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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-29 · Heft 27 (29.6.1875) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 27 (29.6.1875)
Date
1875-06-29
Page
Seite 430 (sequence 8)
Language
German
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430 angeordneten „Buß- und Betrage" haben keinen anderen Charakter, und am Nachmittag derselben find ebenfalls die Tanzlocale und Concertgärten geöffnet und gefüllt. Darum sage ich. daß die Prorestanten kein Urtheil haben, ob die Uebung religiöser Satzungen mir religiös-fittlichem Ideale verbunden seien oder nicht. Wir sagen ihnen, daß jene sehr oft und in vielen Gemächern mit innigster Weihe und religiös-sittlichem Aufschwung verbunden ist und die Geister hierzu erweckt. Diese religiösen Satzungen einfach als bloße „Aeußerlichkeiten" zu erklären, kann nur dem einfallen, der sie und Las Leben in ihnen nicht kennt. Aeußerlichkeiten! Werden etwa formulirte Dogmen nicht leicht zu bloßen Aeußerlichkeiten, zu blos äußerlichen Bekenntniffen, aus denen die Seele und das Ideal gewichen sind? Man sehe nur die Urtheile des Protestantenvereins über den orthodoxen Protestantismus. Nein, Herr Diaconus, alles Religiöse, sei es Ceremonie, sei es Dogma, formulirtes oder freigegebenes, wird von den Menschen bald innerlich aufgefaßt, bald als Aeußerlichkeit gehandhabt. Wie Vielen z. B. fließen die Worte „Liebe, Duldsamkeit, Demuch" u. s. w. von den Lippen, ohne daß davon eine Spur in ihren Herzen ist, ohne daß nur eine Handlung ihres Lebens dem entspricht. Warum also das Judenrhum nicht die höchsten religiös-sittlichen Ideale in sich enthalten solle, wenn die Bekenner deffelben über die Sabbathfeier im praktischen Leben nicht einerlei Sinnes sind, ist nicht ersindbar, und Ihr desfallsiges Aburtheilen, Herr Diaconus, kann nur aus Selbstüberschätzung, Abneigung und Parteiverblendung geflossen sein. Breslau, im Juni. Die „Brest. Zig." schreibt: Herr Jakob Böhm, bisher Solariencassenrendant in Leobschütz, ist zum Geh. Calculator und expedirenden Secretär im Ministerium ernannt worden. Der Fall würde an sich kaum ein besonderes allgemeines Interesse erregen, wenn nicht der neue Beamte des Cultusministeriums ein Jude wäre. Wir nehmen von diesem Acte der Toleranz seitens des llr. Falk mit lebhafter Befriedigung Kenntniß und hoffen, daß es in anderen Ressorts Nachahmung finden werde. Seit langer Zeit bildet die Gleichberechtigung der Konfessionen einen Fundamentalsatz unserer Verfassung, aber nur spärlich ist demselben bisher in der Praxis Folge gegeben. Culmsee, 13. Juni. (Privatmittheil.) Am ersten Tage Schabuoth, 9. Juni o., verschied in Zempelburg der wegen seiner wahren Frömmigkeit und talmud. Gelehrsamkeit in weiten Kreisen berühmte Rabbiner Herr M. Karo in dem hohen Alter von 85 Jahren, tiefbetrauert von sämmtliche» Gemeindemitgliedern, die alle mit innigster Liebe und Ehrfurcht an dem theuren Lehrer hingen. — Friede seiner Asche! Zadek. Reichenbach (Schlesien», im Juni. (Privatmitth.) Die Einweihung einer hier neuerbauten Synagoge fand am 8. Juni 212 statt, die außer der von der Commune billig gewährten Baustelle, 10,000 Thlr. Baukosten der hiesigen kleinen israelit. Gemeinde, aus 32 Mitgliedern bestehend, verursachte. Der Einweihungsact wurde zwar einfach, doch mit gebührender Würde begangen, welche namentlich durch eine treffliche Predigt unsres Predigers Herrn Cohn über Sechar. 2, 14 erhöht ward und bei allen Anwesenden der verschiedenen Confessionen einen guten Eindruck hinterließ. Möge in der Zukunft auch für unsere Gemeinde die Verheißung GotteS 2. B. M. 29, 43 in Erfüllung gehen. P. Oesterreich-Ungarn. Wien, 7. Juni. Gestern wurde in einer öffentlichen Sitzung des Vorstandes der hiesigen Culmsgemeinde der Rechenschaftsbericht über das Jahr l574 vorgelegt. Er bietet kein erstenliches Bild, die Folgen des „Krachs" kommen auch hier ziffermäßig zum Ausdrucke. Das Erträgniß der Cultussteuern war im Jahre 1572 95,836 fl., im Jahre 1873 91,647 fl. und im verflossenen Jahre blos 88,551 fl. Das Erttägniß der Friedhofsverwaltung war im Jahre 1873 14,600 fl. und im verflossenen Jahre nur 6525 fl. Das Bethaus in der Stadt, Seitenstettengasse, hatte bei einem Einkommen von 14,942 fl. ein Deficit von 881 fl., hingegen hatte das Beihaus in der Leopoldstadt bei einem Einkommen von 26,952 fl. einen Ueberschuß von 6216 fl. Einen bedeutenden Posten bezüglich der Ausgaben nimmt die Kanzlei ein mit 23,671 fl., das Rabbinat kostete 13,214 fl., hingegen wurden für Unterrichtszwecke blos l 0,054 fl. verausgabt. Massenhafte Summen verschlingen die Kranken und Siechen, die jüdische Literatur erstellte sich einer Unterstützung von 307 fl. Im Ganzen betragt das Deficit 1564 fl. bei einer Einnahme von 182,420 fl. Allerdings fallen bei diesen Zahlen mancherlei Bedenken auf. Bei einer Gemeinschaft, deren Vorstand aus unbesoldeten Ehrenämtern besteht, verzehrt die Kanzlei, also die Führung der Schreibsrchen 12 */2 Procent der gesammten Ausgaben, und zwar mehr als Rabbinat und Unterricht zusammengenommen! Für die jüdische Literalu»- dagegen werden 307 fl. in Anspruch genommen — und seüft für dieses Almosen muß man dankbar sein, denn es giebt ncht viele Gemeinden, auf deren Budget die Literatur überhaupt figurirt. — In eine Correspoudenz dieses Blattes hat sich der Jrrthum eingeschlichen, daß „das Vaterland", welches jüngst wieder die Schmähungen auf die Juden brachte, das Organ des Cardinals Rauscher sei. Es fand hierbei eine Verwechselung mit dem „Volksfreund" statt, das sich mit dem ultramontanen „Vaterland" oft genug in den Haaren liegt. Frankreich. PariK, 15. Juni.*» Das Consistorium von Bordeaux erklärt die vom Gourrier <le Ij Gironde, und nach diesem von den Arcli. isr. gebrachte, auch von uns diesen entlehnte Nach- *) Da die Arch. isr. fortfahren, eine Menge von Nachrichten aus unsrem Blatte zu entnehmen, ohne die Quelle anzugeben, müssen wir in gleicher Weise verfahren, um möglichst eine Aenderung herbeizuführen. Redaction.

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