Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1875)
- Date
- 1875-06-29
- Page
- Seite 432 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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432 kretischen Aufstandes der dortigen Bevölkerung eine Art parlamentarischer Vertretung gewährt, die jährlich nach dem griechischen Osterfeste Zusammentritt, um die Administration der Insel zu prüfen, neue Gesetze zu discutiren und die Steuer-Eintreibungen zu ordnen. Zugleich wurde vorsichtigerweise die Einrichtung getroffen, daß Griechen und Türken getrennt ihre Deputirten wählen sollen, damit es der Wahlen wegen zu keinem Zwistc komme, und Christen und Mohammedaner sich nicht darüber beschweren sollten, daß sie in ihrem heimathlichen Parlamente nicht gehörig vertteten wären. Neuerdings glaubte die Pforte noch um einen Schritt weiter gehen zu müffen. Sie gestattete auch der jüdischen Gemeinde zu Kanea, einen Deputirten in das Parlament schicken zu dürfen. Kaum hatte aber der jüdische Deputirte den Sitzungssaal betteten, als sich die anwesenden Deputirten, sowohl die griechischen als auch die türkischen, wie Ein Mann erhoben und von ihrem Vorsitzenden, dem Generalgouverneur der Insel, Samih Pascha, verlangten, er solle ihren jüdischen Collegen zur Thür Hinausweisen, da sie keinen Juden in ihrer Mitte dulden wollten. Der Gouverneur weigerte sich entschieden, diesem liebenswürdigen Wunsche Folge zu leisten, worauf sämmtliche Deputirte auf ihr Mandat Verzicht leisteten und schleunigst den Saal verließen. Man ist nun neugierig, wie sich die Pforte diesem brutalen Schritte der Bolksvertteter Kretas gegenüber verhallen werde. Man sieht hieraus zur Genüge, wie wenig die Griechen und Mohammedaner dieser Insel noch zur Selbstverwaltung und zum constitutionellen Wesen reif sind. Uebrigens versteht in solchen Dingen, welche die innere Verwaltung betteffen und die Autoritär der Regierung verletzen, die türkische Staatsregierung keinen Spaß, und sind wir deshalb um so gespannter auf den weitern Verlauf. Rußland. Petersburg, l. Juli. <Privatmitth.) Die Aussichten für die Zukunft unserer Glaubensgenoffen in Rußland haben sich seit einigen Jahren wieder sehr verdüstert. Außer der allgemeinen Reaction wirkt die gehässige Preffe, an deren Spitze der vielverbreitete und sogar im Gerüche eines gewiffen Liberalismus stehende „Golos", verderblich für unsere Angelegenheiten, indem sie zuerst das Volk und die allgemeine Meinung gegen uns anstachelt, und dann diese Volksgesiunung gegen die etwaigen wohlwollenden Absichten der Staatsregierung in's Treffen führt, und diese durch jene zu beeiufluffen sucht. Im Jahre 1871 wurde eine Commission von Beamten aller Refforts ernannt, um die Lösung der jüdischen Frage vorzubereiten. Anfangs beabsichtigte man die Erweiterung der den Juden zugestandenen Rechte. Damals wäre es an der Zeit gewesen, ein ausführliches und gründliches Memoire über die wirklichen Zustände und Bedürfniffe unsererseits dieser Commission zu unterbreiten, da sie in der That von denselben wenig Kenntniß hatte. Die Sache wurde angeregt — aber nicht ausgeführt. Dahingegen begann der „Golos" seine gehässigen Anschwärzungen gegen das talmudische Iudenthum, und nicht weniger gegen die gebildeten Juden. Seine Hauptmilarbeiter für diese Lauernd fortgesetzten Schmähungen und Anschuldigungen waren der berüchtigte Renegat Brafmann mit einer Anzahl getaufter Juden und der Jude Kowner, besten Lebensbild wir in Nr. 25 gegeben. Vergebens wurde im „Westnik" der Beweis geführt, daß alle Angaben entweder falsch oder in irriger Weise gedeutet sind. Zwar machte diese Widerlegung Aufsehen, und die Oberpreßbehörde sah sich veranlaßt, dem Revacteur des „Golos" eine officielle Verwarnung gegen seine Schmähungen auf die Deutschen und die Juden zukommen zu lasten. Nicht lange, und der Golos erneuerte seine Ausfälle. Diese beeinflußten die Commission, und sie, welche die Aufgabe hatte, die Stellung der Juden zu verbessern, übergab vor Kurzem dem Staatsrath ihre Beschlüsse, die nichts als neue Beschränkungen für die Juden enthalten. Dies geschah, obwohl der Kiewer General-Gouverneur, der keineswegs den Juden günstig gesinnt ist, die Juden officiell belobte, daß sie bei der ersten Aushebung zur allgemeinen Wehrpflicht ihren Pflichten getreulich nachgekommen seien, und andere Berichte in officiellen Blättern aus anderen Provinzen daffelbe bestätigen. Der „Golos" fuhr in seiner feindlichen Weise fort. Sehr unpraktisch veranlaßte Jemand Herrn Crömieux, an den „Golos" eine Berlheidigungsschrift zu richten. Der Redacteur nahm davon nur Gelegenheit, gegen Juden und Judenthum noch schärfer loszuziehen. Man kann sich in der That keine Vorstellung davon machen, welche traurigen Folgen dies fortwährend für uns hat. — Frägt man nach den faktischen Beweggründen, so muß man man die Persönlichkeiten und deren Verhältnisse kennen. Wie es leider mit dem sittlichen Charakter des Journalismus in ganz Europa, und so auch in Rußland, zu einem nicht unbedeutendem Theile, steht, ist bekannt. Nicht, daß wir die Redactionen durchweg anschuldigen wollen, aber bei vielen machen Persönlichkeiten und gewisse persönliche Interessen, Ehrgeiz und Habsucht einen wesentlichen Theil ihrer Motive aus. So auch hier. Ohne in nähere Details einzugehen, wollen wir nur e i n Beispiel anführen. Nachdem die hiesigen, an der Spitze finanzieller und industrieller Unternehmungen stehenden Glaubensgenossen Jahre lang dem Treiben des „Golos" ruhig zugesehen, und glaubten, daß er durch dieses geduldige Harren endlich beschwichtigt werden würde, dies aber keineswegs der Fall war, entzogen sie chm chre Annoncen, Rechenschaftsberichte rc., was immerhin von Belang ist. Dies hatte aber die entgegengesetzte Wirkung und erneuerte nur die Wuth des „Golos" gegen die Juden. Jetzt, da sein Mitarbeiter Kowner ein so schmähliches Ende genommen, thut er, als ob er' diesen gar nicht gekanrrt, und wendet dessen Verbrechen nur an, um sie den Juden zur Last zu legen, gegen welche dieser so schändlichen Berrath geübt.