Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 447 (sequence 9)
- Language
- German
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447 Ornstein, der in den 30er Jahren Rabbiner hier gewesen, genießt den historischen Ruf pharisäischen Hochmuths, der alle freien denkenden Männer tief empörte; er hinterließ als Testament. Laß die Rabbinerwürde zum Eigenthume seiner Familie und der Gemeinde unmöglich gemacht werde, sich ohne Vermittelung dieser Familienkaste ihre geistlichen Repräsentanten zu wählen, solange der rrbbinische Mannesfiamm nicht erloschen. Im Sechus dieses Jakob Ornstein, des Großmeisters des polnischen Rabbinismus, der seine berühmten Zeitgenoffen Leib Mises, De. Kohn und Salomon Rappaport in Bann und Aberacht gerhan, — im Namen jenes orthodoxen Tyrannen, der deutsche Bildung und deutsche Schule mit der Ohnmacht seines giftigen Hasses verfolgte, hat sein Enkel heute den Rabbinerstuhl Lembergs bestiegen, wo vor 25 Jahren Dr. Abraham Kohn uns erst von der erniedrigsten Knechtschaft, vom orthodoxen Rabbinismus frei gemacht, uns der Begründung deutscher Schulen zugeführt, er war es, der die milden Gaben, welche früher die Balschems im Lande monopolisirt, zur Gründung gemeinnütziger Anstalten, zur Ernährung und Erziehung verwahrloster Waisen verwendete, mit einem Worte, der den socialen Geist der polnischen Gemeinde in neue Bahnen gelenkt. Die deutsche Partei aber, anstatt dankbare Pietät für die Manen jenes bescheidenen Mannes, der ein so großes Werk hier vollendet, zu fühlen, dieselbe Partei, die Kohn ihre Entstehung verdankt, ließ heute den Muth und die alte glorreiche Fahne, unter der sie einst gefochten, aus der schlaff gewordenen Hand sinken, und beschränkte sich gegenüber der steigenden Fluch des Ornsteinismus auf die feige Flucht durch — Abstinenz. Auch Candivat Ettinger trat im Angesichte seiner Aussichtslosigkeit vor dem Wahltermin zurück, und dem Ornstein waren so durch seine Familiären im Vorstände alle Wege gebahnt. Nun glaubte man, die sogenannte deutsche Partei werde es nicht ohne Protest bewenden lasien und ihre Einwendungen beim Cultusministerium gegen die Person Ornsteins erheben. - Vergebenes Hoffen'. Die Männer des Fortschrittes sitzen zusammen, ohne im Stande zu sein, sich einen einzigen Gedanken, ein einziges Gefühl mit jener Kraft in's Gedächtniß zurückzurufen, welche derselben anno 1848 und später Leben und Wahrheit verliehen. Und so müffen wir denn einen Mann zum geistigen Vertreter der Gemeinde hinnehmen, deffen sturmbewegte Vergangenheit die traurigsten Schatten auf die Gegenwart wirft. I)r. Gottlieb. Großbritannien. London, 18. Juni. Der unter den Juden Englands in hohem Ansehen stehende Herausgeber der „Jewish Chronicle", Mr. Michael Henry in London, hat durch ein entsetzliches Unglück am 15. d. M. seinen allzufrühen Tod gefunden. Einer Flamme zu nahe gekommen, die seine Kleider ergriff, starb er nach 24 Stunden an den Folgen der dabei stattgehabten Erschütterung seiner schwachen Nerven im Alter von 15 Jahren. Holland. Amsterdam, im Juni. (Privatmitth.) Am <». d. verschied einer unserer verdienstvollsten und geachtelsten Glaubensgenossen, Herr A. E. Cos man. Am 11. Januar ISuS geboren, studirte er Jurisprudenz, und ward schon 1831 Mitbegründer deö „Allgemene Handelsblad", eines der geachtetsten, verbreitetsten und wirksamsten Tagesblätter der Niederlande, das weit über deren Grenzen hinaus geschätzt wird, stets unparteiisch und unbestechlich den wahren Jntereffen des Landes in politischer, intellectueller und industrieller Beziehung gedient hat. Diesem Blatte gehörte der Verstorbene ununterbrochen an, lange Zeit als Hauptredacteur, dann als Mitarbeiter, bis zu den letzten Jahren seines Lebens, wo er bei eingetretener körperlicher Schwäche sich mehr zurückziehen mußte. Außerdem war er als Rechtsconsulent thätig, und da er in bedeutenden Kreisen, namentlich in commerziellen, sowohl durch seine Sachkenntniß als Lurch feinen Charakter ein großes Vertrauen besaß, wurde er in zahllosen Fällen zum Schiedsrichter gewählt, namentlich in Versicherungs- und Schifffahrtstransactionen und Arbitragefällen; auch gehörte tt lange Zeit dem Disciplinär-Rathe an. Er war von unerschütterlicher Festigkeit in Allem, was er für Recht und wahr erkannt hatte, und scheute sich dann selbst nicht, der allgemeineil Strömung sich entgegenzustcllen. In dem stürmischen Jahre 1853 hat seine überzeugungstreue Stellung zum Heile der öffentlichen Angelegenheiten Viele verhindert der Menge nachzufclgen. So verblieb er, immer sich entwickelnd und dem Gange der Zeit folgend, doch stets derselbe. Seinen Ansichten nachzugeben war um so leichter, als er die höchste Bescheidenheit und das liebenswürdigste Benehmen besaß. So schildern den Verstorbenen in den hiesigen öffentlichen Blättern übereinstimmend diejenigen, welche mit ihm in früherer und letzterer Zeit zu verkehren hatten. Vetheiligte er sich auch nicht geradezu an der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, so war er doch stets bereit, seinen einsichtsvollen Rath zu erlheilen, und verfocht jederzeit die Sache seiner Glaubensgenoffenschaft, wenn er dieselbe vom Standpunkte des Rechtes angegriffen sah. So ist cs in der That ein großer Verlust, den wir nach allen Seiten hin durch seinen Tod erlitten Türkei. Kreta, im Juni. Ueber die Affaire des kretischen Landtages «s. Nr. 27», welcher bekanntlich sich selber suspendirte, weil ein israelitischer Depulirter seinen Sitz einnehmen wollte, wurde von dem Gouverneur der Insel nach Konstantinopel berichtet. Der Großvezier hat nun dem Landtage der Insel Kreta folgenden Bescheid zu Theil werden lassen: Es sei zwar wahr, daß in dem organischen Statur der Insel Kreta vom Jahre der Hebschira 1284 <1807) nicht erwähnt wurde, daß auch die dortigen Israeliten das Recht haben sollten, einen 28