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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-13 · Heft 29 (13.7.1875) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 29 (13.7.1875)
Date
1875-07-13
Page
Seite 460 (sequence 6)
Language
German
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460 ausschließt. Bemerkenswerth ist cs, daß die „Köln. Zeitung" sich geflisientlich zum Wiederhall aller dieser Judeuschmähungen macht, indem sie sorgfältig aus allen den genannten Orten darüber reserirt, ohne ein eigenes Wort hinzuzufügen. Die Leser der „K. A." müsien doch wissen, daß das „Vaterland" in Wien und die „Kreuzzeitung" in Berlin und der „Univers" in Paris aus die Juden raisonniren; es wäre doch sehr schade, wenn die Leser dies nicht wüßten, und nicht einige der Kraftausdrücke davon trügen. .Dabei thut die „Köln. Ztg." doch redlich das Ihrige wenn nicht über, doch unter dem Striche, und bringt einen langen und glücklicherweise sehr langweiligen Roman „Die Hyäne des Capitals", in welchem Juden die scheußlichste Rolle spielen. Man kann nicht verkennen, daß dieses gesammte Treiben auf eine momentane Strömung hinweist. Jnveß hat dieselbe gar kein greifbares Object und kann somit chatsachlich keinen Schaven anrichten. Freilich halt sie die Eiterbeule des Borurtheils immerfort in voller Ausdehnung bestehen. Aber auch diese Schmäherei wird sich bald wieder erschöpfen, da sie im Grunde gar keine Abwechselung bietet und die einmal landläufigen Redensarten sich wieder auf eine Zeit lang abnützen. Auö Kurhessen, 26. Juni. Gegen Ende vorigen Jahres verfügte die königliche Regierung zu Kassel, was seiner Zeit auch in diesem Blatte mitgetheilt wurde, daß es in denjenigen früher bayerischen Gemeinden, in welchen die Juden an die dortigen Pfarrer ein sogenanntes Neujahrsgeld zu entrichten hatten, nach wie vor damit sein Bewenden haben solle. Nunmehr haben, der „Fuld. Ztg." zufolge, die Ministerien des Innern und des Cultus unterm!9. April c. eine gegentheilige Entschließung erlaffen. Boa«, 1. Juli. (Privatmitth.) Wir können nicht umhin, aucb an dieser Stelle von der Reise des Cultusministers Dr. Falk durch die Rheinlande zu sprechen, um so mehr, als diese sich gerade in Bonn und von Bonn aus zu einem wahren Triumphzuge unter Theilnahme eines beträchtlichen Theiles der Bürgerschaft und cer gesammten Bevölkerung gestaltet hat. Diese merkwürdige Erscheinung muß nicht allein für den Minister, seine Tendenzen und Arbeiten ein festes Piedestal schaffen, sondern hat auch der Welt und den Rheinlanden selbst die Augen über die wirkliche Lage der Dinge in diesen geöffnet. Das laute Geschrei der Ultramontanen hatte selbst hier zu Lande die Meinung geschaffen, als ob die immense Mehrheit der Bevölkerung der Herrschaft res Jesuitismus und des Syllabus ergeben sei und dem Streite des Staates gegen dieselben einen hartnäckigen Widerstand gegenüberstelle. Es hat sich dies als falsch erwiesen. Die Ovationen, die dem Minister gebracht wurden, fanden nicht blos massenhafte Theilnahme, und zwar in den Städten und auf dem Lande, sondern es wagten die Anhänger der Schwarzen auch nicht die leiseste Kundgebung dagegen, und in die tausendstimmigen Hochs, in die auf den Marktplätzen aufgeführten Gefangen und gehaltenen Reden bei den Fackelzügen mischte sich nicht das geringste Pfeifen und Zischen. Die ultramontane Bevölkerung staud dabei wie betroffen, enttäuscht, im Gefühle ihrer Ohnmacht. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß wir unsererseits uns auch nicht tauschen dürfen und daß immer noch der größere Theil der Bevölkerung dem Klerus anhängt. Aber wenn einerseits die liberale und deuffche Partei durch diese Vorgänge ihre eigene Stärke kennen gelernt hat, so hat es sich andererseits auch gezeigt, daß selbst die ftrengkatholische Partei durchaus nicht so fanatisch ist, wie die ultramontanen Schreier es ausgegeben haben, und daß aus irgend welchen thaffächlichen Widerstand, Gott sei Dank, nicht zu rechnen ist. Denn was wäre einer fanatisirten Menge leichter gewesen, als diese ganz öffentlichen Ovationen unter freiem Himmel auf irgend eine Weise zu stören und Unordnung, Tumult u. dgl. zu Stande zu bringen; das wäre zur abendlichen Zeit sogar ohne große persönliche Gefahr möglich gewesen. Aber nichts dergleichen hat stattgesunden. Die Führer jener Partei können nicht einmal einwenden, sie hätten die Parole des RuhehalrenS ausgegeben. Denn davon hat man durchaus nichts vernommen, und eine wirklich fanatische Menge, welche sich in's Angesicht hinein verletzt fühlt, fragt in ihrer Wuth nach solcher, doch nicht ernstlich gemeinten Parole nichts. Hinterdrein wollen die Ultramontanen die Wirkung dieser Vorgänge abschwächen, indem sie behaupten, daß Alles nur von „Juden und Freimaurern" ausgegangen sei und ausgesührt worden. Es ist dies allzu lächerlich. Denn wer die kleine Anzahl der Juden in den Städten des Rheinlandes und die noch kleinere Zahl von Freimaurern daselbst kennt, muß in diesem Vorwände nur ein Bekenntniß der eignen Schwache ersehen. Wer kann z. B. die 86 Familien in Bonn und die 90 in Aachen unter den vielen Tausenden derer, welche an den Ovationen für den Minister thäligen Aniheil genommen, mehr als einen geringfügigen Bruchtheil erkennen? Der ultramontanen Bevölkerung selbst, die an Ort und Stelle war, muß die Nichtigkeit solches Geschwätzes und die Täuschung, die man ihr insinuiren will, klar werden. Oesterreich - Ungarn. Wien, 27. Juni. (Privatmitth.) Das lebenslustige Wien hat vieles von seiner früher« Heiterkeit eingebüßt. Die schwere Noch der Zeit hat dasselbe verstimmt. Die Catastrophe, die vor zwei Jahren eingetreten, ist noch nicht zum Abschlüsse gekommen n» t? r-v ■pen. Auch die jüdische Gemeinde leidet hart darunter. Die Cultussteuern betrugen im Jahre 1872 95,836 fl., im Jahre 1873: 91,647 und im Jahre 1874: blos 88,551 fl. Ohne Zweifel wird das Eiukommen in diesem Jahre noch geringer sein. Trotz all' den Verheerungen und Verwüstungen,

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