Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 451 (sequence 13)
- Language
- German
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451 den Ärrthum auszusäen. Die Proselytenmacherei selbst aber verleitet auf's Leichteste zu den unsittlichsten Abwegen. Sie kann nur sittlich sein, wo sie sich auf das Wort an der rechten Stelle beschränkt. Die Anwendung jedes anderen Mittels, nicht bloß der Gewalt und des Goldes, sondern auch irgend welches äußerlichen Verhältnisies, irgenv welcher Pression, ist unsittlich, um so unsittlicher, jemehr hierdurch die Heiligkeit der Religion selbst entweiht, eine Lüge vor Gott befördert, Heuchelei und Betrug hervorgerufen wird. Der Religionswechsel kann nur gerechtfertigt sein, wenn er aus der innersten Ueberzeugung hervorgeht; in jedem anderen Falle ist er eine Entweihung der Religion, eine Lüge, die Gott den Allerheiligsten zum Gegenstände hat. Zu einem Religionswechsel veranlaffen, ist daher von den größten sittlichen Gefahren umringt, denen mit möglichster Vorsicht zu entgehen ein wahrhaft religiös-sittliches Streben, einen Vorzug des Judenthums bedeutet. Von einer Ausschließlichkeit kann aber da nicht die Rede sein, wo Niemand ausgeschlossen wird. — Vermischtes. Die Geschichte Joseph's. Zwischen einigen bedeutenden französischen Zeitschriften ist jetzt eine interessante Polemik im Gange, von welcher wir hier Notiz nehmen wollen. Ein Herr Jules Suury, der in Verbindung mit Hartwig Derenburg die alttcstamentliche Literatur von Noelbeke übersetzt, sonst auch eine Schrift über einige zweideutige historische Frauen geschrieben hat, zählte in der Revue de* deux mondes vom 15. Februar die Geschichte Joseph's unter die Erzählungen und Romane des alten Aegyptens und brachte hierüber eine ausführliche Auseinandersetzung. Ihm tritt mit einer scharfen Kritik Herr F. Gregoire in der Revue des questions historiques vom 1. April entgegen. Soury hatte auf Autorität des in Deutschland niemals ernst genommenen und schon vergessenen Schriftchens von A. Bernstein behauptet, die Geschichte Joseph's sei nach der Trennung des Reiches, also etwa im neunten Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung von einem Ephraimiten zum Lobe seines Stammes und zur Herabsetzung des Reiches Juda geschrieben. Die Widerlegung einer solchen Hypothese fällt nicht schwer. Da gegenwärtig durch die ägyptischen Monumente, wie z. B. Ebers dargelegt hat, erwiesen ist, daß bis auf den geringsten Einzelzug Alles, was im ersten Buche Mosis und namentlich in der Geschichte Joseph's über Aegypten vorkommt, genau und richtig ist, z. B. daß zu Joseph's Zeit sum 1700) unter der Herrschaft des Hyksos durch diesen semitischen Stamm die Pferde in Aegypten eingeführt waren, während zu Abrahams Zeit (vgl. 1 Mos. 12, 16) in Aegypten das Pferd noch nicht vorhanden war, wie dies die ägyptischen Monumente bezeugen — so wäre es doch sehr wunderbar, daß ein ephraimitischer Autor so genaue Kenntniß von den ägyptischen Zuständen acht Jahrhunderte vor ihm gehabt hatte! Beiläufig bemerkt, wäre dies um so wunderbarer, als Herr Soury selbst sich große Schnitzer aus der ihm doch vorliegenden Bibel schuldig macht. So z. B. ruft er, als die Frau des Potiphar das Kleid Josephs ersaßt, aus: „Dieser famose Rock, der schon den Neid der Brüder hervorgerufen hat!" Er vergißt also, daß der Rock Josephs von dessen Brüdern zurückgehalten, zerrissen und in Blut getaucht worden, um ihn ihrem Vater zu zeigen.*) Der wesentliche Einwand, den Herr Gregoire erhebt, besteht aber schon darin, daß in der Geschichte Josephs Alles gerade zum Ruhme Juda's ausfällt. Juda war es, der seine Brüder verhinderte, Joseph zu tödten (1 Mos. 37, 26); Juda, der muthig vor Joseph trat und jene mustergültige Rede hielt (1 Mos. 44, 18); Juda endlich, der sich erbietet, statt Benjamins als Sklave in Aegypten zurückzubleiben (V. 33) und doch war Benjamin nicht von derselben Mutter. Wie also diese Erzählung zum Ruhme des Zehnstämmereichs gegen Juda geschmiedet sein soll, ist nicht ersichtlich, vielmehr daß sie auf einer gleichmäßigen Würdigung aller Stämme beruht. — Soury möchte ferner die ganze Erzählung nur als eine schöne Dichtung darstellen, die nur so in die Genesis einzeschoben sei. Er sieht nicht, daß viele historische Thatsachen darauf begründet sind. Wie die Israeliten nach Aegypten kamen, wie es ihnen gestattet wurde, sich in Gosen niederzulaffen — und dies sind durch die ägyptischen Monumente bezeugte Thatsachen — ist nur durch die Geschichte Josephs erklärt. Das Grab Josephs war bei Sichem, wie allem Volke bekannt sein mußte, und das Buch Josua berichtet, wie die Gebeine Josephs dahin gelangten, 2 Mos. 13, 19, daß Moses die Gebeine Josephs mit sich genommen, ganz dem gemäß, was uns die Erzählung von Josepb (1 Mos. 50, 25. 26) berichtet. — Nicht minder will Soury uns einreden, daß die Propheten keine Anspielung, namentlicb Jesajas, auf die Erzählung von Joseph machen, sie also für nichts als eine Fabel gehalten. Daß in solchem Stillschweigen noch durchaus kein Beweis läge, ist einsichtlich. Aber Soun muß die Bibel nur sehr oberflächlich kennen. Jesajas 52, 4 enthält eine sehr durchsichtige Anspielung; Ezechiel <37, 16 gleich Jerem. 31, 9 erwähnt ausdrücklich eines Umstandes aus dem Leben Josephs; Psalm 105, 16—2-3 bringt uns die Geschichte Josephs im Auszuge u. f. w. — Wir halten es nicht für nothwendig, näher in diesen Streit einzugehen, wo die Kritik wieder einmal eine solche Fehlgeburt zu Tage gebracht hat. Wir wollten nichts als ein kleines Bild derselben hier entwerfen. *) Man kann wohl von Herrn Soury nicht verlangen, zu wissen, daß an der ersten Stelle (1 Mos. 37, 3) der Rock Josephs ri:^2 heißt, wie auch V. 32, und V. 31 u. 33 immer n:ro, hingegen an der zweiten (39, 12. 13. 15. 16. 18stets blos nrn. Schwerlich hätte man auch einen Sklaven in Aegypten mit jenem Rocke bekleidet gelassen.