Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1875)
- Date
- 1875-06-29
- Page
- Seite 429 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei Bortheile, zuerst, daß sie sich dadurch noch mehr angesporut fühlen, nur tüchtige Lehrer anzustellen, und dann, daß durch die Honorirung der Lehrer diesen auch eine materielle Hülfe zufließt, was bei der jetzt überhaupt nothwendigen Steigerung der Gehälter und bei veren schwierigen Aufbringung durch die Gemeinden schon etwas bedeutet. Berlin, 17. Juni. (Privatmittheilung.) An dem neuen städtischen Humboldt-Gymnasium ist unter den ordentlichen Lehrern auch ein Israelit, vr. Herrlich, angestellt worden. Er hatte bis jetzt noch keine Lehrerstelle bekleidet. — Diese Anstellung Mischer Lehrer, die gegenwärtig nicht mehr vereinzelt vorkommt, sondern nach derselben Ordnung, wie es mit Lehrern christlicher Confession geschieht, und die gesetzliche Einrichtung von jüdischem Religionsunterrichte in den resp. Lehranstalten bilden zusammen einen Fortschritt, der, je länger er in Preußen auf sich warten ließ, um so entschiedener den Charakter der jetzigen preußischen Staatsregierung bezeichnet. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß Beides in der preußischen Verfassung längst begründet war. Jndeß fand das Widerstreben der Unterrichtsminister bis auf Herrn vr. Falk immerhin eine Unterstützung in der Gesinnung vieler Beamten und sonstiger gebildeter Männer. Wir können daher sagen, daß der so heftig entbrannte „Culturkamps" uns zu unsrem Rechte verholfen hat. da er die Staatsregierung wie alle Welt überzeugte, von welchem Nachtheil es ist, wenn der Staat den Confefsionalismus überall nachdrücklich betont, einer und der anderen Confession Vorrechte cinräumt, so in den Betreffenden ungerechtfertigte Vorurtheile nährt und das allgemeine Rechtsbewußlsein schädigt. Man sieht hieraus zugleich, wie jede große Bewegung und Erschütterung eine weitere Entwickelung des Rechts zur Folge hat. Dies ist immerhin ein Trost für die Wirren und Anstrengungen, die mit einem solchen Kampfe verbunden sind. —. Eine persische Deputation, bestehend aus dreien deangesehensten Israeliten in Teheran, verweilte in der verstessenen Woche auf der Durchreise nach London Hierselbst mehrere Tage. Der Zweck ihrer weiten Reise ist, Sir Moses Montefiore zum Schutz der stark geknechteten persischen Juden anzurufen. Da die vielmonatliche Reise das Vermögen jener drei Abgesandten fast aufgezehrt hatte, so nahm sich der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde der Hülfsbedürftigen in der liebevollsten Weise an und gewahrte ihnen auch die Mittel zur Weiterreise in reichlichem Maße. Breslau. 13. (Privatmittheil.) Mit Bezug auf meine Mittheilung in Nr. 23 habe ich zu berichten, daß auf den Protest gegen die Willkühracte des Rectors Luchs vom Magistrate eine sehr unbefriedigende Beantwortung erfolgt ist. Die Petenten haben neuerdings gegen diesen vom Schulrath Thiel Unterzeichneten Bescheid eine Eingabe bei dem Magistrate eingereicht, deren Erfolg wohl bald bekannt werden wird. — Unterdeß ist dieser Vorgang auch zu mißliebigen Aeußerungen über Judenthum und Juden in der Presse benutzt worden, die wir deßhalb nicht ganz mit Stillschweigen übergehen wollen, weil sie von dem Theile der Protestanten ausgehen, welcher sich als die liberale Partei dieser Kirche gerirt, von einem hiesigen Organe des Protestantenvereins dem „Schlesischen Protestantenblatte", redigirt von Diaeonus Decke. In Nr. 23 giebt dieser Herr einen Artikel „Etwas vom Judenthum". Zunächst schildert er die sehr verschiedene Weise, welche jüdische Eltern hinsichtlich des Schreibens am Sabbath seitens ihrer Kinder einhalten. Die Schilderung ist absichtlich übertrieben, trifft aber in den Hauptpunkten zu. Hieraus zieht ganz in gewohnter Weise der Protestant. Theologe einen Schluß auf „die ganze Aeußerlichkeit des jüdischen Religionswesens", das „vielfach in den Dienst res „Geschäfts" gestellt ist." Er findet, daß das Jucenrhum deßhalb des religiös-sittlichen Lebensidealcs entbehrt, nur noch „von seiner Vergangenheit, man möchte sagen, auf rein mechanische Weise lebt", und daß der jüd. Charakter ganz umgestaltet werden müsie, um dem deutschen Volke sympathisch zu werten. Was den letzter« Punkt betrifft, so haben wir niemals die Hoffnung gehegt, daß die Juden die Sympathie eines christlich - theologischen Wortführers gewinnen werden, und wenn er sich noch so ideal und liberal gerirt; glücklicher Weise vertritt ein solcher Sprecher das deutsche Volk nicht, und wenn er über die Sympathien desselben nach Belieben disponirt, so ist dies eben eine Anmaßung. Was nun die Sache selbst betrifft, so vergißt Herr Decke Zweierlei: Erstens, daß die Juden mit ihren religiösen Jnftituliouen unter der Herrschaft der christlichen Einrichtungen stehen, welche der Staat zu den seinigen gemacht. Wenn daher die Juden sich Liesen in verschiedener Weise, bald mehr, bald weniger anpaffen, so fällt dies dem Judenlhume im Allgemeinen nicht zum Vorwurf aus, und wir möchten wohl sehen, wie sich unter ähnlichen Umständen die Protestanten benehmen würden. Die Verschiedenheit hinsichtlich der strengen Sabbathfeier unter Len Juden, findet sich auch unter Len Protestanten und allen Christen überhaupt, betreffs der Sonntagsfeier. Wenn die Polizei nicht für Einhaltung derselben sorgte, wie würde es mit ihr aussehen? Und wie sieht es dennoch mir ihr aus! Zahllose Christen arbeiten am Sonntag, natürlich „des Geschäftes wegen". Wie sieht es mir dem sonntägigen Besuche der protestantischen Kirchen aus? Dann sehe der Herr Diaconus doch die Zeitungen an, um zu gewahren, welche Kneipen- und Tanzwirthschaft am Sonntag getrieben wird. Soweit haben es die Juden mit ihrem Sabbath noch nicht gebracht. Was wird ein ftommer Engländer über diese Sonntagsseier des deutschen Volkes urtheilen? Sicherlich Loch, daß dem deutschen Protestantismus „alle religiös-sittlichen Lebensideale" entschwunden seien! Zweitens, vergißt Herr D., daß die Protestanten über religiöse Ceremonial- und Ritualgesetze eigentlich gar kein Urtheil haben, da sie sie nicht kennen. Die Protestanten haben alle kirchlichen Vorschriften aufgegeben, und ihr ganzes Kirchenlhum besteht in der Absingung einiger Kirchenlieder. Selbst die gesetzlich