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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-29 · Heft 27 (29.6.1875) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 27 (29.6.1875)
Date
1875-06-29
Page
Seite 425 (sequence 3)
Language
German
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425 aus seiner früheren Genossenschaft mit Herrn Wagener geschöpft. Ob mit oder ohne Recht, kurz er hält die Juden für Brocken, die sich nicht so leicht in dem Brei seiner Socialisirung auflösen lassen. Dies ist für die Juden unheilvoll. Er muß sie deßhalb verdonnern, wobei es nur zum Glück für die Juden an Blitzen fehlt. Er thut dies sofort im ersten Capitel des Abschnittes über „die Socialisirung aller Gesammtthätigkeiten" (S. 380) Wie bereits bemerkt, ein Philosoph von Fach bedarf keiner Beweisführung, und es genügt vollständig für das, dieser Weisheit aufmerksam lauschende Volk, die Behauptungen und Urtheile sententiös hinzustellen. Sie muffen ja wahr fein, da sie aus dem Munde eines solchen Philosophen kommen. Uns aber, die wir nicht zu den Anbetern der „Socialisirung" gehören, ist es auch gestattet, die Behauptungen des Philosophen etwas näher anzusehen. Aus seiner Diatribe gegen die Juden heben wir sofort zwei Bemerkungen heraus, welche die Urtheilsfähigkeit des Mannes über diesen Gegenstand bezeugen sollen. Es muß uns vor Allem daran liegen, zu erkunden, ob er sich von Billigkeit und Wahrheitsliebe oder von Absicht und Tendenz, oder sagen wir es geradezu von Abneigung und Widerwillen, wenn nicht von noch ärgerer Leidenschaft leiten läßt. Er beginnt mit solgenLeui Satze: „Ein Völkchen, in dessen Vorgeschichte sich Grausamkeit und kraffer Egoismus schon wie ein Programm des weiteren Lebenslaufes angekündigt haben, ist durch die Zudringlichkeit und Zähigkeit, mit der es bereits vor dem Verfall des eigenen Staates gewohnt war, sich im Fleische anderer Nationen schmarotzerartig einzunisten, schließlich dazu gelangt, mit seiner Nachkommenschaft die ganze Erde zu besäen." Mit dieser Einleitung hat sich der Verfasser selbst ein schlimmes Zeugniß ausgestellt. Denn wenn ein Philosoph, der von sich behauptet, die Geschichte kritisch beleuchtet zu haben, diese dermaßen entstellt, was soll man von seinem Urtheil über die Gegenwart halten? Das jüdische Volk soll in seiner Vorgeschichte „Grausamkeit und krassen Egoismus" so bethätigt haben, daß diese schimpflichen Eigenschaften „wie ein Programm des weiteren Lebenslaufes" sich bekundet hätten! Wir suchen durch die ganze Vorgeschichte dieses Volkes nach solchen Thalsachen und finden da allein seinen Einfall in Kanaan, um sich daselbst eine feste Niederlassung zu erobern, und zwar mit den Waffen in der Hand. Wir erinnern nur, daß diesem Einfall viele Versuche, auf friedlichem Wege zu einer festen Heimath zu gelangen, vorangegangen sind; wie die Israeliten zuerst nach Kanaan kamen, nach Egypten übersiedelten, hier in Sklaverei geriethen, deßhalb das Nilthal verließen und lange in der Wüste umherzogen, überall von den umwohnenden Völkern feindselig behandelt, trotz mehrfachen Anerbietens des Friedens angegriffen und mit Vernichtung bedroht wurden, wie Moses seinem Volke den Frieden mit jedem ihm verwandten Stamme auferlegte — dies Alles sind keine Beweise von Grausamkeit, sondern vom Gegentheil. In Kanaan fochten sie nur ihre Existenzfrage aus. Will uns nun der Verfasser sagen, wie die Inder, als sie aus dem Pendschab hervorbrachen, die Bewohner des Landes behandelten? Was haben die Hellenen mit den Pelasgern gemacht? Wer hat auf die Thore der eroberten Städte, und zwar einer halben Welt, das blutige Vae victis! geschrieben? Wo sind vor den Schwertern der germanischen Völker die Kelten geblieben? Und daß wir uns neuern Zeiten zuwenden: wie verfuhren die Spanier mit den Mauren? mir den zahlreichen Völkerschaften in Mexiko und Peru? auf welche Weise leerten selbst die Anglosachsen die nordamerikanischen Gebiete von den Rothhäuten? Dies sind unter den zahllosen geschichtlichen Thatfachen nur wenige, und jedem Tertianer bekannt. Der gelehrte Docent muß sich also schämen, in seiner Kritik der Geschichte sich solche Blößen gegeben zu haben. War aber diese Grausamkeit ein Programm für den weitern Lebenslauf res jüdischen Volkes, so gebe er doch die Facten an, durch welche dieses Programm sich weiterhin bethätigt habe. Es stehen ihm hierfür anderthalb Jahrtausende zu Gebote, welche das Volk in Palästina verbrachte. Nichts vermag er anzuführen; es lag der friedlichsten Existenz ob und hatte nur die Angriffe der Nachbarvölker und der übermächtigen asiatischen und afrikanischen Despoten abzuwehren. Wie grausam die Juden hierbei von den anderen Völkern behandelt wurden, deuten uns die Propheten an unzähligen Stellen an; der Wunsch nach Rache war natürlich, aber durch die Juden selbst kam er niemals zur Erfüllung. Jenen Ausdruck konnte daher dem Verfasser nur die Verblendung der Gehässigkeit einstößen, und diese ist die schlimmste Passion für einen historischen Kritiker. Eine gleiche Entstellung der Geschichte bietet die weitere Charakterisirung. Weiß der Verfasser nicht, daß es das Schwert des Eroberers war, welches das jüdische Volk nach Assyrien und Babylonien brachte, das Hunderttausende nach Alexandrien, Antiochien u. s. w. versetzte, das zahllose Juden vor dem Falle Jerusalems auszuwandern zwang, das endlich die in Palästina ansässigen Millionen durch die Länder zerstreute, und nicht eher ruhete — drei Jahrhunderte hindurch — bis auch die letzten Abkömmlinge des Volkes aus Palästina vertrieben waren? Weiß er es nicht, so ist dies für einen Philosophen bezeichnend, der aus seiner Intuition heraus über Geschichte und Natur zu Gunsten seiner reinen und unreinen Absichten verfügt. Wußte er die Facten, nun um so schlimmer für ihn. Ob es nun der Billigkeit irgend nahekommt, mit den Worten „Zudringlichkeit, einnisten, Schmarotzer" zu beze-chnen, wenn diese aus ihrem Vaterlande vertriebenen Leute leben wollten und sich hierzu allen Beschäftigungen ergaben, die man ihnen nur irgend erlaubte, mag jeder unparteiische Leser entscheiden. Ein streng christlicher Gelehrter, der allerdings hundert mal mehr von der Geschichte weiß, als Herr Dühring, vr. Franz Delitzsch, hat erst jüngst nachgewiesen, daß ein halbes Jahrtausend nach dem Falle Jerusalems die vertriebenen Juden überall den Ackerbau und dem Handwerk oblagen und erst die europäischen Christen sie zwangen, sich dem Handel zu ergeben. Man warf ihnen eine Schlinge um den Hals, die ihnen gerade so viel Luft ließ, um

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