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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-20 · Heft 30 (20.7.1875) · p. Seite 481

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 30 (20.7.1875)
Date
1875-07-20
Page
Seite 481 (sequence 11)
Language
German
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481 untergebenen Cultusbeamten in der Sephira - Zeit ihre Bärte zwicken laffen. So fertigte er auch einen Mann, welcher mit den besten Zeugnissen versehen ist und sich bei einer eingetretenen Bacanz als CultuSbeamter meldete, dadurch ab, indem er sagte: „Ich habe gehört, daß Sie Sonnabends Ähr Taschentuch tragen und es nicht vorschriftsmäßig um den Leib Herumbinden." Seine lächerliche Ketzerriecherei hat bereits hiesigen Blättern vielen Stofs zum luckum et jueum verschafft, indem er einem hiesigen Juden die Concesfion zur Eröffnung eines rituellen Fleischwaarengeschäfts versagte, weil er als Soldat im letzten Kriege die Speisegesetze nicht beobachtet hatte. Ich beabsichtige zwar nicht, durch mein Referat das talmudische Wiffen des Herrn Oberrabbiner Stern in Zweifel zu ziehen; dennoch behaupte ich mit Bestimmtheit, daß er unmöglich einen solchen Kleinigkeitskram auspacken könnte, wenn er wirklich gediegene Kenntniffe des Talmuds besäße. wie man es von einem Oberrabbiner von Hamburg zu erwarten berechtigt ist. Glauben Sie nicht etwa, hochgeehrter Herr Redacteur, daß er als Kanzelredner sich hervorthue, und durch seine Vorträge den jungen Zuhörern Liebe zum Judenthume und deffen Wiffenschaften einzufiößen im Stande sei. O nein! Es giebt nichts Langweiligeres, als seine Predigten, die er vom Papiere ohne Geschick abliest, anzuhören, und ich wundere mich sehr, wie so ein Mann ohne alle rhetorische Begabung, ohne jede Annehmlichkeit des Vortrages, den Muth besitzt, als Prediger die Kanzel zu besteigen. Wie sehr seine langweiligen Vorlesungen in der Synagoge unbeliebt sind, beweist der Umstand, daß selbst seine Anhänger an den betreffenden Sabbathcn, wo er die Andächtigen durch seine Predigten zu langweilen gedenkt, gar nicht in die Synagoge kommen.*) Die hiesigen sogen. Klausrabbiner sind zwar ehrenwerthe, tulmudisch durch und durch gebildete Männer, leider aber ist ihr Wiffen ein zu einseitiges, sie können unmöglich durch ihre Borträge einen Zuhörerkreis unter der jungen Generation gewinnen, weil sie, abgesehen von ihrem unangenehmen Vorträge, sich nicht einmal in einem correcten Deutsch ausdrücken können. Einen akademisch gebildeten orthodoxen Rabbiner und bewährten Kanzelredner laßt der Herr Oberrabbiner, unterstützt von seinen blinden Anhängern, hier gar nicht aufkommen, weil er, ohne jede akademische Bildung wie er ist, eine Antipathie gegen diejenigen, welche das Präricat „Doctor" führen, hat, welche er, im Bewußtsein seiner Jnfallibilität**), nicht gelten laffen will. *) Wenn er Sonnabends predigen soll, wird schon Freitag Abends oben an der Kanzel ein kleines Brettchen angebracht, welches die Hamburger Israeliten durch einen technischen Ausdruck „Wegweiser" bezeichnen; das heißt, es ist ein Wegweiser, daß sie morgen nicht in die Synagoge kommen sollen. *") Das JnsallibilitatSbewußrsein hat ihm der wohllöbliche Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde eingefiößt, indem er in die Gemcindefiatuten einen Paragraphen ausgenommen hatte, daß in allen rituellen Fragen nur der OrtSrabbiner zu entscheiden habe» von welchem Paragraphen Herr Stern leider einen allzugroßen Gebrauch macht. Bor zwei Jahren hatten die hiesigen Israeliten den wiffenschaftlich und talmudisch gebildeten br. Pollak aus Mähren, welcher als Candidat für Altona aufgestellt war und vorzügliche Proben feiner Kanzelberedtsamkeit abgelegt hatte, zum Klausrabbiner gewählt, und Letzterer nahm auch die auf ihn getroffene Wahl an. Die fanatischen Anhänger des Herrn Stern scheuten keine Mittel, um den Herrn br. Pollak einzuschüchtern, daß er nicht nach Hamburg komme, und was sie nicht durch Agitation gemeinster, niedrigster Art auszurichten im Stande waren, versuchten sie durch anonyme Briefe, durch Pasquille, was ihnen auch gelungen ist. Herr br. Pollak kam nicht nach Hamburg, und an deffen Stelle fungirt jetzt ein Mann, der trotz seiner Ehrenhaftigkeit und tiefer talmudischer Gelehrsamkeit, sich am am allerwenigsten dazu eignet. Was Wunder, wenn unter Leitung eines solchen Oberrabbiners, der kein leuchtender Stern, sondern ein Irrlicht ist, die junge Generation nicht mehr Sinn für die heiligen Jntereffen des JudenthumS hat. Das von ihm gelehrte Judenthum sagt ihr nicht mehr zu und kann ihr auch nicht mehr Zusagen, und ein befferes kennt sie nicht. Es ist wahrlich sehr traurig, wahrzunehmen, daß auch in Hamburg, einer Stadt, wo sehr viel Jntereffe für jüdisches Wiffen, echte, wahre Religiosität herrscht, das Judenthum dem Verfalle entgegengeht. Den beffergesinnten, aufrichtig frommen Glaubensgenoffen Hamburgs rufe ich zu (wenn überhaupt der Zuruf eines unparteiischen, das Judenthum über Alles liebenden Referenten zu ihnen dringen soll): „Rettet, Brüder, das Judenthum, so lange es noch Zeit ist, bevor die Krankheit unheilbar geworden ist, bevor die Sense des Jndifferentismus und der Ignoranz jedes jüdische Jntereffe abgemäht hat. Wählet zu Eurem Herrn Oberrabbiner, der absolut zu nichts Anderem, als zur Entscheidung ritueller Fragen zu gebrauchen ist, einen orthodoxen, wiffenschaftlich gebildeten Kanzelredner,, der durch das lebendige Wort der Predigt den geistig abgestorbenen Gemeindegliedern Leben einhauchen kann, der sich auch eignet, als würdiges Schuloberhaupt und Psteger der löblichen Institutionen Eurer Synagoge zu fungiren. Seht Euch bei Zeilen um, wenn die Jntereffen unserer heiligen Religion Euch am Herzen liegen, denn „die Zeit ist kurz und die Arbeit ist groß." Der Herr Oberrabbiner von Hamburg möge es mir nicht üdelnehmen, wenn ich aus Liebe zur Wahrheit ihn angegriffen habe, denn ein altes Weisenwort sagt: man bibn sro C'p-;a 3“ib tos ■ppbnn ■ps. Adolph Radyn, caml. phil. Vermischtes. Eine eigenthümliche Klagebeantwortung ist uns mit der Bitte um Beröffentlichung seitens der klägerifchen Partei zugesaudt worden. Im vorigen Jahre brannte zu Kolzow, einem 30*

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