Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1875)
- Date
- 1875-07-06
- Page
- Seite 440 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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440 schließung von jeder wissenschaftlichen Laufbahn gezwungen, sich aus die Journalistik zu werfen — seitdem diese Ursache aufgehört, verliert sich auch die Wirkung immer mehr. Bald wirb die periodische Preffe, von der sich in Deutschland die Männer der Wissenschaft fern halten, auch dieses befruchtenden Elements verlustig sein, und die Wirkung zeigt sich schon jetzt, da sie in Deutschland — gegen England und Frankreich — immer mehr zurückgeht an Geist und Form, und bald nur noch ein rein mechanisches Instrument der Parteiführer fein wird. Was übrigens von einer „Beherrschung der Journalistik durch die Juden" gefaselt wird, hat keine thatsachliche Begründung, und namentlich nicht in Frankreich, das D. anführt, und widerlegt sich bei den meisten deutschen Blättern durch den ersten Blick in deren Stimmung gegen die Juden. Was den ärztlichen Berus betrifft, so vergißt D., wenn er es überhaupt weiß, daß die jüdischen Aerzte durch das ganze Mittelaller eine sehr bedeutende Stelle eingenommen, oft sogar an den Höfen der Fürsten und Päpste. Lächerlich ist es, wenn D. hinzufügt, daß der Staat das Publikum den Aerzten z. B. vermittelst des Impfzwanges immer mehr tributpflichtig mache. Wahrscheinlich schreibt er den Impfzwang auch den Juden zu. Der böse Staat, der ebenso das Publikum durch seinen Schulzwang den Schulmeistern tributpflichtig macht, während doch dieser Schulzwang, wie England, Frankreich und Italien beweisen, mindestens ebenso bestritten wird, wie der Impfzwang! — Der Verfasser wirft auch den Juden vor, daß sie in der Politik nur dem Interesse folgten, sich den herrschenden Regierungen durch Folgsamkeit empfählen, ihre Opposition nur so lange betrieben, bis „die verlangten Stellungsvortheile" gewährt worden, radicale Elemente seien unter ihnen nur vereinzelt. Man sieht, wie man nach dem augenblicklichen Bedürfniß die Dinge zurechtwersen kann. Wie oft ward und wird den Juden das gerade Gegentheil vorgeworfen, wenn man sie als Revolutionäre und Regierungsfeinde darstellen will; ein anderes Mal, daß sie es mit Niemandem verderben wollen, und daher Anhänger in alle Parteien senden, um so den Ausgang des Kampfes ruhig abwarten zu können. In dem Widerspruch aller dieser Behauptungen untereinander liegt ihre Widerlegung. Daß die Juden in ihrer Hauptmasse in Gemeinschaft mit dem Volke den Absolutismus bekämpfen halfen, daß sie im aufrichtigen Constitutionalismus ihre vollkommne politische Befriedigung finden, und in diesem, so weit es an ihnen ist, mit der verfassungsmäßigen Regierung gehen — dies erkennen wir an, und sehen sie darin nur handeln, wie bas Volk in seiner Hauptmasse sich verhält. Im Einzelnen geht jeder Jude selbstständig wie jeder andere Bürger seinen Weg, und folgt darin keinem Losungsworte, keiner Vorschrift Anderer, oder gar einer Gemeinschaft. Was Anderes über die Juden in politischer Beziehung ausgesprochen wird, ist nur erdichtet. Wie? wird den Juden nicht oft genug ihre Hartnäckigkeit, ihre Widerstandskraft, ihr Unabhängigkeitssinn vorgeworfen? Nennt sie nicht schon Moses tadelnd ein q-ty -wp 07 „ein Volk von hartem Nacken", mit dem seine Führer und Regierer schwer fertig werden? Und nun sollen sie sich jeder vorwiegenden Tagesherrschaft anschmiegen! Genug hiervon. — Einen Hauptstreich glaubt Dühring durch folgenden Satz zu führen: „Das Einzige, worin die Juden in der Weltgeschichte Epoche gemach: haben, ist die Kncchtsform der Religion gewesen. Hierin liegt auch jetzt noch ihre angestammte Neigung", und „Knechtssinn" ist es, durch den die Juden nach Dühring „sich empfehlen". Unsrem versöhnlichen Gemüthe gemäß, suchten wir zunächst nach einer Entschuldigung für diese harte Aeußeruug, und fanden sie auch. Einem freidenkenden Philosophen — wir sagen absichtlich nicht „freisinnigen" — der gewohnt ist, über Gott, Welt und Mensch, über Geist und Materie, über Sinnliches und Uebersinnliches, über Diesseits und Jenseits nach Willkühr zu verfügen, sie, wenn es ihm beliebt, von unten nach oben zu kehren, auszustreichen und einzuschalten, zu verneinen und zu bejahen, einem solchen muß jede überlieferte Lehre, jede in Lehre und Vorschrift zum Ausdruck gekommene Religion zuwider sein und ein Stamm, der einer solchen Religion Jahrtausende hindurch anhänglich und ergeben bleibt, muß ihm verabscheuenswerch erscheinen. Was ist einem Philosophen überhaupt eine Ueberzeugung und die Treue gegen diese werth, da er sich Selbstfchöpfer feiner eigenen Anschauungen dünkt, da er verlangt, daß das lebende Geschlecht sich seiner Anschauung unterwerfe, wie seine zahllosen Vorgänger cs von ihren zeitgenössischen Geschlechtern verlangten, daß die Menge überhaupt nur dazu da sei, sich den stets wechselnden Ansichten der Philosophen zu beugen. Freilich könnte man einwenden, daß hierin viel mehr Knechtssinn läge, als in der Treue gegen eine dauernde Weltanschauung, die ihre Kraft Jahrhunderte bewährt und bei aller Entwickelung ihre Festigkeit in der Befriedigung des geistigen Bedürfnisses erprobt har. Dies verhindert den Philosophen nicht, aus Alles loszudonnern, was ihm Widerstand leistet und diejenigen Knechte zu schimpfen, welche ihm nicht gehorchen wollen. — Wir geben zu, daß das Judenthum schon in seiner mosaischen Phase ein verstandesmäßigeS und consequentes Religionssystem gewesen; wir geben zu, daß der jüdische Stamm diesem Religionssysteme treu angehangen, dafür die höchsten Opfer an Leben und Gut gebracht; wir geben zu, daß die talmudisch-rabbinische Entwickelung dieses System noch mehr geschloffen habe, und daß das Judenthum in seiner neueren Pbase beschäftigt ist, dieses System zu seiner Reinheit und Ursprünglichkeit zurückzuführetr und es, unbeschadet seiner ewigen Fundamente, mit dem entwickelteren Geiste zu durchdringen. Wie dies Herr Dühring ansieht, läßt uns völlig gleichgültig. Wir sehen uns jedoch bei den anderen Völkern um, und da fragen wir: Wenn wir „Knechte der Religion" gewesen und sind, waren und sind wir etwa Knechte der Priester gewesen? Haben wir jemals in unsrem Staate und in unsrer Zerstreuung uns der Herrschaft der Priester gebeugt? Haben wir sie wie die Inder, Aegypter und zum Theil selbst die Griechen