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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-13 · Heft 29 (13.7.1875) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 29 (13.7.1875)
Date
1875-07-13
Page
Seite 459 (sequence 5)
Language
German
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459 man erst auf die grausamste Weise beschränke, und dann über die daraus entspringenden Neigungen mit Borwürfen und Schmähungen überhäufe. Entschieden spricht er die mosaische Gesetzgebung von jedem Makel der Feindseligkeit gegen andere Nationen frei. Meisterhaft ist das Bild gezeichnet, das er vom mosaischen Sittengesetz entwirft (S. 466 rc.), welches mit einem freiern und verstandnißreichern Auge kaum je angeschaut worden. Wir citiren nur noch einen Satz aus dem Schlußcapitel (S. 534): „Im Allgemeinen giebt es kein Detail, welcher Art es sei, das Len aufmerksamen und durchdringenden Blicken des Gesetzgebers der Hebräer entginge. Gewöhnlich bis zur Hohe der größten politischen Gegenstände erhoben, steigt er von ihr bisweilen herab, um in einer anderen Weise über Las öffentliche Eigenthum, die öffentliche Ruhe und Sicherheit zu wachen. Bald verbietet er die Grenzmarken zu versetzen, bald wenn man ein Vogelnest findet, die Mutter zu rauben; bald befiehlt er, wenn man ein Haus gebaut, ein Geländer um das flache Dach zu ziehen u. s. w." Er führt diesen wichtigen und schönen Gegenstand durch alle Zweige des Lebens durch. Wir freuen uns, durch diese kurze Skizze dem Andenken eines Mannes, der auf diese Weise sowohl für die Verbreitung richtiger politischer und socialer Ansichten als auch für die Rechtsstellung der Juden durch sein Werk so Großes vorgearbeitet hat, unsre Huldigung dargebracht und es in der Erinnerung unsrer Zeitgenoffen erneuert zu haben. 2r>ei£twicj 6uy<xcßtxc&teit. Deutschland. Berlin, 1. Juli. (Privatmitth.) Bereits fangt man hier an, an die Feier der hohen Feste im Herbste vorsorglich zu denken. Auch in diesem Jahre werden verschiedene Betsäle hergerichtet werden, z. B. in dem Concertsaale der Reichshallen, wo Gottesdienst mit Begleitung der Orgel stattfinden wird. In Deutschland macht sich dieses Instrument, von welchem bekanntlich nach dem Talmud ein Exemplar schon im Tempel gespielt wurde, immer mehr zum unentbehrlichen Theile des jüdischen Cultus, und es wird nicht langer Zeit bedürfen, um ihm denselben Charakter des Geweihten zu errheilen, den die übrigen Utensilien eines Gotteshauses nach unsrem Ritualgesetze besitzen. Ich erinnere mich dabei des Borkommniffes in einer Gemeinde von mittlerer Seelenzahl. Auch der orthodoxe Theil derselben hatte sich in die Einführung der Orgel gefügt. Als man aber auf derselben ein Abbild der Gesetzestafeln anbrachre, erhob sich ein solcher Sturm der Entrüstung, daß man sie von dem musikalischen Instrumente wieder entfernen mußte, wollte man den Frieden nicht ernstlich gestört sehen. —. Hiesige Blätter enthalten folgende Warnung: Seit niehreren Monaten treiben sich, wie die „B. Brgr.-Ztg." mittheilt, zwei, ihrem Auftreten und ihrer äußeren Erscheinung nach scheinbar den bester siwirten Bermögensclaffen angehörende Männer jüdischen Glaubens in Deutschland umher, woselbst sie die Mildthatigkeit ihrer Glaubensgenoffen für ihre durch Typhus und Cholera sehr stark mitgenommene Gemeinde K. in Rußland anrufen. Sie weisen den ihnen ertheilten Auftrag, für die unglückliche heimathliche Gemeinde zu sammeln, um Waisenhäuser und ähnliche wohlthätige Institute zu errichten, durch Atteste hochgestellter Personen und Glaubensgen offen nach und lasten die gereichten Gaben in ein Spendenbuch verzeichnen. Das betreffende Spendenbuch weist auch schon mehrere Tausend Thaler von Beittägen aus den verschiedensten Theilen Deutschlands nach. Wie jedoch constatirt worden ist, sind diese Sammler abgefeimte Gauner aus dem polnischen Grenzorte Oswiecin; sie haben sich aus Berlin, woselbst derartiges von einer Ehrengesellschaft förmlich fabrikmäßig betrieben werden soll, gefälschte Zeugniffe beschafft und machen nun die Provinzen unsicher. Auf das Treiben des Gaunerpaares sei deßhalb hiermit warnend aufmerksam gemacht. Berlin, 2. Juli. (Privatmittheil.) Bei der jetzt wieder einmal von allen Seiten stattfindenden Befehdung der Juden konnte auch die deutsche Hauptstadt an der Spree nicht ganz ausbleiben und zwar von ziemlich entgegengesetzten Seiten. Zunächst ist es die „Kreuzzeitung" die einmal wieder in ihre alte Gewohnheit, uns zum Prügelknaben und Sündenbock für Alles was ihr nicht gefällt, zu machen, zurückgefallen, und die Streitfrage über die Goldwährung und die angeblichen Mißstände derselben zum Borwande nimmt, die Juden als die Urheber der gegenwärtigen Richtung der preußischen Finanzen anzusehen, und zu behaupten, die Juden regierten den Staat. Dem gegenüber bricht die liberale „Gegenwart" Paul Lindaus die Gelegenheit vom Zaune, einen gewissen Hergel die Juden schmähen zu lasten, weil sie vor jeder Regierung sich beugen und ihr gehorsam seien. Man sieht also, daß man hinsichtlich der Juden die gröbsten Widersprüche nicht scheut: bei dem Einen regieren sie, bei dem Anderen lasten sie sich regieren. Bei solchem Borgange scheint es deshalb nicht nothwendig, den Einen und den Anderen zu widerlegen, noch dazu da die Kreuzzeilung an unheilbarer Alterschwäche leidet, und diese „Gegenwart" schwerlich eine lange Gegenwart hat. Wir wollen hier nur beider Erwähnung thun, um zu zeigen, wie der ekle Kreis von Petersburg, Wien, Paris, und Cincinnati auch Berlin nicht

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