Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1875)
- Date
- 1875-06-22
- Page
- Seite 419 (sequence 13)
- Language
- German
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419 heilige Hauptstadt, und dennoch wanderten sie wie heute! Es liegt also wohl in ihrem Blute? Das kann man doch kaum sagen, denn sie sind ja separatistisch-national wie kaum ein anderer Bolksstamm, sie bestehen auf ihrem nationalen Iudenthume jetzt noch nach fast zweitausend Jahren der Verfolgung und Pein. Aber vielleicht nicht auf ihrem nationalen, sondern aus ihrem religiösen Iudenthume. DaS mag es sein, was sie erhalt und Loch ewig theilt. Sie haben keinen Heimathssinn, und es ist doch ein cosmopolitisches Element in ihnen, in ihrem Geiste." „Dieser Geist ist von unermeßlicher Regsamkeit, er treibt sie ins Weite, er treibt sie zu Speculationen aller Art. Die Philosophie, in welcher sie sich immer hervorgelhan bis zu dem Höhepuncte Spinoza's, ist ja auch eine Speculation, wie der Handel mit alten Kleidern und den Wechselbriefen auf Millionen. Es würde gar nichts andern, wenn man ihnen Jerusalem und Palästina wiedergäbe zu eigener Staatlichkeit — ihr speculativer Geist würde die neue Schale sofort wieder sprengen, denn sie würde ihnen zu eng werden. Sie würden nicht blos als Juden unter Juden leben wollen und leben können." „Sie sind eben ein Sauerteig in der neueren Weltgeschichte. Das heißt seit die heidnischen Götter ins Aussterben gerathen sind und seit das Christenthum aus ihrer Mille hervorgegangen ist." „Dies Christenthum, vielleicht eben weil es von ihnen stammt, hat die schwerste Zeit über sie gebracht. Ihre eigentliche Verfolgung beginnt mit der Herrschaft des Christenlhums und erreicht ihre Höhe mit der Höhe des Christenlhums. Diese wurde im Mittelalter erreicht. „Liebet eure Feinde," predigte man und peinigte die Feinde bis aufs Blut. Schopenhauer, glaub' ich, sagt einmal, daß von allen Religionen das Christenthum am meisten Blut vergosien habe." „Erst seit das Christenthum durch moderne Denker in Zweifel gestellt, will sagen, discutirt worden ist, erst seit dieser Epoche ist die Zeit Cäsar's für sie wiedergekehrt und sind sie wieder geduldet worden." „Die französische Revolution bedeutet den völligen Untergang des Mittelalters und bedeutet für sie Erlösung. So haben sie sich in Frankreich einbürgern können. Dergestalt, daß man unter den Franzosen selten ober gar nicht fragen hört, ob Der oder Jener ein Jude sei? Sie sind bürgerlich verschmolzen. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grabe. Die vornehmeren Stande fragen auch dort heute noch nach der Herkunft und Abstammung, und man fragt auch sonstwo danach, wenn es sich um eine Heirath handelt. Aber im geselligen Alltagsleben sind sie verschmolzen." „In Folge der Revolutions-Grundsätze ist denn auch bei uns — langsam genug! — die Emancipalion der Juden entstanden, und der Sauerteig, als welcher sie wirken, ist immer wirksamer geworden, weil er viel mehr Platz zur Wirksamkeit gewonnen hat, und so ist's ganz begreiflich, daß man an ausgezeichneter Stelle immer fragt: Der ist also auch ein Jude? Starke geistige Potenz macht sich überall geltend; und kein ruhiger Beobachter kann den Juden absprechen, daß sie eine starke geistige Potenz, die wir Sauerteig nennen, in sich tragen." „Mir war es immer ziemlich gleichgiltig, ob ein hervorragender Mensch Christ ober Jude, oder Moslem oder Heide wäre. Ich meinte nur immer, gewiffe Aufgaben der Kunst erforderten gewisse nationale Eigenschaften, um unserem Kunstsinne zu genügen. Deßhalb werde uns der Jude ein Schiller'sches Drama nicht schaffen, und er werde im althebräischen Widerwillen gegen Götzenbilder nicht leicht ein besonderer Bildhauer werden. Lyrik und Musik stehe ihnen vorzugsweise nahe. Aber auch dieses Borurtheil erlebt jetzt manche Ueberraschung und wer mag wiffen, in welchen Fällen allen der historische Sauerteig noch Neues und Brauchbares hervorbringt!" — Äm zweiten Theil seines „Deutschland im achtzehnten Jahrhundert" bemerkt Biedermann, daß es in Breslau uud Berlin jüdische Familien giebt, welche Lessing heißen. Als nämlich das Edict vom 10. März 1811 den Juden vorschrieb, Familiennamen anzunehmen, wählten die gedachten Familien in ihrer Bewunderung und Dankbarkeit für Lessing wegen seines „Nathan der Weise" deffen Namen. In den letzten Jahren hat Lord John Rüssel, der unermüdliche Verfechter der religiösen und bürgerlichen Freiheit, Berichte, Depeschen und biographische Mittheilungen aus seinem Leben und seiner langen politischen Laufbahn — er ist jetzt 81 Jahre alt — in ,drei Werken veröffentlicht. Er erzählt hier auch Folgendes: Nachdem sein Gesetzentwurf über die Emancipation der Katholiken und aller Dissidenten, also auch der Juden, mit geringer Majorität im Unterhause angenommen, vom Oberhause verworfen worden, brachte er 1828 einen neuen desfallsigen Gesetzentwurf ein, der im Unterhause diesmal schon eine größere Mehrheit erlangte. Das Oberhaus willigte in denselben nur unter der Bedingung ein, daß Ruffel die Worte „Auf den wahren Glauben eines Christen" in die Eidesformel einschiebe, wodurch freilich die Juden noch ausgeschlossen blieben, und was noch einen langen parlamentarischen Kampf nach sich zog. Diesem Compromiß widersetzte sich damals Lord Lvndhurst, und als man ihm bemerkte, daß ohne diese Worte ein Jude Lord-Kanzler werden könnte, antwortete er: „Darin sehe ich kein Nebel, David hätte einen trefflichen Kanzler abgegeben."