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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-20 · Heft 30 (20.7.1875) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 30 (20.7.1875)
Date
1875-07-20
Page
Seite 476 (sequence 6)
Language
German
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476 legenherten sprechen ja jüdische Banquiers auch ein Wörtchen mit. Im Reichstage giebt es ja auch einige Volksvertreter jüdischer Religion; einer und der andere unter diesen ist wohl auch eine Finanzcapacilät, und hat gewichtige Reden gehalten. Jetzt ist die Sache fertig: die Staatsmänner stehen unrer der Leitung dieses oder einiger jüdischen Banquiers, der Reichstag unter der Herrschaft zweier oder dreier jüdischer Volksvertreter; die Juden haben die Goldwährung eingefuhrt, die Juden regieren das ganze deutsche Reich, die Juden sind an allem Uebel schuld, denn die Juden sind ein Uebel selbst. Gegen alle diese Raisonnements und Schmähungen bedarf es nur zweier Gegenmittel — nicht einer gründlichen Widerlegung, die hier sehr überflüssig wäre, sondern — nur des klaren Nachweises dieses ganzen Manoeuvres und einer Anklage wegen Preßvergehens von Seiten der gewißhandelten höchsten Staatsbeamten. Der erstere zeigt sofort die ganze Parteiintrigue und macht sie dadurch unschädlich bei Allen, welche nicht zu dieser Partei gehören; die zweite gestattet es dem Richter, die Perfidie dieser Partei vor der ganzen Welt zu kennzeichnen und sie der wohlverdienten Strafe zuzuführen. Hat man seit längerer Zeit jede schmähende Auslastung der ultramontanen Blatter unv Blättchen, selbst entlegener Winkelblätter gerichtlich verfolgt, so ist man um so mehr verpflichtet, auch die protestantische Kreuzzeitung nicht zu schonen. Verwundern wird sich natürlich Niemand über das Vorgehen dieser Partei. Sie, die ehemals „kleine, aber mächtige Partei", ist durch die gegenwärtige Staatsregierung ganz klein und völlig ohnmächtig geworden. Diejenigen gegenwärtigen Staatslenker, welche einst aus dieser Partei hervorgegangen, sind es, welche sie als ihre eigentlichen Gegner rnsieht und anzusehen hat. Alle Jnteresten dieser Partei sind durch das jetzige Staats- und Regierungssystem bei Seite geschoben, alle Momente, welche sie für ihre Principien ausgiebt, sind aus den Gesetzen gestrichen; sie sieht sich einem Ministerium gegenüber, das mehr als zur Hälfte aus bürgerlichen'Mitgliedern besteht, und einen bürgerlichen Staatsmann gleich hinter dem Reichskanzler an der Spitze des deutschen Reiches; sie sieht sich und alle ihre stolzen und eingebildeten Parteigänger auf's Trockene gesetzt. Ist da ihre Wuth nicht ganz erklärlich? Die Gleichstellung der Juden war ihr stets ein Dorn im Auge; sie hat sie mit aller Anstrengung und List verzögert, als sie dieselbe nicht mehr aus dem Wege zu räumen vermochte; sie versuchte sie selbst noch 1856 aus der Verfassung zu streichen, und erlitt hierbei selbst in der höchsten Blüthezeit der Reaction eine schimpfliche Niederlage. Sie betrachtet deshalb die Juden überall und allzeit als ihre bittersten Feinde, und da sie zugleich noch immer voraussetzt, daß die Juden bei allen Klassen des Volkes, bei den höchsten, wie bei den niedrigsten, in Haß und Verachtung stehen, glaubt sie den listigsten und nachdrücklichsten Streich gegen diejenigen, welche sie bekämpft, zu führen, wenn sie diese mit den Juden identificirr und von ihnen als beherrscht ausschreit. Das deutsche Reich wird von den Juden regiert, die Staatslenker von den Juden geleitet. Mit dieser Parole glaubt sie Alles gethan zu haben. Dieses ganze Manöver kurz und bündig klar zu legen, hielten wir an dieser Stelle für unsre Aufgabe. Die gerichtliche Verfolgung der Pamphletisten ist nicht der Juden Berlin, 1 l. Juli. (Privatmittheilung.) Die berüchtigsten 5 Artikel der „Kreuzzeitung", welche den Herrn v. Bleichröder zum Urheber der ganzen deutschen volkswirthschaftlichen Politik und drei jüdische Abgeordnete als Beherrscher des deutschen Reichstages darstellen unv zugleich die höchsten preuß. Staatslenker gemeinen Eigennutzes zeihen unv Alles iu Allem die deutsche Politik eine „Judenpolitik" nennen, werden bald vergessen sein, wenn nicht der Staatsanwalt sie an der rechten Stelle wieder in Erinnerung bringen wird. Man sieht übrigens an diesem Beispiel, daß es uns Juden nichts nützen möchte, wenn wir daraus dringen, uns mit der Richtung einiger jüdischer Finanziers zu identificiren. Sobald nur ein oder einige Juden auf irgend welchem anderen Gebiete sich auszeichneu und durch ihre Talente und Anstrengungen, seien diese auch noch so uneigennütziger Art, einigen Einfluß üben, werden unsere Gegner sich hieran anklammern und die beste Sache deshalb verdächtigen und verdammen. Die Juden spielen in jenem Kriegsmanisest der Kreuzzeitungspartei übrigens nur die zweite Rolle, denn es geht auf die preußischen Staatsmänner los, die man dem Publikum als von den Juden beherrscht insinuiren will. Die halb amtliche Provinzialcorrespondenz spricht sich über die gedachten Artikel folgendermaßen aus: „Die betressenden Darlegungen bieten in ihrem ganzen Inhalte nicht den mindesten Anhalt für eine sachliche Erörterung, sie bekunden durchweg eine so große Unkenntniß der Personen und Zustände, eine so absolute Unfähigkeit zur Beurthcilung politischer und wirthschaftlicher Verhältnisse, eine so schwere Geistesverirrung und Verwirrung, vor Allem aber eine so niedrige sittliche Auffassung, daß es der Achtung vor der deutschen und preußischen Regierung zuwider wäre, gegen solche gewissenlose Schmähungen ein Work der Rechtfertigung zu verlieren." Man ist natürlich auf die Schritte der Staatsanwaltschaft gespannt. Mannheim, 5. Juli. (Privatmittheil.) Persönlichkeiten, die, wenn sie auch sonst besonderer Beachtung nicht werth sind, traten sie einmal freundlich oder feindlich in unseren Kreis, läßt man doch nicht ganz aus den Augen, besonders wenn sie sich bei Gelegenheit selbst charakterisiren. Man wird sich erinnern, daß ein Gulsbesitzer, Herr v. Wedemeyer, auf Schönrade in der Neumark <S. Nr. 19), in einer landwirthschaftlichen Versammlung eine fulminante Rede gegen die Juden gehalten hat. Dieser Herr hatte nun das Geschick, daß sein Sohn, Student in Heidelberg, einen anderen Studenten erschoß. Herr von Wedemeyer führte selbst, da er einmal ein juristisches Examen bestanden hatte, die Vertheidigung seines Sohnes vor dem hiesigen Schwurgerichte. Der hierorts noch unbekannte christlich-confervative Agrarpolitiker hielt eine Lobrede auf das Duell und schien nicht übel Lust zu

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