Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 30 (20.7.1875)
- Date
- 1875-07-20
- Page
- Seite 479 (sequence 9)
- Language
- German
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479 immer wiederholten Kampf, um es sich zu bewahren. Stillstand ist Rückschritt, Schwache ist Verfall; unermüdlich mußt Du von Stufe zu Stufe steigen, oder Dein Fuß gleitet abwärts. Alle Geistesbildung nun, alle Wissenschaft und Kunst, faßte der Talmud mit der Bezeichnung „Studium der Lehre, Beschäftigung mit der Thora" zusammen. 2hm war alles Höhere Religion, und die Religion umfaßte jegliches geistige Streben, die Erkenntniß wie die Siltlichkeit, die Politik wie die Oekonomie, das Recht wie die Ceremonie. Darum war ihm das „Studium der Thora" die höchste Aufgabe und Pflicht des Menschen, denn außerhalb desselben lag dieser nur den flüchtigen Bedürfnissen, den vergänglichen Erzeugnissen ob; ja, diesen obzuliegen ist auch Pflicht und Recht, aber nur durch das Studium der Thora vermag er es in der rechten Weise zu thun, vermag er dem Göttlichen die Ausprägung im Irdischen zu geben. Warum nun vernachlässigen so viele diese ihre höchste Aufgabe? frägt man sie, so haben sie Entschuldigungen dreifacher Art zur Hand. Entweder sie schützen ihre Armuth vor, eine Armuch, die sie freilich sehr verschiedentlich bemessen; sie müssen für sich und die Ihrigen den drängenden Lebensbedürfnissen die Befriedigung beschaffen, und unter der Last der gewerbliche» Arbeiten, unter dem Druck der Sorgen, unter Mangel und Entbehrung läßt es sich nicht studiren, senken sich von selbst die Schwingen des Geistes, und dieser verliert die Lust und den Aufblick zu dem, was ihn anspricht und befriedigt. So sagen sie. Aber die Anderen schützen ebenso ihre Glücksgüter, ihre Reichthümer vor. Sie besitzen sie einmal und müssen sie verwalten, und mit der Verwaltung vergrößern, sie müssen sie verwenden, ein Haus ausmachen, Gesellschaft bei sich sehen, hierfür Einrichtungen treffen, Luxus entfalten. Wie sollen sie da noch für geistige Interessen Zeit und Raum haben? Wie sollen sie bei solchem Streben und Arbeiten überhaupt noch ein Interesse behalten für das, was außerhalb dieses Kreises liegt? Die Größe des Besitzes flößt außer der Begier nach Wachslhum auch noch den Stolz und die Hoffarth ein, und diese lassen gar zu leicht auf die Güter des Geistes, deren Jünger und Meister mit Verachtung herabsehen. Sagen sie dies nicht, so sehen wir es doch täglich vor uns. Aber wir sind noch nicht zu Ende. Eine nicht minder zahlreiche Menschenklaffe läßt sich von geistigen Bestrebungen, von dem, was die Talmudisten „Studium der Thora" nennen, durch ihre Begier nach sinnlichen Genüssen, wie durch den Hang, zu glänzen und zu prunken, durch die wüste Leidenschaft wie durch die kleinliche Eitelkeit zurückhalten, bis sie gänzlich davon entfernt sind und kaum noch eine Ahnung davon haben. Die Ersteren werden auf den Weg des Lasters gestoßen und gehen mit geringer Ausnahme unter; die Seele der Anderen, der Eitlen, wird leer und gemein, der Odem des Göttlichen findet keinen Eingang mehr in die öden Kammern ihres Herzens. — All' dies ist nicht bloß Erscheinung in der Gegenwart; es war zu allen Zeilen da, und die Talmudisten traten ihm bereits mit aller Kraft entgegen. Unter uns gesagt, sie verstanden dies besser als wir. Sie wußten aus der Pflege des Geistes eine religiöse Pflicht zu machen, wahrend wir nur zum Verstände zu sprechen trachten. Der Verstand aber ist sehr schwach dem Leben und den Begierden gegenüber. An einer köstlichen Stelle (Joma 35, 2) stellt der Talmud jenen drei oben gezeichneten Menschenklaffen, welche das „Studium der Thora" vernachlässigen, drei Vorbilder entgegen. Er sagt: „Hillel ('prti) verurtheilt durch sein Beispiel die Dürftigen. Rabbi Eleasar (2i2-,n die Reichen, und Joseph (-nrcr:) die Wüstlinge und Eitelen." Was galt dem Hillel seine Armuth? Er vermiethete sich als Tagelöhner, theilte seinen kärglichen Lohn, gab die eine Hälfte dem Thürwächter am Lehrhause des Abtalivn und Schemaja, und verwendete die andere Hälfte zu seinem und der Seinigen Unterhalt. Als er eines Tages nichts zu verdienen gefunden, stieg er in den Fensterraum des Lehrhauses, und saß da, um „die Worte des lebendigen Gottes" zu hören; es war Winter (Tebeth) und der Schnee fiel auf Hillel herab, bis die Meister an der Verdunkelung des Fensters cen Lauschenden erkannten, ihn holen und im Lehrhause niedersetzen ließen. Vermöchte noch irgend Jemand diesem Vorbilde gegenüber seine Armuth vorzuschützen? — Eleasar hatte von seinem Vater einen ungeheuren Reichthum ererbt, große Ländereien und viele Schiffe auf dem Meere. Aber er kümmerte sich nicht um diesen Besitz, nicht um deffen Ertrag, sondern »änderte von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, geringe Lebensmittel auf der Schulter mit sich tragend, um die Meister des göttlichen Wortes aufzusuchen, ihre Belehrung zu empfangen, und wies seine Diener von sich, um im Studium der Thora nicht Tag, nicht Nacht gestört zu werden. Wer wäre, frägt der Talmud, reicher als Eleasar, und verblendete ihn wohl sein Reichchum einen Augenblick, den Pfad zur Erkenntniß und höchsten Geistesbildung zu verlassen? — Wenn die b. Schrift uns nur einen Moment aus der Versuchungsgeschichte Jofeph's berichtet: Die Prüfung, der ihn das Weib Potiphrr's aussetzte, war eine längere und mannigfaltigere. Er war schön; sie" beschenkte ihn mit prächtigen Kleidern, mit solchen für den Morgen, mit solchen für den Abend. Er widerstand ihr; sie bedrohte ihn mit fürchterlichen Strafen, und verlockte ihn durch Verheißung großer Schätze. Er ließ sich von jenen nicht erschrecken, von diesen nicht verleiten. Darf wohl irgend ein Eitler oder ein Lüstling noch das Haupt erheben, da ihn das Beispiel Jofeph's niederschmetterl, und seine ganze Schuld aufdeckt. So der Talmud. Nun, auch in der Gegenwart giebt es Menschen, die mit Armuth und Reichthum, mit Eitelkeit und Sinnlichkeit kämpfen, den Pfad der Geistesbildung und Herzensveredlung unermüdlich fortzuwandeln. Wir haben Jünglinge gekannt, die mit der bittersten Noch rangen, die sie aber nicht achteten, wenn sie ihrem Wiffensdrange zu genügen vermochten. Ihre Kraft wurde nicht gelahmt und sie gelangten zu schönen Zielen. Wir haben auch Männer gekannt — ihrer waren aber wenige — die mitten im 30