Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1875)
- Date
- 1875-06-29
- Page
- Seite 433 (sequence 11)
- Language
- German
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433 DaS einzige Gegenmittel wäre, den Angriffen des „Golos" in der öffentlichen Meinung die Spitze dadurch abzubrechen, daß sein Treiben mit Brafmann und Kowner in der , europäischen Presse an's Licht gezogen würde. Aegypten. Kairo, 16. Mai. Am 13. fand hier unter großer Theilnahme die öffentliche Prüfung und Preisvertheilung in der jüdischen Knaben- und Mädchenschule statt, wobei die ausgezeichneten Leistungen dieser beiden Anstalten die freudigste Anerkennung j fanden. Die beiden Schulen werden ungefähr von 300 Zöglingen besucht, und außer der hebräischen und arabischen Sprache werden 'die französische und italienffche gelehrt neben den Realien und in der Mädchenschule den Handarbeiten. Es sind jetzt zehn!Jahre, daß diese Schulen durch die Anregung des Herrn Albert Kohn aus Paris, der damals die Hauptstadt Egyptens besuchte,! gegründet wurden, die an die Stelle der verwahrlosten Talmud- Thora traten. Auf die beredte Anprache des Herrn Albert Kohn spendete der sel. Samuel Robino sofort 25,000 Frcs., um ein Schulhaus zu bauen, und seitdem hat der Unterricht unserer!Bolksklaffe den besten Aufschwung genommen. I e u i t Die Handwerke bei den Juden vor der Zerstörung Jerusalems. (Schluß.) j „In demselben Zusammenhang, in welchem gesagt wird, daß ein Unverheiratheter und eine Unverheirathete keine Kinder- ' schule halten soll, weil jener in Folge deffen von den Müttern, diese von den Vätern der Kinder besucht werden wird, lesen wir auch, daß Niemand seinen Sohn ein Handwerk lernen laffen soll, welches ihn in Wechselbeziehung zum anderen Geschlechte bringt. Als solche Profeffionen werden genannt die der Goldschmiede, Wollkrämpler, Handmühlenbohrer, Parfümeriehändler, Weber, Friseure, Walker, Schröpfer und Badheizer, deren Keiner je ein König oder Hohepriester werden sann, nicht persönlicher Untüchligkeit wegen,sondern wegen ihrer herabsetzenden Gewerbe*', welche besonders deshalb so tief gestellt werden, weil sie gefährliche Versuchungen mit sich bringen, denen nur durch so strenge Selbstzucht entgangen werden kann, wie sie Rab Chanina und Rab Oschaja gegen sich übten, welche in einem durch Lüderlichkeit berüchtigten Orte des heiligen Landes das Schusterhandwerk trieben: sie machten Schuhe für die Dirnen, hoben aber die Augen nicht auf, sie anzusehen, wenn sie ihnen die bestellte Arbeit brachten.**) Ein Weiser — lautet eine Parabel's) — eröffnete seinem Sohne eine Handlung mit Parfümerien an einem Sammelorte feiler Dirnen. Die Ortslage, das Gewerbe und die Leichtfertigkeit des Jünglings wirkten zusammen, er wurde eine Beute des Lasters. Da brach der Zorn des Vaters aus und er schrie: Ich bringe dich um. Ein Freund hörte es. Wie sagte er, du willst den Jüngling hinrichten und bist so ungebervig'. Gab es denn kein anderes Gewerbe für ihn als den Handel mit Parfümerien? Gab es keine andere Lage für seinen Laden als jenen Markt der Hetären? — *) Kidd uschi« IV, 13. 14. und dazu die Gemara 92 a. **) Pesacliim 113 b. tJ Landau, Geist und Sprache der Hebräer S. 209. f e t o n. Ein anderer Gesichtspunkt, nach welchem die einzelnen Gewerbe gewürdigt wurden, war der sittliche Ruf, in welchem die es Betreibenden standen. Es gab Handwerke, welche den der sie betrieb in die Versuchung brachten, sich mehr als billig von dem ihm anvertramen Stoffe zuzueignen. Die Schluß-Mischna des Tractats Baba kamma giebt genaue Vorschriften, welche dies verhüten sollen. „Die Wollflocken — lesen wir dort — welche, wenn der Walker das Zeug einweicht, davon abgehen, gehören sein, aber die, welche unter der Hand des Kremplers sich lostrennen, gehören dem Eigenthümer. Die drei Fäden, welche der Tuchmacher unten am Saume einschlägt, der Walker aber auszieht, gehören diesem, was aber darüber, dem Eigenthümer. Sind es aber schwarze Fäden, welche das weiße Tuch einrän-! derten, so darf der Walker diese für sich behalten, nachdem er! sie, weil Schwarz auf Weiß schlecht aussieht» ausgezogen. Hat! der Schneider vom Nähfaden so viel übrig, daß man damit nahen kann, oder vom Tuche ein Stück, welches drei Finger lang! und breit ist, so gehört beides dem Eigenthümer. Was der! Zimmermann mit dem Hobel abschnitzelt, gehört sein, was aber! mit der Axt, dem Eigenthümer; arbeitet er aber in dessen Hause, i so gehören diesem sogar die Sagespäne." Manche Gewerbe! standen wegen der üblichen Uebervortheilung des Arbeitgebers in! sprichwörtlichem Verrüfe. Niemand — sagt ein überlieferter! Ausspruch — lasse seinen Sohn einen Eseltreiber, Kameeltreiber,! Bartscheerer, Schiffer, Hirten oder Krämer werden, denn das j sind räuberische Handtirungen. Die Eseltreiber — sagt ein anderer — sind meistens gottlos; die Kameeltreiber (trotz der Versuchung, sich an fremdem Eigenthum zu vergreifen, welche ihr Landstraßenleben mit sich bringt) meistens ehrlich; die Schiffer (wegen der Lebensgefahr, die sie zu bestehen haben) meistens fromm: der beste unter den Aerzten ist reif zur Hölle (wegen der durch den Beruf nur zu nahe gelegten materialistischen Sinnesweise und der häufigen Bevorzugung der Reichen vor den Armen) und der ehrlichste unter den Fleischhauern ist der Kumpan Amaleks «weil er eS des Geldver-