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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-22 · Heft 26 (22.6.1875) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 26 (22.6.1875)
Date
1875-06-22
Page
Seite 417 (sequence 11)
Language
German
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417 zu charakterifiren, wie es sich in den letzten Jahrdes zweiten Tempels in Bestand und WerthschLtzung Mkoickelt hat. Wir heben aus dem verdienstvollen Werkchen jfflnge bezeichnende Stellen hervor. E - „Das jüdische Volk, sagt Delitzsch, ist von jeher ein arbeit- Woes gewesen, welches an Trieb und Kraft und Erfindungs- Hche zu rastloser Thäligkeit hinter keinem Lolke zurückstand. ^Äodencultur und Handwerk waren bis zur Auflösung seiner staat- 7Men Selbstständigkeit seine Hauptbeschäftigungen; erst infolge Muer Zerstreuung und der einzwangenden Beschränkungen seines Aröeitsdranges ist es ein Schacher- und Kaufmannsvolk geworden und in die Stelle der alten Phönicier eingetreten. Eine 'blondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht txm Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem ersten christlichen Jahrhundert soweit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrtausend vorwärts blicken. „Hasse nicht — sagt Sirach 7, 16 — mühselige Arbeit und den vom Höchsten geschaffenen Ackerbau;" vom Handel ist keine Rede. In den 63 Schriften, aus denen der Talmud besteht, findet man kaum ein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, welches ans die Gefahren der Geldmacherei und des vagirenden Lebens himveist. Die Weisheit — sagt R. Jochanan mit Bezug auf 5t Mos. 30, 12 — ist nicht im Himmel, das heißt, sie wird nicht gefunden bei Hochmüthigen; sie ist nicht jeuseit des Meeres, das heißt, „Du findest sie nicht bei Handelsleuten und (reisenden) Kanfleuteu." (Erubin 55a.) Man sieht hieraus, das erst das christliche Europa über 6 Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerusalems, und noch spater der Islam, die Juden zum Handel als allein gestattetem Lebenserwerb zwang. Stellte doch der Talmud den auf Zins Ausleiher dem Hazardspieler gleich, und erklärte sie für unzulässig zur Zeugenaussage. (Rosch ha-scliana 1, S.) „Um so höher ehrte das alte Judenthum Arbeit und Handwerk. Als der Heilige, gebenedeiet sei Er, sagt eine Talmudstelle — Adam dem gefallenen sein Urtheil sprach, da rannen diesem bei den Worten „Dornen und Disteln soll er vir tragen" Thränen aus den Augen und er rief: „O Herr der Welt, ich und der Esel sollen aus einer Krippe effen?" Als Gott aber fortfuhr: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brov essen", da gab er sich zufrieden." (Pesachim 118 a.) „Liebe die Arbeit", war ein Wahlspruch des Lehrers Hillels, Schemaja. Groß ist die Arbeit, sagt ein Anderer,*) denn sie ehrt ihren Meister. Groß ist die Arbeit, sagt wieder ein Anderer,**) denn sie erwärmt ihren Meister. Und mit Recht wird die mosaische Gesetzbestimmung, welche den Diebstahl eines Schafes mit vierfach zu leistendem Ersatz, den Diebstahl eines Ochsen dagegen mit fünffach zu leistendem Ersatz bestraft, daraus erklärt, *) Nedarim 49 b. **) Gittin 67 d. daß in letzter« Falle zugleich die Beeinträchtigung des Eigenthümers in seiner Arbeit in Anschlag gebracht wird; siehe da — lautet die Schlußfolgerung — wie hoch die Arbeit bei Gott gewerthet ist!*) Und als ein junger Mann einmal zu Rabbi Jsmael kam, fragte ihn dieser: Mein Kind, was hast du für eine Arbeit? Er antwortete: Ich bin ein Schreiber. Da rief jsmael: Mein Kino, so sei denn gewiffenhaft, denn deine Arbeit ist eine göttliche Arbeit."**) „Es giebt kein Handwerk — sagt der Talmud — welches der Welt entbehrlich wäre; glücklich aber der, welcher an seinen Ellern das Vorbild einer Hantirung vorzüglicher Art hat! Es ist dem Werthe und Range nach ein Unterschied zwischen Handwerk und Handwerk, aber auch das geringste ist keine Schande, sofern es wirklichem menschlichen Bedürfniß dient, und irgend welches ist bester als keines. Man kennt den altjüdischen Spruch: Wenn jemand seinen Sohn kein Handwerk lehrt, so ist's, als ob er ihn Straßenräuberei lernen ließe.'s) Decke todtes Vieh ab auf offener Straße — sagt ein landläufiges Sprichwort — und sprich nicht: ich bin ein Priester oder ich bin ein großer Mann, und das Geschäft ist mir gehässig, -ff-) Und Gott hat es auch so geordnet, daß jedem Handwerker sein Handwerk gefällt, damit sich keines aus der Welt verliere.*!) Ein gewister Simeon aus dem palästinischen Dorfe Sichniu war ein geschickter und gesuchter Brunnen-, Gruben- und Höhlengräber (bajjärt in Jerusalem. Dieser sagte einmal zu Rabbi Jochanan ben Zaccai, dem Schüler Hillels: Ich bin eia eben so großer Mann wie du. Der berühmte Rabbi fragte: Wie so? Deßhalb — antwortete er — weil ich nicht minder als du den Bedürfnisten der Gesammtheit diene. Wenn einer zu dir kommt und sich nach gesetzlich reinem Trinkwaster erkundigt, so sagst du ihm: Trinke aus dem Brunnen da, denn seine Wasser sind lauter und kühl, oder wenn eine Frau dich um gutes Badewaster befragt, so sagst du ihr: Bade in der und der Cisterne, denn ihre Master nehmen die Unreinheit hinweg. In der Thal war Simeon für Beobachtung der jüdischen Reinigkeitsgesetze eine ebenso unentbehrliche Person, wie alle die Gesetzeslehrer, die man in zweifelhaften Fällen um ihre Enffcheidung anging." „Wie anspruchslos lautet der Ausspruch ähnlichen Inhalts, welcher den Lehrern in Jabne (Jamnia) geläufig gewesen sein soll: „Ich bin Gottes Geschöpf und mein Mitmensch desgleichen, ich habe mein Berufsgeschäft in der Stadt und er auf dem Felde; ich gehe früh an meine Arbeit und er an die seine; wie er nicht mit seiner Arbeit stolzirt, so ich nicht mit der meinen, und denkst du etwa: ich schaffe Großes und er Geringes, so haben wir gelernt: Ob einer Großes schafft oder Geringes, der Lohn ist *) Kamma 79 b. **> Sota 20 a. t) Ebendaselbst 29 a macnb ^«rrr.«). -(-^1 Pesachim 113 b. Bathra 110 a. *+) Berachot 42 b. 26

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