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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-07-06 · Heft 28 (6.7.1875) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 28 (6.7.1875)
Date
1875-07-06
Page
Seite 441 (sequence 3)
Language
German
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441 und Römer unsre Herren spielen lasten? Hai nicht Moses schon das Priesterthum politisch ohnmächtig gemacht, und wir es mit dem Falle Jerusalems, also vor achtzehn Jahrhunderten, nicht völlig abgefchafft? Haben wir die Machtfülle in weltliche und geistliche gespalten, und damit jenen grausigen Kamps heraufbeschworen, der die civilisirte Welt so oft verheerte, die Eultur auf's Äußerste gefährdete und gegenwärtig wieder so recht entbrannt ist? Haben wir Juden den Priestern die Macht zugewiesen, uns von unsren Sünden zu lösen und über unsre Seligkeit oder Höllenstrase zu verfügen? Haben wir einen unfehlbaren Papst gehabt, oder trafen nicht selbst die Propheten bei dem Volke auf Widerstand? Haben wir Juden jemals formulirte Glaubenssätze gehabt, von deren Bekenntniß die Seligkeit abhängen und deren Buchstaben wir unbedingt annehmen sollten? Alle diese Fragen müsten wir verneinen, und da fragen wir: auf welcher Seite hat zu aller Zeit „die Knechtsform der Religion und rer Knetchssinn" gelegen, auf der unsrigen oder auf der anderer Völker? Wenn der Philosoph sich nur einmal herablasten wollte, die geschichtlichen Thatsachen wirklich kennen zu lernen und in Betracht zu ziehen, so wird er sich seines völlig ungerechtfertigten Urtheils schämen. Wir fürchten aber, daß er sich einer so unphilosophischen Handlung erwehren werde. Auch was überhaupt den Knechtsinn der Juden betrifft, müßte es sich Herr D., wenn es ihm möglich wäre, gerecht und kein Knecht des Vorurtheils zu sein, noch einmal überlegen. Das Lied, das die Syrer und Römer von den Juden sangen, klingt geradezu entgegengesetzt. Was Haman und ebenso Tacitus über die Juden aussagte, stimmt nicht im Geringsten mit dem, was unser Verfaffer meint. Fast fünfzehn Jahrhunderte verlangte die christliche wie die islamitische Welt mit Feuer und Schwert, mir Geißel und Druck, von den Juden, sich ihr zu unterwerfen, und sie thaten es nicht. Was sie ertrugen, weil sie sich nicht unterwarfen, das gehört zu den dunkelsten und blutigsten Blättern der Geschichte. Und dies sollen Knechte feien? diese einen angestammten Knechtssinn haben? . . . Bei alledem ist Herr D. ein schlauer Mann. Er schiebt ein: „Ein Schriftsteller, der ihre Raceeigenthümlichkeiten nicht als etwas auserwählt Wohlthätiges preisen will, muß sich darauf gefaßt machen, schlimmeren Ehicaneu anheimzufallen, als sie in irgend welcher Form von Staat oder Kirche ausgehen können." Unser Philosoph wollte sich also von vornherein als einen muthigen Helden binstellen, der sich mit kühner Brust den drohenden Gefahren entgegenstürzt. Wir wären wirklich neugierig, etwas Genaueres von diesen „schlimmeren Ehicanen" zu hören, von denen wir, offen gestanden, gar keine Vorstellung haben. Herr D. giebt sich den Anschein, auf Erfahrungen sich zu stützen, über welche uns alle Kenntniß abgeht; indesten wisten wir nicht, in welchen Kreisen dieser Mann sich bewegt hat. Andererseits wollte er den Juden die Gegenrede abschneiden, um sich, sobald ihm etwas derb geantwortet wird, in den Mantel seines Heldenmuths zu hüllen: „Habe ich es nicht vorausgesagt?" Nun, solche Fechterkünste sind abgenutzt und zeigen sich jedem offenen und tüchtigen Schwertschlag gegenüber als wirkungslos. Herr D. mag sich nur überzeugt halten, daß wir noch Vieles gegen ihn und gegen jede Zeile seines Libells zu sagen härten; aber rorläusig hiermit genug gerhan zu haben glauben. Er hat Len Vortheil, sich ruhig in seine Socialisirung zurückziehen und darin das Weitere abwarten zu können. Hierüber sind auch wir nun ruhig, und meinen, die Welt kann diese Dühring'sche Socialisirung gleichfalls abwarten. Denn fragt man schließlich, was will denn nun D. mit diesen bösen Juden anfangen, so weiß er keinen andern Rath, als die „Socialisirung" werde schon ihrer Zeit die Juden verschlingen. Ist dessen Herr D. so gewiß, wozu denn all' dieses Gezeter über sie? Vielleicht eben nur, um seine philosophische Leber von der überfließenden Galle zu befreien. Daß man uns Juden zu solchem Läuterungsproceffe verwendet, zeigt die alte und die neue Literatur genügend. pastoret und Moses. Unsre jüngsten Leitartikel über „Proudhon und Moses" haben vielfaches Interesse erregt. Man verglich den Geist und die Anschauung, welche jenen französischen Schriftsteller in den vierziger Jahren beseelten, und die in Frankreich großen Anklang fanden, mit der Lüstern Wolke res ultramontanen Fanatismus, die gegenwärtig den Hinrmel desselben Frankreichs verdunkelt, und ebenso den finsteren Aberglauben, wie den nationalen und religiösen Haß hervorbringt. Aber, wendet man ein, ist nicht deßhalb die Betrachtungsweise Proudhon's nur als eine einmalige Erscheinung, als ein glänzendes Meteor anzusehen, das unerwartet aufsteigt und plötzlich wieder verschwindet? Diese Frage haben wir glücklicher Weise zu verneinen. Wir können um ein halbes Jahrhundert zurückgehen, um ein gleichartiges Werk anzutreffen, das zwar nicht so tiefen Geistes und hinreißender Beredsamkeit sich erfreut, aber umfassender und systematischer ist. Die verhältnißmäßig kurze Zeit, welche der jüdischen Wissenschaft, besonders ihrer Geschichtsforschung, gewährt war, hat bisher noch verhindert. Las Berhältniß sorgfältiger zu ftudircn, in welchem in den verschiedenen Epochen die Außenkreise zum JuLenthume standen. Es mußte leider zu viel Kraft und Mühe auf die Abwehr feindlicher Angriffe verwendet werden, um sich mit Muße auch in den Regionen umzuschauen, wo eine freundliche, friedliche, wohlthätige Wirksamkeit in Bezug aus unser Schriftrhum und auf dessen große Erzeugnisse stattfand. Ist doch selbst in der, Bibliothek judaica von Julius Fürst dieser Zweig der Literatur zwar berücksichtigt, doch noch sehr unbefriedigend behankelr. Es kann daher nicht auffallen, daß wir jetzt auf Schriften zurückkommen, welche ihrer Zeit von großem Erfolge begleitet waren

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