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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-29 · Heft 27 (29.6.1875) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 27 (29.6.1875)
Date
1875-06-29
Page
Seite 424 (sequence 2)
Language
German
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424 ihre Ansprüche darauf. Dies ist fatal für sie und macht sie unzufrieden, ungerecht, gehässig. Wenn es mächtigen Geistern, wie Fichte, so erging, warum nicht kleinen Helden, wie ehemals den Professoren Rühs und Fries, und jetzt dem Privatdocenten der Philosophie vr. E. Dühring an der Berliner Universität. Seitdem die Philosophie ihren dogmatischen Charakter aufgegeben, und zur Basis ihrer Anschauungen entweder psychische Stimmungen, wie der Pessimismus, oder naturwissenschaftliche Probleme, wie der Pantheismus und Monismus, genommen hat, sind auch die Philosophen unter die Menschen gegangen, um sich unter ihnen zu bewegen, geltend zu machen und die Führerschaft womöglich an sich zu ziehen. Bald werfen sie sich auf die Politik, um alle Schwachen des Parlamentarismus und Constitutionalismus nachzuweisen und ein besieres System auszuklügeln, daß an deffen Stelle trete; bald auf die Religion, um zu demonstriren, welche neue Religion in der Zukunft kommen müffe; bald aus die sociale Frage, deren Lösung sie an den Fingern darzulegen wisien; bald auf die Geschichte, deren innerste Gesetze sie zu construiren verstehen. . Ueberall ist ihr Unheil souverän, und wehe dem, der sich ihm nicht beugen will. Ihre Kritik ist beißend und wird mit jedem Tage bissiger, jemehr sie sich in der erhofften Beherrschung der Meinungen getäuscht finden, je isolirter sie sich fühlen. Sie bedenken nicht, daß, abgesehen von der Eigenthümlichkeit in Ansicht und Unheil, der sie sich befleißigen, sie selbst am meisten dazu beigetragen haben, Philosophie und strengphilosophische Behandlung eines Stoffes dadurch in Verruf zu bringen, daß Jeder unter ihnen nicht blos seine Zeitgenoffen, sondern auch seine Vorgänger mit einer Verachtung und einem Spott behandelt hat, welche nicht verfehlten, die Menge der Unbetheiligten und Unkundigen mit Mißtrauen gegen die ganze philosophische Wiffenschaft und mit Mißachtung ihrer Heroen zu erfüllen. Wenn die großen Gestirne, die ihrer Zeit am Denkhimmel leuchteten und deren Glanz verehrt ward, in solch' schmutzigen Nebel gehüllt werden, wie können sich die kleinen nachfolgenden Sternlein beklagen, wenn auf ihr schwaches Gefunkel nicht geachtet wird? Was diese jüngsten Philosophen so an Ansehen und Einfluß verloren haben, das suchen sie durch Selbstüberhebung und Grobheit zu ersetzen, Eigenschaften, von denen die letztere besonders ein stilles. Bewußtsein der eigenen Schwäche bekundet. Nichts gleicht der Unverschämtheit, mit welcher diese Epigonen ihre Behauptungen ausstellen, ihre Urtheile apodiktisch aussprechen, ohne selbst eine Beweisführung für nöthig anzusehen. Sie, welche für die Unfehlbarkeit des Papstes nur Hohngelächter haben, pflanzen sich, ein Jeder für sich, als Papst auf und decretiren ihre Sentenz als unfehlbar. Der nächste Fachgenoffe stellt dieser eine andere als eben so unfehlbar gegenüber, und nun ergehen sie sich in unwürdigstem Gezänke. Der Philosoph, mit dem wir es hier zu thun haben, hat davon ein Beispiel gegeben, das durch die Rügen seiner Vorgesetzten Behörden bekannt geworden. Nun, das braucht die Laien doch nicht abzuschrecken, sich bei Gelegenheit diese Helden ein wenig naher zu betrachten. Aerger als die Fachgenoffen können sie ja doch nicht behandelt werden. Herr vr. E. Dühring docirt nicht blos die Philosophie, sondern auch die Staatswiffenschaften. Die sociale Frage gehört also mit zu seinem Gebiete, und da mit dieser fertig zu werden so viele Berufene unv Unberufene gegenwärtig sich anmaßen, wie sollte dies nicht auch Herr Dühring thun; hat er ja dazu seine Befähigung bereits in einer Denkschrift erwiesen, auf welche der bekannte Geh. Regierungsrath Wagen er seinen Namen setzte, worüber ein Skandalproceß sich entspann. Jedenfalls ist es für diese Denkschrift und die Ansichten Dührings, namentlich auch in seinem Verhalten gegen die Juden, charakteristisch, daß Wagener sie für die seinige halten und ausgeben konnte! Wir sind in einer Polemik keine Freunde von unliebsamen Personalien; oft jedoch sind sie zum Verständniß von vornherein nicht ganz entbehrlich. In der socialen Frage noch den eigentlichen und landüblichen Socialismus zu treiben, ist gegenwärtig einem originellen . Geiste oder dem, der dafür gellen will, nicht mehr möglich. Man muß der Sache eine andere Wendung zu geben, oder wenistens mit einem andern Namen ein neues Mäntelchen umzuhängen versuchen. Herr Dühring hat .,dem Ganzen der Philosophie eine neue Gestalt in seinem Systeme" gegeben, und beglückt nun die Welt mit einer „Darstellung dieses Ganzen" in einem Buche „Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung" (Leipzig, Koschny, 1875). Jedermann weiß, daß Socialismus und „unbeschränkte" Freiheit ces Individuums zwei entgegengesetzte Pole sind, die durch ihre ganze Axe voneinander getrennt sind. Dühring will diese Pole so zusammenbringen, daß sie sich zu einem Punkte vereinigen. Man braucht den Socialismus nur „die Socialisirung aller Gesammtlhatigkeiten" zu nennen, und Alles ist fertig. Ist ein Name gefunden, so kann ja auch das Kind nicht weit sein. Glücklicher Weise gehört es nicht zu unsren Aufgaben und Pflichten, weder das philosophische System des Herrn Dühring, noch seine „Socialisirung" zu prüfen unv zu kritisiren. Unsre Arbeit ist beschrankter. Wir lassen den Aar (!) zur Sonne fliegen, und sehen uns nur seine Art' zu fliegen an, wenn er über die Stelle sich hinwegbewegt, an der wir stehen. Da hört sich auch sein Krächzen aus aller nächster Nähe an. Es versieht sich, daß dem Vater der „Socialisirung" besonders solche gesellschaftliche Elemente widerwärtig sind, von denen er voraussetzt, daß sie sich nicht ohne Weiteres derselben fügen würden. Der Schöpfer einer neuen Idee ist stets mehr oder weniger ein Despot, der alle diejenigen einkerkert oder niedersäbelt, welche sich ihr nicht unterwerfen, oder von denen er dies vermuthet. Er hat auch ein Recht hierzu, da er dieses neue Reich mit allen Wesen, die darin leben, selbst geschaffen hat. Zu diesen, für die Socialisirung ungefügigen Personalitäten scheinen dem Urheber jener die Juden zu gehören. Er hat seine Meinung über sie wohl

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