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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-20 · Heft 30 (20.7.1875) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 30 (20.7.1875)
Date
1875-07-20
Page
Seite 480 (sequence 10)
Language
German
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480 Reichthum, mitten in den Mühen und Sorgen des Erwerbes, nicht aufhorten an der Ausbildung ihres Geistes zu arbeiten, welche die Fühlfäven ihrer Seele für das Wahre und Schöne nicht einzogen, und nicht durch die Stürme der Wirklichkeit abstumpfen ließen, sondern ihren größten Besitz in dem Adel des Herzens, in der Würde des Geistes, in der Uebung der Tugenden. in der Erweiterung ihrer Einsicht und Kennwiß suchten. Schlimmer ist es um die Jünglinge und Männer bestellt, welche den sinnlichen Leidenschaften zu widerstehen sich nicht rüsteten, oder die, gleich zahllosen Gliedern des weiblichen Geschlechts, der Eitelkeit und der Prunksucht anheimfielen. Wohlan, uns Allen können jene drei alten Helden zum Borbilde dienen, und die Frage: ob der Einzelne die Schwierigkeiten zu überwinden vermag, welche die Verhältnisse und Zustände dem höheren Geistesleben, dem „Studium der Thora" entgegenhäufen? — sie ist durch das Leben vieler bedeutender Menschen beantwortet. Corrrspondruz. Hamburg, den 7. Juli. Gemeind ezust an de.*) Wenn je eine jüdische Gemeinde einer Besprechung in Ihrem geschätzten Blatte würdig war, so verdient es die hiesige Synagozengemeinde in vollstem Maße. Sie gehört zu den wenigen jüdischen Gemeinden Deutschlands, wo die übermäßige Reformsuchl mit allen ihren Consequenzen einerseits, der Jndifferentismus und die aus ihm entspringenden Folgen andererseits nicht dnrchzuvringen vermochten. Die große Resormbewegung ging spurlos an den größten Theil der Gemeinde vorüber, weil sie mit allzugroßem Sturm an's Werk ging. Alles abzuschaffen bestrebt war, ohne den Gemeineemitgliedern etwas Befferes zu geben; der Jndifferentismus konnte hier keine festen Wurzeln fasten, weil die orthodoxe Partei einen eifrigen und würdigen Vertreter in dem seligen Rabbiner Bernahs hatte, der. obgleich einen orthodoxen Standpunkt einnehmend, ein durch und durch wistenschaftlich gebildeter Mann war und seine Partei wacker und würdig zu vertreten wußte. An allen Institutionen der hiesigen Synagogengemeinde ist seine segensreiche Thätigkeit zu erkennen. Ihr werthgeschätztes Organ, welches alle Interessen des Judenthums seit vier Decennien vertritt, wird wohl dem Streben des seligen Chacham Bernahs Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es gereicht mir zur größten Freude, berichten zu können, daß hier der Sinn sür's Judenthum noch nicht abgestorben ist. Man findet hier reiche jüdische Bankiers, Kaufleute verschiedener Branchen, Handwerker, die nach den Tagesmühen und anstren- ") Die Redaction läßt den gesch. Corresp. seine Ansichten aussprcchcn, ohne für alle seine Behauptungen die Verantwortlichkeit zn übernehmen. Redaction. genven Arbeiten den Vorträgen eines Lehrers lauschen, mit dem größten Eifer sich sogar der talmudifchen DiScrplinen befleißigen. Diese rühmenswerthe Lern- und Wißbegierde verstärkt wehr und mehr ihr religiöses Bewußtsein und laßt sie nicht in Starrheit und Jndifferentismus versinken, wie es bei der hiesigen Reformpartei leider der Fall ist.*) Nun aber habe ich nach längerem Aufenthalt Hierselbst, nach genauem Verkehr mit der hiesigen jüdischen Jugend, wahrgenommen, daß der größte Theil derselben leider vom Änvifferentismrrs bereits angesteckt ist und eine ungeheure Zgnorauz in den jüdischen Disciplinen an's Licht fördert. Daß ohne grüudliche Kenntniß reS Juventhums keine Erkenntniß deffelben zu finden ist, bedarf kaum einer Bemerkung. Ob die Ignoranz eine Folge ves Jndifferentismus ist, oder umgekehrt, will ich dahingestellt sein lassen; jedenfalls aber läßt sich riese Thatsache nicht hinwegleugnen, daß beide Uebel bei dem größten Theil der hiesigen Jugend zu finden sind, die mehr und mehr um sich greffen. Es ist keine unbegründete Furcht, wenn ich sage, daß im Lause von einigen Decennien eS hier mit dem Judenthume, ebenso wie in vielen andern Gemeinden, schlecht bestellt fein wird; denn die junge Generation will von demselben nichts mehr wissen und weiß auch nichts mehr davon. Nun fragt sich: was hat die Jugend dem Judenthume entfremoet? was ist die Ursache, welche den Alles tövlenden Jndifferentismus hervorgerufen hat? Sorgen etwa die frommen Eltern nicht dafür, daß ihren Kindern ein vernünftiger und zeitgemäßer Religionsunterricht zu Theil werde? Allein die Schuld liegt weder an den Eltern noch an ven Kindern. Hier bewährt sich das talmudische Sprichwort: »mra vor «:r br errn rrro „Wenn der Hirt oen Schaasen zürnt, macht er den Widder, der voranlaust, blind". Der hiesige Oberrabbiner Stern, welcher hier schon seit 25 Jahren wirkt, oder richtiger gesagt, wirken soll, gehört zn denjenigen Superorrhodoxen, die Durch Frömmelei und Ketzerriecherei das ersetzen wollen, was ihnen an gründlicher Wissenschaftlichkeit fehlt. Seine Hauptthatigkeit besteht darin, daß er sehr oft das Schlachthaus Durch seinen ehrwürdigen Besuch beehrt (wenig genug für das große Gehalt, das er bezieht), als wenn das Judenthum nur im Schlachthause zu suchen wäre! In der hiesigen sog. Talmud-Thora-Schule, einem löblichen Institut, das der selige Chacham Bernahs in's Leben gerufen hatte, wirkt er nicht als Lehrer, sondern giebt sich mit Kleinigkeiten ab, ob die Kinder „Schausäven" tragen, ob sie des Morgens in der Synagoge beteten, ob deren Väter in der Synagoge wären und dergleichen. Gediegene Kräfte als Lehrer für die erwähnte Schule zu gewinnen hält es auch sehr schwer, weil kein vernünftiger Mensch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sich einer Inquisition zu unterziehen Willens ist, denn der Herr Oberrabbiner von Hamburg bekümmert sich sehr darum, wenn seine *) Referent behält sich es noch vor, nächstens über den Reformtempcl genauer zu berichten.

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