Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1875)
- Date
- 1875-07-13
- Page
- Seite 466 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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das von uns herausgegebene „Getenkbuch", wo die Tausende von jüdischen Mitkämpfern u. s. w. aufgeführt sind, ein ganz anderes Zeugniß. Aber auch dieses ist überflüssig; denn in einem Staate, wo seit 60 Jahren die allgemeine Wehrpflicht besteht, ist es selbstverständlich, daß auch die jüdischen Landeskinder ihre Bürgerpflicht und das Gesetz erfüllen, und Niemand kann darüber in Zweifel sein. Das Ganze ist also eitel Rederei, um so eitler, als dieser Advokat eine ganz zufällige Nebenfigur unter den zahllosen Nebenfiguren dieser Dichtung ist. Doch versetzen wir uns zuvor auf bestimmten Boden. Nachdem Auerbach mit seinem Roman „Spinoza" sich poetisch aus dem Juventhume herausbugsirt hatte, betrat er als Dichter das allgemeine Gebiet und befaßte sich nicht wieder mit einem jüdischen Stoffe. Wir machen ihm sicherlich keinen Vorwurf hieraus, und der außerordentliche Erfolg, den er errang, ist zugleich die beste Rechtfertigung für sein Streben und seine Arbeiten. Hier und da fügt er als ein geringfügiges Ornament die Erwähnung eines jüdischen Lehrers an und giebt diesem in liebenswürdiger Weise den Charakter edler Bescheidenheit und günstigen Wirkens, wobei er zu verstehen giebt, daß der innere Werth des Mannes weit über deffev höchst beschränkte Stellung hinausreicht. In seinen beiden letzten Romanen jedoch gehr Auerbach aus dieser Reserve heraus. Da er in denselben die Tendenz verfolgt, alles mögliche, zeitgenössische Material hineinzuarbeiten, dürfen auch die Juden nicht fehlen. Aber es müffen pikante Juden sein. Dort ist es eine heimliche, hier eine getaufte Jüdin, dort eine Art Mendelssohn'scher jüdischer Banquier, der nach Emancipation schmachtet, hier ein jüdischer Advokat, der die Confessionslosigkeit auf den Lippen tragt. Ja, die Confessionslosigkeit, diese ist es, die Auerbach am Herzen liegt. Er bringt sie an, wo er es vermag. Seine eigentlichen Helden und Heldinnen stützen sich auf die Monumente des griechischen Alterthums, sie nehmen Sophokles statt der Bibel zur Hand, um sich zu trösten, sie betrachten die Sentenzen der heiligen Schrift als Weisheitssprüche, denen griechische den Rang ablaufen, und sind einverstanden, wenn ihre Kinder sich nur civiliter trauen lasten und diese ihre Kinder confessionslos erziehen. Dahin paffen denn auch die Juden Auerbachs in seinen neuesten Romanen. Eine durchsichtige Tendenz des „Waldfried" ist — allerdings unter den anderen Tendenzen des Romans — die getaufte Jüdin von den seelischen Eigenthümlichkeiten zu reinigen, die sie aus ihrer Abstammung und Erziehung mit herübergenommen haben soll. Auch hier bethatigen wir unsre Unparteilichkeit. Wir gestehen jedem Dichter das Recht zu, sich seine Personen und Tendenzen aus jedem ihm beliebigen Kreise zu entnehmen — so lange er sie nicht psychologisch unwahr zeichnet, oder den von ihm gewählten Charakter nicht für einen allgemeinen Typus einer ganzen Elaste oder gar eines ganzen Stammes ausgeben will. Im elfteren Falle hat er eine falsche und verfehlte Zeichnung geliefert, im letzteren ein offenbares Unrecht begangen. Wie oft sich dies in den neueren Romanen hinsichtlich der Juden begiebt, wollen wir hier nicht weiter verfolgen. Was Auerbach betrifft, so hat er durch das Unheil, daS er über die „gebildeten" Juden fallt, ein Unrecht begangen, das wir ihm und Anderen deutlich machen müffen. „Die gebildeten Juden sind nicht sowohl Juden, als vielmehr Nichtchristen." Was bedeutet dies? Doch wohl nichts Anderes, als daß die gebildeten Juden jeden confessionellen Inhalt verloren oder aufgegeben haben, jede positive religiöse 'Anschauung und Ueberzeugung, so daß sie nur noch das Christenthum, die christlichen Dogmen verneinen. Ist dies wahr? Wir geben zu, daß es unter den gebildeten Juden eine Anzahl giebt, welche sich als Spinozisten. Pantheisten, Pessimisten, Monisten. Darwinisten, Nihilisten u. f. w. bekennen, oder zu bekennen vorgeben. Diese kann aber Auerbach nicht gemeint haben; denn diese sind nicht allein Nichtchristen, sondern auch Nichtjuden, sie verneinen nicht blos das Christenthum, sondern auch das Judenthum. Wir sagen mit Bedacht Spinozisten; denn von Spinoza zum Juventhume giebt es noch eine feste Brücke; aber die Jünger eines Philosophen kehren immer die negative Seite ihres Meisters vorzugsweise heraus. Nun, unter den gebildeten Christen giebt es ebenfalls eine bedeutende Anzahl solcher, die von diesem Geiste des Skeplicismus sich leiten laffen. Aber die große Mehrheit nicht bloß gebildeter, sondern auch viele wistenschaftlich gebildete Christen, selbst wiffenschaftliche Autoritäten, hängen ihm nicht an; und ebenso die Mehrzahl der gebildeten Juden. Aber abgesehen von diesen, die, wie gesagt, Auerbach nicht gemeint haben kann, alle diese zahllosen „gebildeten" Juden, welche den reinen Monotheismus, den einzigen Gott, den Schöpfer der Welt, die Vorsehung in der Geschichte und im Leben des Menschen treu und auftichtig bekennen, haben diese keinen positiven confessionellen Inhalt? sie, die diese Anschauung und Ueberzeugung auf die dreitausendjährige Tradition ihrer Väter, auf die dreitausendjährige Geschichte ihres Stammes stützen, die den Bekennmißspruch auf die Thora sprechen, die sich ihrer Abstammung gemäß verheirathen und jüdisch trauen lasten, die ihre Söhne in den Bund Abrahams aufnehmen und sie bar Mizwa werden oder jüdisch confirmiren laffen, die wenigstens die hohen Festlage halten und am jüdischen Gottesdienste theilnehmen, die endlich sich auf dem jüdischen Friedhofe begraben laffen, und wahrend ihres Lebens den jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten eine besondere Opferwilligkeit widmen, und wo irgend Juden in Bedrängniß sind, energisch für sie eintreten — wer kann, wer darf von diesen behaupten, daß sie keinen jüdisch - confessionellen Inhalt, keine jüdisch-religiöse Anschauung und Ueberzeugung, keine jüdische Lebensrichtung haben, daß sie keine Juden, sondern nur Nichtchristen seien? Denken wir uns doch einmal das Christenthum hinweg, bleiben sie dann nicht immer noch Juden? Sind solche „gebildete" Juden nicht auch in mohammedanischen und heidnischen, z. B. buddhistischen Ländern? . . . Wir beabsichtigen in der Thal keine Polemik mit dem auch von uns verehrten Auer-