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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-20 · Heft 30 (20.7.1875) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 30 (20.7.1875)
Date
1875-07-20
Page
Seite 478 (sequence 8)
Language
German
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478 des Juden den ganzen Hergang der Sache haarklein skizzirl hatte, erhielt der Staatsanwalt das Wort zur Formirung der Anklagepunkte. Die Vertheidigung des Angeklagten merkte sofort aus den scharf zugespitzten Anklagepunkten, daß ihre Sache eine verzweifelte sei, und so enrfchloß sie sich, das beliebte Steckenpferd aller rumänischer Maulhelden zu reitenDer Vertheidiger, Herr Gati Orleanu, der sonst in der rumänischen officiellen Welt nicht einmal als Judenfresser bekannt war, entpuppte sich plötzlich als ziemlich angehender Pamphletist gegen die jüdische Rane und begann sein Plaivoyer folgendermaßen: „Hochgeehrter Richter! Eine heilige Sache ist's, dtp zu vertheidigen ich die Ehre habe, denn erstens vertheidige ich einen Beamten, zweitens einen Vertreter der hohen Regierung, drittens einen christlichen Bürger gegen einen Juden <Jvan) und diese sind ja als revolutionäres Element hinlänglich bekannt; ich fühle mich also berechtigt, zu hoffen, daß es mir ein Leichtes sein wird, die Unschuld meines Clienten zu erweisen!" Herr Orleanu fuhr fort in seinem an Beweisen der Unschuld seines Clienten baaren Plaidoyer, indem er das beliebige Wörtchen „Jdan" unzählige Male wiederkäute, mit den Worten schloß, er sei überzeugt, daß man seinen Clienten freisprechen werde, denn sonst stünde es schlecht um die rumänische Justiz (!), einen Rumänen und Bürgermeister deshalb einzukerkern, weil, wie die Anklage behauptet, er einen Juden einsperren und ihm einige Prügel verabreichen ließ! Minder begeistert für die heilige Sache, ließ sich der zweite Vertheidiger, Herr Cochunowsky. ein sehr ehrenwerther rumanisirter Pole, vernehmen, er sagte, er wolle den beredten Worten feines Vorredners nur noch so viel hinzufügen, daß er den Belastungszeugen, da sie Juden seien, beim besten Willen keinen Glauben schenken kann. Herr Cochunowsky behauptet, daß er, wenn er Richter wäre, es nie gestatten würde, jüdische Zeugen bei der simplen gegenwärtigen Eidelformel:! „Auf Gewiffen, Treu und Glaube" zu beeiden, da ein Jude sich sehr leicht über derartige Dinge hinwegsetzt; er meinte, es wäre vorzuziehen, die jüdischen Zeugen einfach zum Rabbiner hinzuschicken, damit sie demselben die Hand reichen, denn dann wage kein Jude mehr, die Unwahrheit auszusagen (!) seine neue Eidesformel!); ein christlicher Zeuge hingegen, führte Redner aus, der beim Kreuze schwört, glaubt zugleich den Messias selbst vor sich zu schauen, und deponirt die Wahrheit (!) — Da nahm der Staatsanwalt, Herr Stematin, das Wort zur Replik, sie lautete: „Mit Bedauern hörte ich hier im Palladium der Gerechtigkeit von der Vertheidigung des Angeklagten Unterschiede zwischen Mensch und Mensch aufsteüen. Die Justiz kennt keine Religion, keine Rücksichten, sie kennt nur den Schuldigen und Nichtschuldigen; findet sie einen schuldig, dann mag er Vertreter einer hohen Regierung sein, er ist nicht mehr als ein schuldbares Individuum, die Aussage jedes Zeugen, nachdem er geschworen, gilt rem Gerichtshöfe für heilig u. s. w.!" Der Gerichtshof zog sich zur Berathung zurück, er kehrte zurück und verkündete das auf einen Monat Gefängniß, Rechtsverlust während dreier Jahre ein öffentliches Amt zu bekleiden und Geldstrafe lautende Unheil. Am darauffolgenden Tag nun waren an mehreren Straßenecken der hiesigen Stadt jüd. Bann-Placate (a-in) zu lesen, welche alle diejenigen Juden, die künftighin dem Advocaten Herrn Orleanu Procefse übergeben werden, in Acht erklärt. Einige Zeit schien das jüdische Publikum diesen Bann beachtet zu haben, denn erst vor ungefähr 14 Tagen brachte Herr Orleanu ein Bersöhnungsopfer als Sühne dar, indem er für eine arme Jüdin beim hiesigen Appellationshofe gratis unv mit Erfolg plaidirte. J. Fr. Zenit Einige religiös-sittliche tragen. V. j Wo haben wir unsere Ideale zu suchen? In der Vorzeit. Die Menschheit ist größer geworden, die Menschen kleiner. Wenn { wir nach Vorbildern ausschauen, an denen wir hinaufzublicken vermögen, die uns das Bewußtsein der Größe, die Gefühle des' Erhabenen und Edlen erwecken, und uns über das Gewöhnliche erheben sollen: so müssen wir unseren Geist in die Vergangenheit zurückweuden, aus deren Nebeln hohe leuchtende Gestalten hervortreten, welche unsre Seele mit den Empfindungen des Wahren und Schönen, des Ewigbleibenden, über die Maße der kleinlichen Gegenwart Hinausragenden erfüllen. — Auch unser Allerthum, auch des jüdischen Stammes Vergangenheit bietet uns solche Ideale und Vorbilder; ja, der Talmud liebt es, Namen zu nennen den folgenden Geschlechtern, mit denen er gewisse l e 1 o n. Tugenden verkörpert, indem er von ihren Trägern Thaten berichtet. die, wenn sie auch legendenartig ausgeschmückt sind, doch diese Tugenden in kräftigster Weise für immer kennzeichnen. „Du sollst Dein Brov im Schweiße Deines Angesichts verzehren!" ruft die heilige Schrift dem Menschen zu; das heißt. Alles, was der Mensch erreichen und genießen will, soll und muß er erarbeiten, soll und muß er durch schwere Mühen erringen und durch harten Kampf sich bewahren. Dies gilt aber nicht allein für die Befriedigung seiner leiblichen Bedürfnisse, für den materiellen Genuß. Auch die Bildung und Entfaltung seines Geistes, auch sein Wissen und Erkennen, jeden Forsschritt auf der geistigen Bahn, ja noch mehr die Veredlung seines Herzens, die Ueberwinvung seiner Begierden und Leidenschaften, die Verfeinerung seiner Sitte, dies Alles muß er „im Schweiße seines Angesichts" erwerben, kostet ihm unsägliche Arbeit und steten.

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