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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-27 · Heft 31 (27.7.1875) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 31 (27.7.1875)
Date
1875-07-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Zeilun "Allgemeine des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von! 3n tebactioitellen «n-eleaenheiren j »ent« man sich an Pr. c. pHiliyrson in | Rabbiner Dr. Ludwig Philippsun in Bonn. j | 1 inLeipzig. Zaseral», welche Li» v onuer»- j tag cingehe». finden in bertarauf folgen» t Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzigj de» Nnmmer Berückfichlignng. Beilagen werden mir 1 Mark .so Pf. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2«/, Bogen. Preis Bicrleiiahrig »Mark. Inserate werden mit 2« Pf. für die Petitzelle oder deren Raum berechnet. Alle Buchbandluagen. Postämter und Zeitung» - Expeditione» nehmen Bestellungen an. 39. Jahrgang. Leipzig, den 27. Juli 1875. «A? 31. Inhalt. Leitende Artikel: Was thut Noch in unsrer Zeit? — Die Symbolik des mosaischen Heitigtbuckts. V. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Trier. Breslau. Paderborn. Königsberg i. Pr. — Oesterreich-Ungarn: Aus Oesterreich. Lemberg. — Fr ankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rumänien: Bukarest. — Feuilleton: Die Treue. <Erzählung), l. — Vermischtes. — Nachtrag: Oesterreich Ungarn: Lemberg. XeifccuDe CLxhbci. Bonn, den 21. Juli. Was thut Noth in unsrer Zeit? Es ist leicht, abzusprechen und zu verurtheilen. Schwerer ist, die Erscheinungen der Zeit nach ihrem Werthe und Unwerlhe, nach ihrem Kerne und ihren Auswüchsen zu würdigen. Gerade die Gegenwart wird über- und" unterschätzt, je nach dem Gesichtspunkte des Beobachters, je nach der leidenschaftlichen Strömung, welcher der Beurtheiler selbst folgt. Jede Zeit hat weder auf das Verdienst, das ihr zugeschrieben wird, ein volles Recht, noch dürfen ihre Schäden ihr allein angerechnet werden. Denn sie ist herausgewachsen aus der Vergangenheit, über welche sie keine Wahl hatte, und sie ist unterthan dem Zusammentreffen von Ereigniffen und Persönlichkeiten, denen sie sich nicht zu entziehen vermag. — Unsere Zeit ist die einer freien Bewegung des Geistes und darum auch eines schöpferischen Genius. Aus allen Gebieten, dem politischen, socialen wie dem wiffenschaftlichen und industriellen, steht man theils unbefangen, theils sogar voreingenommen dem Ueberkommenen, Gewohnten, Eingelebten gegenüber; überall wirft man die Frage auf: kann es nicht anders, nicht bester gemacht werden? überall bringt man sich vorzugsweise die Nachlheile und Beschwerden, das Unzulängliche im bisherigen Verfahren, in der bisherigen Beschaffenheit und Gestalt, zum Bewußtsein, und geht daran, diese zu beseitigen. Nicht das kleinste Instrument, nicht der geringste Streitpunkt entgeht dieser Fragestellung und diesen Versuchen. Große Entdeckungen, unermeßliche Beobachtungen, rasch gesteigerte Bedürfnisse, stark entwickelte Empfindlichkeit lasten alle Dinge in neuem Lichte und von neuen Seiten anschauen, und darum auf Veränderung und Umgestaltung dringen. Aber wem kann es entgehen, daß durch eine solche Tendenz unsere Zeit einen Character der Unruhe, der Beweglichkeit, der Entfesselung annehmen mußte, der auf vielen Gebieten in eine schrankenlose Verwirrung stürzte, tausendfache entweder irre führende oder erfolglose Versuche und Anstrengungen veranlaßt, und überhaupt einen Geist der Ueberspeculation und zuletzt des Schwindels erwirkte? Es wird, glauben wir, einem späteren Forscher nicht schwer werden, aus dieser einen Wurzel all' die weitreichenden Zweige und Aeste, all' die unübersehbaren Blüthen und Früchte, die an dem Stamme unserer Zeit herausbrachen und die freilich auch mit zahllosem Ungeziefer bedeckt sind, herauszuerklären, und die mannigfaltigsten Erscheinungen auf diese eine Quelle zurückzuführen. Aber auf keinem Gebiete ist wohl die Verwirrung, Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit in unserer Zeit so groß, wie auf dem des Uebersinnlichen, enger genommen auf dem religiösen. Wir wollen sie heute nicht näher schildern, da sie jedem Auge so offen vorliegt, so überall sichtlich ist. Halten wir uns nur an das Einfache, Thatsächliche. Wer heutzutage die Unzahl der öffentlichen Blatter und die Erzeugnisse der allgemeinen Literatur, mag diese an die Wissenschaft oder an die Dichtkunst sich lehnen, öffnet und überblickt: dem wird sofort diese schrankenlose Verwirrung und Gegensätzlichkeit deutlich. Es giebt keinen Wahnwitz und Aberglauben, so unerschöpflich dieser auch ist, dem nicht in dem einen Theile der Preßorgane das Wort geredet wird.

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