Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1875)
- Date
- 1875-07-13
- Page
- Seite 465 (sequence 11)
- Language
- German
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465 Anhalt habe, so daß er immerhin gethan werden Kante? Dem Iodenthume fehlt es sicher nicht an dem Fundament der Lehre. Stellte es doch die Lehre vom einzigen Gotte und von deffen Schöpfung der Welt an die Spitze, die es Jahrtausende allen, später noch vielen Religionsparteien zum Gegensätze machte, die zugleich so sehr zur Wurzel der ganzen Religion wnrde, daß diese ohne sie in allen ihre» Aesten und Zweigen verdorren müßte. Nicht minder proclamirt es von vornherein seine Anschauung vom Menschen und von der Menfchenfeele in Wesen und Attribut und von der Bildung der Gesellschaft. Es fehlt auch nicht an Stellen in der heiligen Schrift, wo die Ueberzeugnng von diesen Wahrheiten, der „Glaube", hochgepriesen wird; wir erinnern nur an 1 Mos. 15, 6, wo Abraham sein Glaube an Gott als eine That angerechnet wird, als eine That der Gerechtigkeit, und an den Kernspruch des Propheten (JesaiaS 7, 9): rrr cs mfife "2 „wenn ihr nicht glaubet, so bleibet ihr nicht" — ei» Spruch, der zu einem Sprüchwort wurde, wie wir ihm 2 Chron. 20, 20 in pofittver Gestalt begegnen: „glaubet an den Ewigen, euren Gott, und ihr bleibet!" — Ebenso wahr ist es jedoch, daß das Judenthum — wir sehen selbstverständlich von den Religionsphilosophen und den Kabbalisten ab — sich nicht in metaphysische Speculationen und Grübeleien einließ, sondern geraden Weges die Consequenzen dieser Fuudamentallehren für das geistige und sittliche Leben des Menschen zu ziehe» sich beeilte. Es sah in der Schöpfung Gottes keinen Zwiespalt, deffen Ausgleichung es künstlich suchen müßte;*) es verlegte das wahre Leben nicht in eine unbekannte, vorstellungslose jenseitige Zukunft, nach welcher es das diesseitige menschliche Leben zu beurtheilen hätte; es versenkte sich nicht in eine erkünstelte Sündhasrigkeit, von der die Seele in eben so künstlicher Weise erlöst werden müffe; es beobachtete vor Allem den Menschen nicht als ein isolirtes Individuum, sondern als Glied der Gesellschaft, welche der Boden ist für die Anwendung aller seiner Kräfte, für die Entwickelung und Bildung seines seelischen Lebens, für das Spiel seiner Leidenschaften und den Sieg über dieselben, für seine Heiligung, d. i. für seine Läuterung zu reiner Sittlichkeit in Liebe und Recht. So war das Judenthum vorzugsweise die Religion für den Menschen; es ging überall auf die Juventificirung der Lehre und des Lebens aus. daß der Mensch all' fein Thun aus dem religiös-sittlichen Bewußtsein heraus vollziehe, und in der Religion für all' sein Thun die Borschrift, oder doch wenigstens den Grundsatz finde. Insofern konnte das Judenthum eine Religion der That genannt werden, ohne daß wir uns mit dieser einseitigen Bezeichnung begnügen dürfen. *) Daß z. B. Jesaias 45, 7 '-ai -jan si-a* -ns -Lidern persischen Dualismus vom Gott des Lichtes und vom Gott der Finsterniß, die sich bekämpfen, entgegen tritt, sahen schon Saadia, Bitrrnga u. And. S. unser» Commentar zur Stelle. Lerthold Äuerbach über die Zuden. Wir stehen keinen Augenblick an, uns gegen die Aeußerung eines Mannes zu erklären, dem wir in seinem eigentlichen Lebensberufe als Dichter wahrhafte Hochschätzung und als Mensch liebenswürdiger Eigenschaften wegen auftichttge Zuneigung widmen. Wir sind also hier völlig außerhalb des Persönlichen und beschäftigen uns nur mit der Sache. In seinem letzten Romane „Waldftied" spricht Auerbach iS. 380) den. Satz aus: „Die gebildeten Juden sind nicht sowohl Juden, als vielmehr Nichtchristen." Wir legten auf diese Aeußerung kein Gewicht, da sie unter tausend anderen, die in diesem Werke gethan werden, steht, und welche nicht minder bezweifelt und bestritten werden könnten. Allein dieser Phrase haben sich bereits die Gegner des Judenthums bemächtigt und sehen sie als ein Zugeständniß, ja als einen Beweis aus dem Munde eines bedeutenden Juden selbst an. So fanden wir sie — mit einigen verstärkenden Worweränderungen — fromme Herren nehmen es bekanntlich mit Citaten nicht sehr genau, um sie für sich noch mehr zuzustutzen — in dem „Schlesischen Protestantenblatte" vom 5. Juni citirt, um zu beweise», daß sich die Juden an die anderen Völker anklammern und sich ihre geistigen Schätze zu eigen machen." Ohne uns also in eine Kritik der genannten Dichtung einzulaffen, die doch unsere Aufgabe nicht wäre, muffen wir die gedachte Aeußerung einer Prüfung unterziehen. Die Mehrheit der Menschen ist sehr befriedigt, wenn ihr über Dinge, die ihr nicht klar sind, eine Phrase geboten wird, die sie für längere Zeit gleichsam zum Motto ihrer oberflächlichen Gedankenwelt machen kann, eine Phrase, mit welcher sie eine bedeuffame Erscheinung charakterisirt und verstanden zu haben glaubt. Sie wird sie dann lange Zeit nicht wieder los. Auerbach selbst kann sich nicht damit entschuldigen, daß er sie nur so beiläufig hingeworfen, denn er bezeichnet sie in seinen vorhergehenden Worten als ein Resultat mehrfacher Beobachtung. Freilich ist es schlimm für ihn. daß er in seiner Motivirung unbewußt seinen Jrrthum dargelegt hat. Sein Held begegnet auf dem Kriegsschauplatz von 1870 einem Advokaten, einem sehr „gebildeten" Juden, der seinen einzigen Sohn in der Schlacht verloren hat, deffen Leiche auf dem Schlachtfelde aufsucht und sie nach einem elfäsfischen Dorfe bringt, und auf dem dortigen jüdischen Friedhofe begrabt — anstatt seinen Sohn mit den übrigen gefallenen Kameraden gemeinschaftlich bestatten zu lasten. Bezeugt er sich dadurch nur als Nichtchristen, oder als Juden? Auerbach muß dies gefühlt haben, denn er legt dem Advokaten die Worte in den Mund, daß er dies nur gethan, um für spätere Zeit damit ein Zeugniß äufgestellt zu haben, wie die Juden milgekämpft und mitgefallen. Dies ist eine fade Entschuldigung, wir mochten sagen eine Selbsttäuschung des Advokaten und eine Rüse des Dichters, der zu seiner Phrase gelangen will. Die Juden bedürfen eines solchen einzelnen Zeugnistes anf einem entlegenen elsajsischen Dorffrievhofe nicht. Da ist doch