Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1875)
- Date
- 1875-06-29
- Page
- Seite 431 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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431 richt, daß die Fenster der Synagoge eingeworfen und der Großrabbiner auf der Straße beleidigt worden, für völlig aus der Lust gegriffen.— Das Budget für 1876 enthält eine Vermehrung von 9000 Frcs., um neue Rabbinate zu gründen. — In Konstantine , Algerien > haben wieder Reibungen zwischen den eingeborenen Tirailleurs und den Israeliten stattgefunden, wobei von den letzteren mehrere verwundet wurden. Man wird sich erinnern, daß diese mohammedanischen Soldaten schon in früheren Jahren rohe Exceffe gegen die Israeliten auSgeführt haben. Auch diesmal verlebten die Juden einige Tage in großer Beängstigung. Allein die Behörden schritten energisch ein; einige Schuldige wurden bestraft, und drei Compagnien dieses Regiments nach einer entfern ren Garnison geschickt, so daß nur noch eine Compagnie zurückblieb. Das Consistorium von Konstantine, das sich bei dieser Gelegenheit sehr thätig erwiesen hat, sandte einen ausführlichen Bericht über diese Vorfälle an daö Central-Consistorium in Paris. Die Einzelnheiten find jedoch, wenn auch die allgemeine Gefahr einen Augenblick lang groß war, nicht so bedeutend, um hier auf sie näher einzugehen. —. Das Amendement, welches nächst den Diöcesen auch den protestantischen und israelitischen Consistorien das Recht zugesteht, Universitäten zu stiften, darf uns über den Charakter, die Tendenz und Tragweite des in Berathung stehenden neuen Universttätsgesetzes nicht verblenden. Das Amendement ist nicht von der Rechten, sondern von jenen Halbliberalen ausgegangen, welche der klerikalen Sache ein Mäntelchen umhängen wollen, um sich und Andere über die wahre Bedeutung zu täuschen. Die Rechte stimmte daher zu. Auch ihr liegt es daran, den Sieg des Jesuitismus nicht allzu grell in die Augen springen zu lasten. Sie weiß sehr wohl, daß weder die Protestanten noch die Juden in Frankreich die Mittel und den Willen haben, neben den Staatsuniversitäten confessionelle für sich zu gründen. Dieses neue Universitatsgesetz, wenn es unverändert durch die dritte Berathung geht, ist daher als ein erster eclatanter und tiefeingreifender Sieg ves Syllabus anzusehen, der die Ausschließung der anderen Confessionen aus dem Staatsleben zum besonderen Inhalt hat. Denn bei dem ungeheuren Reichthum des Jesuitenordens - man schreibt ihm mehr als 250 Millionen zu — und bei dem Einfluß, den er auf schwache Geister und Sterbende hat, ist es vorauszusehen, daß Frankreich bald mit ultramontanen Facultäten übersäet sein wird, und daß so aus diesen Schulen die große Mehrheit der Staatsbeamten und einflußreichen Männer hervorgehen wird. Man wird diese päpstlichen Anstalten mit Stipendien, Stiften und Convicten ausrüsten, welche zahlreichen Söhnen auch der untern Bolksklasien das Studium ermöglichen, sie aber auch dem Jesuitismus völlig in die Arme legen. Nun, wir wollen dann sehen, ob Häuser wie die Rothschilds u. A. die Opferwilligkeit und die Entschiedenheit haben werden, nichtjüdische , sondern freie Universitäten zu gründen, und mit den nöthigen Mitteln zu versehen, wie es z. B. in London durch die Milhülfe des verst. Sir Jsaac Goldsmid seiner Zeit geschah. Schweiz. Basel, im Juni. Wie der lmltistriel Alsacien meldet, ist Herr Georg Wolf, Lithograph, ein geborener Baseler und Israelit, zum Mitgliede des Großen Raths von Basel erwählt worden, wohl der erste Fall seiner Art in der Schweiz. Italien. Ferrara, im Juni. Die Synagoge, welche die Gemeinde, in Turin zu bauen angefangen, hat bereits eine Geschichte für sich. Zur Zeit als Turin noch die Hauptstadt des in der Einigung begriffenen Italiens war, begann die israelitische Gemeinde diese Synagoge im großartigsten und prächtigsten Style zu errichten, unv es wurden bereits 700,000 Lire darauf verausgabt. Die Hauptmauern, das Portal und die Kuppel standen da und weckten die Bewunderung der Einheimischen und Fremden. Da wurde der Regierungssitz nach Florenz unv von da nach Rom verlegt; viele Familien, darunter auch israelitische, wauderten nach, die Gemeinde sah sich außer Stande den kostspieligen Bau sortzusetzen, und hatte genug zu thun, reu unvollendeten vor dem Verfall zu sichern. Endlich hierüber zur klaren Einsicht gekommen, schlug der Vorstand der Stadt vor, das Gebäude zu kaufen; roch diese lehnte den Ankauf ab. Daraus berief der erstere die Gemeinte, um ihr vorzuschlagen, die Kuppel abzutragen nnd den Bau nach bescheidenem Maße zu beenden. Kaum war dies in der Stadt bekannt geworren, als derselben sich ein allgemeiner Unwille bemächtigte, da man sich dieses Gebäudes als eines der schönsten der Stadt rühmt. Allerdings bewog diese Aufregung die Bewohner der Stadt nicht, etwas zu den Baukosten beizu lragen; doch bestimmte sich die jüdische Gemeinde in ihrer Versammlung, eine neue Zeichnung von freiwilligen Beiträgen zu beginnen, um den Bau fortzusühren und womöglich zu beenden. Der Vorstand selbst ging mit gutem Beispiele voran; ob aber das Ziel erreicht wird, ist noch fraglich. — Der Deputirte für Montepulciano, Giacomo Servadio, ein Israelit, ist soeben verstorben. Sein Leben war ein sehr bewegtes. Zuerst Musiker und Componist in Neapel, dann Redacteur einer Musikzeilung in Florenz, spater in Südamerika Geschäftsmann, Theaterunternehmer und Capellmeister, endlich in Italien Banquier und Deputirter, den Ratazzi sogar zum Finanzminister wählen wollte. Durch die jüngste Finanzkrise verlor er den größten Theil seines Vermögens; vielleicht aber wäre es ihm geglückt, es wieder herzustellen. wenn ihn nicht der Tod in seinem 50. Lebensjahre plötzlich abberufen hätte. Leon Ravenna. Türkei. Kreta, im Juni. Griechischen Blättern von der Insel Kreta entnehmen wir folgende seltsame Thalsache. Bekanntlich Ihat die Hohe Pforte im Jahre 1868 nach Unterdrückung des