Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 442 (sequence 4)
- Language
- German
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442 und viel zur Verbesserung unsrer Lage durch Aufklärung der Ansichten über das Judenthum beiirrigen. Wir meinen heute das seiner Zeit berühmte und lange in Frankreich für maßgebend gehaltene Werk des Herrn von Pa störet, welches 1788 in Paris erschien: „Movse, eonsülere connne legislateur et comnic moraliste.“ Man beachte das Jahr des Erscheinens dieser umfänglichen Schrift; welch' kleine Zahl von Monaten lag zwischen diesem und dem Beginn der französischen Revolution! Vergleicht man dies mit der Zeit, in welcher die Schrift Proudhon's an's Licht trat, wo bald darauf die sociale Frage in stürmischer Weise aufgewirbelt ward und die Februarrevolution von 1848 ausbrach: so drängt sich die Bemerkung auf, daß bei jeder tiefgehenden politischen und socialen Bewegung eine vielfache Discussion über alle politischen und socialen Gegenstände, über eine neu zu begründende Constituirung und Gesetzgebung nothwendig vorangeht, und man dann immer wieder zur mosaischen Gesetzgebung seine Zuflucht nimmt, um hier einen geschichtlichen und dauerhaften Boden für die neuen Ideen zu finden, wie einen Ankergrund für das Schiff auf sturmbewegter See, das zu scheitern droht; oder auch wie einen fruchtbaren Grund, in welchem die Wurzeln neu aufsteigender Fruchtbäume ihre Nahrung und festen Anhalt fanden. So Pastoret vor dem Beginn der französischen Revolution von 17 89, so Proudhon vor der Februarrevolution von 1848. Indem wir aber diese beiden Namen nebeneinanderstellen, müssen wir doch die gänzliche Verschiedenheit dieser beiden Männer hervorheben. Proudhon war mehr Denker, Pastoret Gelehrter; jener Revolutionär. Republikaner, dieser zwar von den freisinnigen Ideen der Zeit vor der Revolution durchdrungen, bald aber konservativ, Royalist und schließlich strenger Legitimist. Für unsren Zweck ist dieser Gegensatz willkommen; denn er zeigt, daß die mosaische Gesetzgebung die Quelle freisinniger Ideen ist, weil sie deren Principien enthalt, welche auch die spätere Richtung der Geister in ihrer Individualität sei, die aus diesem ewig frischen Borne schöpften. Es wird aber darum nothwendig sein, auf die Lebensverhaltnisse Pastoret's etwas näher einzugehen, was bei Proudhon, der zu unsren Zeitgenossen gehörte, an dieser Stelle nicht nothwendig war. Emmanuel Joseph Pierre Marquis de Pastoret war am 25. Oktober 1756 geboren, und schon 1781 Rath am Steuerhose i Cour des aides) in Paris. Zweimal erhielt er den Preis von der Akademie des Inscriptions et Belles-lettres. den einen für eine Schrift über die Seegesetze rer Rhodier, den anderen für einen Vergleich zwischen Zoroaster, Confuzius und Mohammed. 1787 Mitglied dieser Akademie geworden, verfaßte er das Werk, aus welches wir hier näher eingehen werden, und diesem folgte 1788 ein Werk über „Strafgesetze", das außerordentlichen Beifall fand. Pastoret sollte 1791 JustizminiHer und Minister des Innern werden, wollte jedoch in dieses damals so schwierige Amt nur eintreten, wenn ihn der König beauftragte, mit aller Strenge gegen alle aufständischen Versuche vorzugehen und die energische Repression zu üben, welche nothwendig war. um Ordnung und Sicherheit zurückzuführen. Der schwache Ludwig XVI. wies dies zurück. P. war dann einer der Führer der Rechten in der gesetzgebenden Versammlung. Er verlangte, Ludwig XVI. verlheidigen zu dürfen, was ihm jedoch nicht gestattet wurde. Es versteht sich von selbst, daß ein so aufrichtiger Anhänger der unglücklichen Dynastie zu denen gehörte, die in der Schreckenszeit auf die Proscriptionslisten kamen. Zur rechten Zeit gewarnt, gelang es ihm nach Italien zu fliehen, Im Jahre 1795 finden wir ihn wieder in Paris als Mitglied des Rathes der Fünfhundert, wo er wieder auf der Rechten saß; er mußte jedoch nach dem 18. Fructidor 1797 abermals fliehen und lebte in Venedig, von wo er 1799 nach Paris zurückkehrte. Er hatte sich mir dem Napoleonischen Regime ausgeglichen, da er 1809 die Senatorwürde annahm. Nach der Rückkehr der Bourbonen wurde er 1815 Pair von Frankreich und 1829 Kanzler. Nach der Julirevvlution legte er diese Würde nieder, obschon man ihn dringend bat, dieselbe beizubehalten. Ja, der 74-jährige Greis wurde Erzieher des jungen Grafen Chambord und starb am 28. Sept. 1839 im 83sten Jahre seines Lebens. Wir wollen nur noch hinzufügen, daß er 1820 auch Mitglied der Aoademie franoaise geworden und daß er außer anderen Schriften auch noch die große Geschichte der Gesetzgebung. Histoire de la legisiation, 11 Bände verfaßte, die bis zu den Siciliern reicht. Ein so bewegtes, thatenreiches, arbeitsvolles und consequentes Leben floßt sicherlich eine hohe Achtung ein, und macht seine Aussprüche. als aus einer ernsten Ueberzeugung fließend, höchst beachtenswerth. Zwei Momente müssen wir in's Auge fassen, um die Verdienste Pastorets richtig würdigen zu können. Zuerst erinnern wir uns des politischen und socialen Zustandes, der Verfassung und Gesetzgebung, welche vor 1789 in den europäischen Continenlalstaaten, und besonders in Frankreich bestanden; wir denken an den Absolutismus mit seiner Bastille, an die Vorrechte des Adels und des Klerus, an die Monopolien und Privilegien in allen Zweigen des gewerblichen und intellectuellen Lebens, an die ungerechte Steuervertheilung, die parteiische Justiz mir ihren grausamen Formen u. s. w. Da wird es uns einleuchten, welches Aussehen eine unparteiische Dar- und Zusammenstellung der mosaischen Gesetze mit ihrer Einfachheit, der Gleichheit aller Volksglieder vor dem Gesetze, dem Wegfall aller Standesunterschiede, der Selbstverwaltung und der Achtung vor der persönlichen Freiheit machen mußte. Dies dem gebildeten Publikum vor die Äugen gebracht. und dadurch jenen Principien und Ansichten *> Diese glückliche Flucht war die unschuldige Ursache zum Tode eines der begabtesten und edelsten jungen Männer jener Zeit, des 31jährigen Dichters Andrer Chenier. Dic'er wollte P. besuchen, als gerade die Häscher der blutgierigen Commune in da« Haus drangen, und ohne beauftragt zu sein und ohne ihn zu kennen, gelegentlich Chenier verhafteten und einkerkerten, wo er nach Monaten erst die Aufmerksamkeit de« Blutgerichts auf sich zog und zwei Tage vor dem Sturze RobeSpicrre's guilliotiiiirt wurde.