Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 449 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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449 für Herrn Peixotto in Bukarest bestimmt, und 100 Doll, zur Unterstützung eines rumänischen Studenten in Philadelphia. Man dachte auch daran, die Wirksamkeit des Board auch auf das Inland auszudehnen, und schlug eine Organisation vor. nach welcher in den einzelnen Gemeinden sich Hülfsvereine durch einen jährlichen Beitrag von 2 Doll, seitens jedes Mitgliedes bilden sollten, und daß jeder solcher Lereine, der mindestens 50 Mitglieder zahlte, einen Delegirten zum Board zu senden, das Recht haben solle. Ob sich hiervon etwas realisiren werde, steht dahin, da ihm der Hang der amerikanischen Juden entgegenwirkt, ihren wohlthätigen Vereinen die Form von Freimaurerlogen zu geben, die bekannten Bne-Berith. —. In die Correspondenz aus New-?)ork in Nr. 25 hat sich der Jrrthum eingeschlichen, daß der Rev. S. M. Jsaacs mit Rev. Isaac Leeser, dem Herausgeber des „Occidenl" und einer englichen Bibelübersetzung verwechselt worden. Rev. Jsaacs ist Redacteur des „Jew. Messenger" und steht seit 184 5 an der Spitze einer Gemeinde, welche von der 34sten Street-Synagoge, von der die Correspondenz spricht, durchaus verschieden ist. Zieuilletou. Einige religiös-sittliche Fragen. III. *) Nicht selten beruft man sich von jüdischer Seite darauf, daß dem Judenthume die Proselytenmacherei fremd sei. und in Folge deffen sich selbst seine eifrigsten Bekenner von derselben fernhalten. Cs wird dies auch von den Gegnern zugestanden. Allein andererseits macht man uns hieraus einen Vorwurf. Man sagt: wer von der Wahrheit seines Bekenntnisies und von der Ueberzeugung, daß in ihm das Heil enthalten sei, durchdrungen ist, wird Liese Wahrheit und dieses Heil seinen Nebenmenschen zu bringen, nicht allein sich gedrungen fühlen, sondern als eine heilige Pflicht erkennen; es gehöre daher zur Ausschließlichkeit, welche dem Judenthume eigen sei, wenn es sich der Propaganda enthalte. Man sieht hieraus, Laß die Sache nicht so einfach ist, wie sie scheint und wohl einer genauern Erörterung bedarf. Aus dem biblischen Standpunkte war allerdings die Religion des einzigen Gottes an die israelitische Nation geknüpft. Es war keinem Fremdling versagt, sich zu dieser Religion zu bekennen und in die israelitische Gemeinschaft einzutreten. Doch war ihm dies auch nicht geboten, um sich in Israel aufzuhalten, sondern er konnte auch als „Beisaffe" (scir) daselbst wohnen, und als solchem war ihm nur die Uebung des Götzendienstes im Lande untersagt, des Götzendienstes, der sichtbar in der Anbetung von Götzenbildern bestand. Jndesien waren die Propheten von der Ueberzeugung erfüllt, daß sich dereinst alle Völker zur Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes vereinigen werden, ohne jedoch hiermit den Israeliten anzuempfehlen, für diese religiöse Bereinigung mit allen möglichen Mitteln Propaganda zu machen. Mit den Worten: „Verkündet unter den Völkern seinen Ruhm" wollten Propheten und Sänger eben nichts als das Aussprechen und Feiern der Größe Gottes bezeichnen. — Die talmudisch-rabbinischen Satzungen verlangen eine ernste Prüfung des Proselyten und der Triebfedern desielben, die von allen weltlichen Beweggründen frei sein müssen und fordern, daß man den *) S. Nr. 23. Uebertritt zum Judenthume eher erschwere als erleichtere. Ja, einige Aussprüche im Talmud deuten klar an, daß Proselyten für das Judenthum oft eine Last und schädlich seien. Es muß dies aus geschichtlichen Gründen, aus den Verhältnissen jener Zeit hervorgegangen sein. In der That zeigen die Juden im langen Laufe ihrer Geschichte nur selten Merkmale der Prosclytenmacherei. Einige römische Schriftsteller deuten, wenn auch nur beiläufig, an, daß zu einer gewissen Zeit viele Römer sich den Anhängern des Sabbarhs und der Beschneidung zuwandtcn. Die Erlasse einiger christlichen Concilien verbieten den Juden, ihre Sklaven zu ihrer Religion überzuführen. In Ostindien hat sich eine Anzahl Schwarzer zum Judenthume bekannt, und ihre Nachkommen bestehen daselbst noch heute. Bald aber ergingen in den christlichen und mohammedanischen Ländern die schärfsten Verbote, zum Judenthume überzutreten, ja selbst der Rücktritt solcher Juden, welche, vom Judenthume abgefallen, dies bereueten, wurde nicht gestattet. Da mußte sich schon historisch in den Juden eine Abneigung gegen das Proselytenmachen herausbilden. Seit 1818 sind im westlichen und mittleren Europa diese Verbote gefallen und die grundsätzlich anerkannte Religions- und Gewissensfreiheit erlaubt jedem Individuum, sich nach seiner Ueberzeugung zu der Religion zu bekennen, welche ihn anziehr. Demungeachtet kann man weder einem Rabbiner, noch einem jüdischen Laien Nachweisen, daß er sich die Bekehrung Andersgläubiger irgendwie zur Aufgabe gestellt hat. und wenn der Uebertritt zum Judenthume nicht mehr zu den Seltenheiten gehört, so liegt ihm in jedem einzelnen Falle das dringliche und wiederholte Verlangen des Proselyten selbst zu Grunde. Man hält noch heute die talmudisch-rabbinischen Vorschriften für diese Fälle fest. Ganz anders im Christenthum und Islam. Im ketzeren waren Religion und Politik von Anfang an verschmolzen, und die arabische Horde stürzte über die Grenzen ihrer Halbinsel mir dem Zwecke, nach altasiatischer Weise ein Universalreich zu gründen, und die Welt sowohl ihrer Herrschaft als ihrem Glauben mit dem Schwerte zu unterwerfen. Nicht so das Christenthum. 28*