Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 450 (sequence 12)
- Language
- German
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das vielmehr auszog, die Well mit dem Wort zu gewinnen und sie feinem Glauben zu unterwerfen, ohne die Staaten und die Nationen in ihrem Bestände anzutasten. Nachdem die Anhänger des Christenthums unter den Juden keine Verbreitung, vielmehr Widerstand gefunden, und die Paulinische Richtung, die sich vom Gesetze Mosis lossagte, die Oberhand gewonnen hatte, war das Christenthum aus die Verbreitung unter den Heiden angewiesen, und der Proselytismus ein Theil seines Wesens geworden. Bald blieb es nicht , bei der Bekehrung Lurch das Wort; das Schwert, alle Gewaltsmittel, und später viele andere Mittel, wurden in Anwendung gebracht, und mit der Entwickelung der Priesterschaft in immer ausgedehnterem Maße. Bei dieser constanten Verschiedenheit darf man sich mit äußerlichen geschichtlichen Momenten nicht begnügen; man muß vielmehr voraussetzen, daß in dem Wesen dieser Religionen selbst die Ursachen dieser Erscheinung liegen. Bei näherer Prüfung finden Liese sich auch bald. Das Juventhum schließt zwar unbedingt die Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes ein; aber es erkennt in dieser allein nicht die ganze Bedingung des Heiles und des„Antheils am ewigen Leben" an, sondern in der Erlangung lauterer Sittlichkeit, indem sie die Heiligung in der Uebung der Liebe und des Rechts findet. Man lese das 19. Kap. des?, B. Mosis und die zahlreichen Stellen bei den Propheten, den Psalmen, in der ganzen heiligen Schrift. Auf diesem Grunde erklärte der Talmud, daß „die Gerechten aller Volker Antheil am ewigen Leben haben". Die lautere Sittlichkeit also entschied dem Judenchume über das Heil sowohl seiner Bekenner als auch derer, die sich nicht zu ihm bekannten. — In entgegengesetzter Weise erkennen Christenthum und Islam das Heil durchaus vom Glauben, ein jedes von Beiden von dem von ihm gelehrten Glauben bedingt; sie verlangen allerdings auch einen sittlichen Lebenswandel, aber ohne den Glauben kann selbst dieser das Heil der Seele und die „ewige Seligkeit" nicht erwerben. Alle Andersgläubige sind vom Heile bei Gott und der ewigen Seligkeit ausgeschlossen. — Wir wollen nun an dieser Stelle über den Werth dieser beiden entgegengesetzten Anschauungen nicht eintreten. So viel aber leuchtet sofort ein, daß es zum Wesen dieses ausschließlichen Glaubens gehören muß, sich auch auf andere, womöglich aus alle Menschen zu übertragen, daß er an sich schon in der Epistenz jedes andern Glaubens einen Widerspruch mit sich selbst finden muß, da er sonst alle Andersgläubige ohne diese einzig mögliche Bedingung des Heils sieht, was schließlich doch nur als ein Werk der Vorsehung selbst angesehen werden muß, noch dazu da dieser Glaube zugleich als ein Werk der göttlichen Gnade erklärt wird, also diese Gnade selbst als eine ausschließliche. So findet denn auch noch heute jede neuentstehende christliche Sekte sofort ihren Beruf darin, so viele Anhänger wie möglich zu gewinnen, und nach ihrem numerischen Wachsthum wird die siegende Kraft ihres Dogmensystems bemessen. Das Judenthum hingegen mußte sich stets aufgefordert fühlen, durch feinen Bestand, durch die offene Verkündigung seiner Lehren und durch die Verbreitung seiner Schriften, die Wahrheit derselben erkennbar zu machen und zu bezeugen, denn selbstverständlich kann es die Erkenntniß des einzigen Gottes allein als unerschütterliche Basis der wahren Sittlichkeit ansehen; aber es kann weder seinen eigenen Bestand, noch das unbedingte Heil der Menschen in dem offenen Uebertritt zur Synagoge seitens immer mehrerer Personen erblicken. Die Verbreitung der Wahrheit seiner Lehren durch deren unumwundene Verkündigung in Wort und Schrift für alle Diejenigen, die daraus hören und. darin lesen wollen, ist eine heilige Pflicht des Judenthums, und jede, auch nur zeitweise Verleugnung derselben seitens eines Juden ist eine schwere Versündigung. Aber, was man eigentlich Proselytenmacherei und Propaganda nennt, immer mehrere Personen zum factischen Uebertritt zur Synagoge zu bewegen, das ist weder eine Bedingung, noch ein Bedürfniß, noch eine Pflicht des Judenthums und der Juden. Gerade jemehr der Lehrinhalt des Judenthums auf die Allgemeinheit des Menschengeschlechtes und auf dessen fortschreitende Geistesentwickelung in Anschauung und Sittlichkeit gerichtet ist, destoweniger kann es ihm obliegen, hier und da eine kleine Anzahl Individuen mehr zu seinen formellen Einrichtungen herüberzuziehen. Es tritt hier ganz und gar das unübertreffliche Wort des Propheten ein (Jesajas 42, 1—4): „Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Erkorener, an dem Gefallen meine Seele hat: meinen Geist legt' ich auf chn, das Recht soll er den Völkern bringen. Nicht schreiet er, nicht ruft er laut, laßt draußen seine Stimme nicht vernehmen. Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, glimmenden Docht verlöscht er nicht: mit Wahrheit soll das Recht er bringen. Nicht müde wird er, nicht entkräftet, bis daß auf Erden er das Recht gegründet, und seiner Lehre die Länder harren." Ist hiermit der Standpunkt des Juden und der des Christen und Mohammedaners als ein verschiedener bezeichnet, so ergiebt die allgemeine religiös - sittliche Betrachtung Folgendes. Es ist die Pflicht jedes Menschen, seine aufrichtige Ueberzeugung unumwunden zu bekennen und auszusprechen, und da, wo ihm der Jrrthum gegenübertritt, vor ihm der Wahrheit die Ehre zu geben und ihn zu bekämpfen. Aber schon diese allgemeine Pflicdr wird, wie jede andere auch, durch die Umstände modificirt. So kann es der Pflicht nicht entsprechen, sich in zwecklose Disputationen, in eine ziellose Polemik einzulaffen, da diese nur Zwiespalt und Haß vermehren werden, und zu keiner Ueberzeugung des Gegners, sondern zu immer stärkerer Verstocktheit führen. Ebenso wenig kann es der Pflicht entsprechen, durch Einwirken auf die religiösen Meinungen den bittersten Unfrieden in die Familie und in ganze Völkerschaften hineinzutragen, und etwa nichts als Beunruhigung in ein schwaches Gemüth zu verpflanzen. In allen diesen Dingen erfordert es die wahre religiös-sittliche Pflicht, uns aufrichtiger Vorsicht zu befleißigen, um nicht statt des Segens erst recht den Fluch, anstatt der Wahrheit erst recht