es in zahllosen Fällen schief und knorrig wird. Die Anderen