Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1875)
- Date
- 1875-07-13
- Page
- Seite 461 (sequence 7)
- Language
- German
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461 die angerichlet wurden, würden wir diese Catastrophe als Glück preisen, wenn die Leute aus derselben Belehrung zögen und durch Schaden klug würden. Sie haben von den Artikeln, die das hiesige feudale Organ: „Das Vaterland" gegen die Juden brachte, Notiz genommen. So weit ich die Sache beurtheilen kann, blieben sie ohne alle Wirkung. Es geht dieses auch daraus hervor, daß keines der liberalen Blätter sich veranlaßt gesehen hat, demselben zu antworten. Waren derartige Artikel vor einigen Jahren erschienen, so würden gewiß sämmrliche liberale Journale gegen ein derartiges Journal Front gemacht haben. Dieses katholisch Blatt lebt auch in offener Fehde mit dem hiesigen Cardinal Rauscher und mit deffen Organ dem „Volkssreund"; nur wo es sich um Juden handelt, da reichen sie sich die Hände. Schließlich wird sich an ihnen bewähren -nn- 27^:2 ■nrai. Sre sprachen jüngst in eindringlicher Weise für die Verbreitung der Bibel in jüdischen Hausern. Sie haben da aus dem Herzen aller derer, die noch Sinn für das Judenthum haben, gesprochen. Cs ist auf's tiefste zu beklagen, daß wir Juden heute weniger Kenntuiß von der Bibel haben, als die Protestanten. Ich möchte dabei noch einen anderen Uebelsiand berühren. Für die studirenve Jugend hier ist die Bibel in der Ursprache obligater Lehrgegenstand. Manche Schulen haben die Ausgaben der protestantischen Missionsgesellschafr mit der lutherischen Uebersetzung. In dieser kommen jedoch Ausdrücke vor, die entschieden nachtheilig für die sittliche Bildung der Jugend sind. Wie ich jüngst hörte, beabsichtigt das Ministerium für Cultus und Unterricht zu verbieten, daß man den Kindern eine Gesammtbibel in die Hand gebe.*) Das würde jedoch nur heißen: Das Kind mit dem Bade ausschütten. Jüngst starb hier Herr Rüben Baruch, Chacham der türkischen und Rabbinatsaffeffor der israelitischen Cultusgemeinde. Er war ein Mann von ausgebreitetem Wiffen auf talmudischem Gebiete und ein sanfter, edler Charakter von großer Bescheidenheit. Möge er in Frieden ruhen. Herr Prediger Dr. Jellinek feierte am 26. Mai seine silberne Hochzeit, zugleich verheirarhete er au demselben Tage seine Tochter. Die Gemeinde ergriff diesen Anlaß, um ihrem Seelenhirlen die wärmste Theilnahme zu bezeugen. Pest, l. Juni. Hier sind beide bisherige Abgeordnete jüdischer Religion wieder gewählt, und zwar Moritz Wahrmann neben Deal und Jokay einstimmig, Eduard Horn in der Theresienstadt, nachdem er 1250 und llr. Falk 441 Stimmen hatten, und letzterer zurücktrat, per Acclamation. — Wahrmann hat eine mit großer Begeisterung aufgenommene Dankrede gehalten. *) Giebt es keine anderen Bibelausgabcn? Was würden protestantische Prediger und Lehrer dazu sagen, oder vielmehr lhun, wenn pe jüdische Uebersetzungen bei ihren Schülern fänden? Redactron. In Arad wurde Franz Chor in, ein Neffe des Arader Rabbiners Chorin, mit enormer Majorität zum Abgeordneten gewählt. Im ungarischen Parlamente befinden sich somit bis jetzt drei Juden. Der gestern in Prag verschiedene greise Kaiser Ferdinand war das freigebigste Mitglied der dortigen Chewra-Kadischa und Mitglied des israel. Nächstenliebe-Vereins. Frankreich. Paris, 1. Juli. Der ultramontane „Univers" fährt fort täglich gegen die Juden zu donnern, und ihnen alles mögliche Ueble nachzurecen. Herr Francisgue Sarcey antwortet ihm unermüdlich im „XIX. Siede". Besonders sucht Beuillot die elsässischen Juden des Mangels an französischem Patriotismus zu zeihen. Herr Sarcey entgegnet: „Die Auswanderung der Israeliten im Elsaß ist bedeutend gewesen und dauert immer noch fort. Die Städte Metz. Slraßburg. Colmar, Mühlhausen, Schlettstadt, Hagenau, Bischweiler, haben einen großen Theil ihrer israelitischen Bevölkerung verloren. Ich weiß nicht, ob vier katholische Priester das Elsaß verlassen haben, aber zwei Grcßrabbiner, der von Metz und der von Colmar, haben wichtige Sprengel verlaffen, der eine nach Lille, der andere nach Besuol zu gehen, wo sich sehr kleine Gemeinden befinden. Ich muß noch hinzufügen, daß die Elfäffer Israeliten, die in der Schweiz und in Amerika sich aufhalten, ohne Ausnahme für die franz. Nationalität votirt haben. Dies sind Thatsachen und unwiderlegliche Thatsachen!" — Dies verhindert jedoch den frommen Beuillot nicht, täglich mit seinen verleumderischen Anschuldigungen fortzufahren. Wir möchten, aber die französischen Juden fragen, warum sie sich dies so gutwillig gefallen lasten, und nicht die Hülse der Gerichtshöfe in Anspruch nehmen? Würde ein Jude es wagen, Christenthum und Christen anzugreifen, würden sich nicht alsbald die strengsten Strafrichter finden, und die Staatsprocuratoren sich beeilen, sie in Anspruch zu nehmen? — Die großen Verheerungen, welche im mittägigen Frankreich durch Ueberschwem münzen angerichlet worden, in einer Gegend, wo sehr wenige Juden wohnen und von diesem Unglück bettoffen werden konnten, hat die jüdische Wohlthätigkeit sofort angeregt. Die Herren von Rothschild sandten 30,000 Francs, die Baronin James ».'Rothschild l0,000 Francs, Madame Heine 25,000 Francs. Der Großrabbiner Levy von Bordeaux hat einen warmen Aufruf an die jüdischen Bewohner seines Sprengels gerichtet. Wir sind die Letzten, welche auf dergleichen Handlungen hinzuweisen lieben, da hierbei ja nichts als die einfache Menschen- und Bürgerpflicht geschieht. Aber bei den unaufhörlichen Schmähungen, welche gegenwärtig ein großer Theil der französischen Presse täglich losläßt, ist es doch gestattet, solche Daten hervorzuheben. Es hat dies um so mehr Bedeutung, als notorisch die Franzosen nicht! geneigt sind, für wohlthätige Zwecke Opfer zu bringen, öc hat