Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1875)
- Date
- 1875-07-13
- Page
- Seite 457 (sequence 3)
- Language
- German
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457 sie sich nicht durch die Taufe mit dem Christenthume ausgeglichen, in ihrer Ueberzeugunzstreue diesem entgegenarbeiten würde. Das Christenlhum ist so sehr von propagandistischem Geiste erfüllt, daß es in jedem Andersgläubigen denselben voraussetzt. Daß sie sich hierin irrte, daß Juden in Lehr- und Staatsamtern durchaus keine Propaganda treiben, und daß im Gegentheil eine große Anzahl getaufter Juden aller positiven Religion abgeneigt ist und so der christlichen Kirche schadet, und daß sie aus diese Weise die jüdische Intelligenz in die Opposition drängle, dies wollte sie durchaus nicht erkennen. Was das Erict von 1812 den Juden in gewerblicher Beziehung gewahrte, wurde ausrecht erhallen, durch die Gewerbeordnung von 1845 erweitert, und endlich die freie Niederlasiung im ganzen Staate durch das Gesetz von 1847 hmzugefügt. Es kam deßhalb daraus an, die Welt von der Ungerechtigkeit dieses Verhäktniffes zu überzeugen, die Anerkennung des uns vorenthaltenen Rechtes immer mehr zu verbreiten, die öffentliche Meinung zu gewinnen. Die vollständige Gleichberechtigung mußte zu einem integrirenden Theile jener Forderungen erhoben werden, welche das Bewußtsein und die Stimme des Volkes aus dem Bedürfniß der Zeit heraus an die Regierungen stellten. Hierzu mußte Schrift aus Schrift die Beweisführung bringen, mußte die liberale Tagespresse in diesem Geiste wirken, mußte, und dies kostete unendliche Mühe, jede feindliche Stimme, jedes gehässige Urtheil beantwortet 'und bekämpft werden. Dieser umfassenden Anstrengung, die um so schwieriger durchzuführen war, als den jüdischen Kämpfern von den Juden selbst keine Mittel, besonders keine Geldmittel zu Gebote gestellt waren, so daß sie allein aus das geistige Interesse sich angewiesen sahen, kam jedoch der Umstand zur Hülse, daß die Regierung in ihrer orthodoxen Einseitigkeit auf dem religiösen Gebiete überhaupt Zwang ausübte und so den Wegfall aller confessionellen Berücksichtigungen und Beschränkungen, die Glaubens- und Gewissensfreiheit zum allgemeinen Bedürfniß machte. So gelang es, auch die Gleichstellung der Juden ihres speciellen Inhalts zu entkleiden und zu einem selbstverständlichen Momente eines allgemeinen Princips zu erheben, wie sie dies auch ihrer Natur nach war. So wurde sie einer jener Forderungen, welche in Schrift und Versammlung schon längere Zeit vor und dann in der Bewegung von 1848 aufgestellt, zugestanden und in die Verfassung ausgenommen wurden. Da aber bald die Regierung jede Art von Ausflucht wählte, um in der Ausschließung der jüdischen Intelligenz, insoneers vom Lehramre zu verharren, so mußte der Kamps fortgesetzt werden. Es war ein langwieriger, durch die Presse und immer wiederholte Petitionen geführter, welcher der widerstrebenden Slaatsregierung einen Schritt nach dem ankern abrang, bis das Gesetz des Norddeuffchen Bundes vom 3. Juli 1869, später auch als Gesetz des deutschen Reiches anerkannt, die gesetzliche Stellung noch einmal vergewissert, und durch den Kampf mit der ultramontanen Kirche ein Verlassen des alten Weges, eine Beseitigung des starren Confessionalismus ernöthigt ward. Jndeß sind auch jetzt noch mancherlei Lücken auszufüllen, und müssen wir aus dem Kreise der Ministerialrescripte zu formulirten Gesetzen gelangen. Dieser Kämpfe und ihrer Träger hat freilich das jüngere Geschlecht, ras die Früchte genießt, fast schon vergessen, und sieht wohl gar vornehm über jene hinweg. Doch dies ist das allgemeine Schicksal Aller, welche eine Uebergangsperiode zu durchschreiten und durchzuringen Wir nannten diese Betrachtung ein Stück Zeitgeschichte. Und dies giebt sie nicht bloß, indem sie einen speciellen Gegenstand darbietet, der sich im Verlaufe der Zeitgeschichte abspielte, sondern auch dadurch, daß seine Phasen mit der Entwickelung und Verwirklichung der höchsten Principien des Staates eng zusammenhingen, so daß sich in ihnen diese Zeit, ihr Inhalt, ihre Kämpfe, ihre Errungenschaften ausprägen. Dies weiter zu entwickeln, haben wir uns heute nicht zur Ausgabe gestellt. pastoret und Moses. II. (Schluß.) Wie wir schon oft bemerkt haben und uns gedrungen fühlen, immer wieder nachdrücklich hervorzuheben: es giebt zweierlei Kritik über die Monumente des Alterthums und besonders über die Bücher der h. Schrift. Die eine erforscht mit Gründlichkeit und Scharfsinn die äußerlichen Momente, und von der gegenwärtigen Beschaffenheit des überlieferten Denkmals ausgehend, sucht sie das Schriftwerk in der Originalität seiner Theile auszuspüren, zu zerlegen, deren Abfassungszeit, Abfasser und ursprünglichen Zustand herauszubringen, und bedient fick hierzu aller Kriterien, die auszufinden sind. Es versteht sich, daß dieser Weg bei einem Schriftwerke, das in die graueste Vorzeit hinaufreicht, wie der Pentateuch, dessen Schlußredacrion nach cer Tradition selbst ein Jahrtausend nach seiner angegebenen Abfassung stattgefunren und das bis dahin mannichsache Schicksale erlebte, wie denn der Pentateuch einmal von der herrschenden Kaste ganz vergessen worden, wir sagen, es versteht sich, daß dieser Weg der Kritik nach den äußeren Kennzeichen, die diesem Schriftwerke im Laufe so langer Zeiten bis zur Fixirung seines Wortlautes ausgeprägt worden, sich bald in die mannichsaltigsten Pfade spalten muß, die völlig auseinander- und leicht zu den seltsamsten Zielen führen. In solcher Kritik, welche schließlich allen Boden unter den Füßen verliert, und vor lauter Entdeckungen den wirklichen Gegenstand in Nebel verschwinden läßt, haben auch in neuerer Zeit mehrere jüdische Gelehrte sich hervorgethan. — Die andere Kritik schlägt den entgegengesetzten Weg ein. Sie strebt, den Inhalt des Schriftwerkes zu fassen, seinen Geist zu verstehen, seinen Zusammenhang, feinen Charakter und seine Teuren; ins Klare zu stellen, und bei einem Werke, wie es die mosaische