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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-29 · Heft 27 (29.6.1875) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 27 (29.6.1875)
Date
1875-06-29
Page
Seite 426 (sequence 4)
Language
German
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426 Handel zu treiben und nichts als Handel. DieS hilft nichts, der Verfasser brandmarkt sie hinterdrein für das, was man den Unterdrückten und Verfolgten als einzigen Lebevserwerb gelassen, und zeigt damit, daß er zu dem großen Haufen derer gehört, welche Äehnliches thun, weil von derselben Leidenschaft verblendet. Eine zweite Bemerkung Dühring's, die wir hervorheben, betrifft die Gegenwart. Er sagt: „Auch einzelne Theile der Wissenschaft, welche, des Verschlusses der übrigen wegen, von den Juden als Gewerbe besonders gesucht worden sind, zeigen schon vielfach den Stempel der neuen, auf Gewinn angelegten Betriebsart. Der durch die Geschichte des Judenthums erwiesene angestammte Mangel wissenschaftlicher Schöpferkraft hat dazu geführt, die Vereinzelung und gleichsam Ausmünzung der überlieferten Stoffe in immer engere Specialitäten auf das Aeußerste zu treiben, um so durch den Anschein der Einzigkeit eine lucrativere Position oder sonst Vortheile zu gewinnen, zu denen eine rein den Bedürfniffen der Sache entspringende und daher nicht in Zersplitterung ausartende Theilung nicht verhelfen würde. In den Naturwiffenschaften und in der Mathematik sind derartige Abwege deutlich genug sichtbar." — Gegen einen Philosophen, der auf seiner nebeligen Höhe thront, muß mau nachsichtig sein; er sieht die Dinge aus zu großer Ferne und durch den Dunstkreis seines Systems an; aber für solche Behauptungen, wie sie hier der Verfasser aufstellt, hat man selbst von einem Philosophen Beweise zu fordern das Recht. Nach seiner apodiktischen Sprache mußte es ihm doch leicht sein, einige Beispiele anzuführeu. Da er dies unterlaßt, so muß er uns schon erlauben, alles was er sagt, nur als Ausfluß seines Verdrusses anzuseheu, daß es einige Juden giebt, die sich unterfangen, in der Wissenschaft etwas zu leisten. Die Wissenschaften haben ein so reiches, ausgedehntes Material sich erobert, und dieses wächst von Tag zu Tage dermaßen an Reichthum und Ausdehnung, daß, um es wissenschaftlich zu bearbeiten, es der Gesammtheit der Wissenschaft einzufügen und zugleich fortzuführen, nothwendig wird, daß der einzelne Forscher einen speciellen Zweig, ja in diesem gewisse hervorragende Momente sich zur Lebensaufgabe macht. Es liegt hierin keine besondere Absicht, kein Zweck des Ehrgeizes und des Gewinnes, sondern die reine wissenschaftliche Nothwendigkeit. Zugleich versteht es sich, daß der einzelne Forscher und die Specialität selbst immer im Zusammenhänge des Ganzen verbleibt, weil sonst die Lebensader bald abgeschnitten wird. Der Gewinn hieraus fällt für die Wissenschaft selbst ab. Hierüber besteht wohl kein Zweifel. Dennoch begreifen wir, daß dies einem Philosophen, der gewohnt ist, einige Resultate aus jeder Wissenschaft mit oberflächlicher Kenntniß herauszuziehen, um daraus sein eigenes Gesammtbild zu produciren, sehr lästig ist, und er es am liebsten von sich weist. Doch findet dies blos in den Naturwissenschaften und der Mathematik statt? Kennt z. B. Dühring die Geschichte und die Philologie gar nicht? Da giebt es Egyptologen, Affhrologen, Sanskritisten, Arabisten und Persisten, ja sogar solche, die vorzugsweise Syrisch treiben, und alles Dies neben den klassischen Philologen. Glaubt der Verfasser wirklich, daß es in allen diesen wissenschaftlichen Zweigen möglich gewesen wäre, so bedeutende Forsschritte zu machen, wie geschehen, ohne daß einzelne Männer sich einem dieser Zweige vorzugsweise gewidmet? Und hat nicht gerade die vergleichende Sprachwissenschaft ihren großartigen Auf-- schwung aus den Erfolgen dieser Specialitäten gewonnen? Meint Dühring wirklich, daß Jemand gegenwärtig in der alten, mittleren und neueren Geschichte etwas Bedeutendes zu leisten vermag, wenn er nicht einer dieser großen Perioden seine besondere Forschung widmet? Glaubt er, daß Jemand gleich groß in der spanischen und russischen Geschichte sein kann? Rührt nicht die Oberflächlichkeit zahlreicher Schriftsteller davon her, daß sie selbst nur in einem großen Zweige Alles zu wissen und zu besprechen zu können glauben? Doch nein, diese Frage darf man an Herrn Dühring nicht richten, der in der Thal Alles und aus allen Fächern zu verstehen und besprechen zu können vermeint. Und diese nothwendige, naturgemäße, unentbehrliche und wohlthätige Vertheilung und Verzweigung soll allein von den Juden und zwar aus gewinnsüchtigen Absichten hervorgehen! Ich sehe mich auf den Universitäten um und gewahre da einen Anatomen*» neben einem Chemiker, einen solchen neben einem Physiker, diesen neben einem Physiologen u. s. w. Mustere ich weiter, so sehe ich, daß ein jeder dieser Männer in seiner Specialwisseufchaft irgend eine ausgezeichnete Leistung vollbracht hat oder zu vollbringen im Begriffe ist. welche einen ganz speciellen Gegenstand zum Inhalt hat. Wie? ist dies tadelns- oder lobenswerth? Over sind alle diese Männer Juden, oder Schüler von Juden, oder von Juden dazu angetrieben, um einen lucrativen Gewinn daraus zu ziehen? Pfui über diese Unwahrheit! Hier und da ist unter dieser großen Anzahl verehrungswürdiger Männer ein Jude, der auch seinen rühmlichen Antheil hat. Weiter nichts. Und haben die Juden, welche sich der Wissenschaft widmeten, wirklich Gewinn daraus gezogen? Die Erfahrung lehrt das Gegentheii. Man hat sie bis auf die jüngste Zeit ausgeschlossen und zurückgestoßen. Nicht wenige von ihnen mußten mit bitterer Armuth kämpfen, und es war Heroismus von ihnen, sich unter solchen Umständen der Wissenschaft zu weihen und ihr unermüdlich treu zu bleiben, und erst die allerletzten Jahre haben Diesem und Jenem eine kärgliche Existenz gesichert. Was geht dies aber einen Philosophen vom Schlage des Herrn D. an? Er sieht einige einzelne Juden auf dem wissenschaftlichen Wege sich einiges Verdienst erwerben, und dies ist in seinen Augen ein Vergehen und ein Ruin der Wissenschaft. Was ihm als ein Abweg erscheint, muß nothwendig von den Juden herrühre». *) Giebt e« doch gegenwärtig getrennte Lehrstuhle für mikroscopische. pathologische, comparative u. s. w. Anatomie, die mit Männern besetzt werden, welche sich um diese Specialsächer der Anatomie Verdienste erworben haben. Geschieht dies etwa aus Anordnung der Juden? Wie kann man die Dinge in so verblendeter Weise ansehen! (Schluß folgt.)

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