Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1875)
- Date
- 1875-06-22
- Page
- Seite 414 (sequence 8)
- Language
- German
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414 Vor einigen Monaten petitionirte die jüvische Schulsocietät in Exin bei der königl. Regierung zu Bromberg, ihr, in Anbetracht der großen Steuerlasten, welche die jüd. kleine Gemeinde für Cultus und Schulzwecke zu tragen habe, für die Elementarschule aus den von Seilen der Staatsregierung ausgeworfenen Fonts für Elementarschulen eine Subvention zu gewähren. Die gedachte Gemeinde wurde jedoch regierungsseitig abschlägig befchieden und dies dahin motivirt, daß auf Grund des Judengesetzes von 1847 der Staat sich nicht für verpflichtet erachte, jüdische Elementarschulen in pecuniärer Hinsicht aus Staatsmitteln zu unterstützen. Die Bittsteller ließen es jedoch hierbei nicht bewenden, sondern wandten sich an die Regierung mit einem erneuten Gesuche, in welchem sie der Behörde auseinandersetzten, daß, abgesehen davon, daß durch Emanation der Verfassung, als auch durch das Judenemancipationsgesetz der kaiserlich deutschen Reichsregierung das angezogene Judengesetz von 1847 nicht mehr maßgebend sein könne, das jüdische Elementarschulwesen durch ein besonderes Gesetz in der Provinz Posen feit 1833 einen öffentlichen Charakter habe und daher die Parität der jüd. Elementarschulen mit denen der christlichen Confessionen außer Frage gestellt sei. Außerdem heißt es in einer Verfügung des früheren Cultusminister Bethmann Hollweg ausdrücklich, daß auch jüvische Elementarschulen in Folge nachgewiesener Leistungsunfähigkeit aus Staatsmitteln hinlänglich zu unterstützen feien. Uebrigen sei dies, indem bekanntermaßen viele jüdische Gemeinden in der Provinz jahrelang seitens der Regierung für Schulzwecke unterstützt werden, ein längst überwundener Standpunkt. Der nunmehr erfolgte Bescheid lautete jedoch dahin, daß Petenten nur kann die gewünschte Subvention zu gewärtigen haben, falls die seit vorigem Sommer in Exin projectirte Simultanschule daselbst in's Leben treten werde. In Folge dessen fand endlich am 13. Mai in Exin eine Bürgerversammlung statt, in welcher über das Sein oder Nichtsein der letztgenannten Schule in Exin abgestimmt werden sollte. Da der Landrath des Schubiner Kreises, Herr Klessel, zu diesem Termine nicht erschienen war, so präsibirte der dortige Bürgermeister der in Rede stehenden Versammlung. Bon evangel. Seite wurde stark gegen die Simultanschule gearbeitet, doch gelang es noch den anwesenden Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die Bortheile einer solchen Schule kar darzulegen und den größten Theil der anwesenden Protestanten für die Sache zu gewinnen. Rach längerer Discussion kam es endlich zur Abstimmung, ob eine Bereinigung der Schüler beider erwähnten Confessionen überhaupt ftattfinden solle. Von einer Affociation der dortigen kathol. Schulsocietät zu dem beregten Zwecke mußte bei den bekannten Verhältnissen derselben von vornherein abgesehen werden, denn dieselbe befindet sich in Folge einer Vereinbarung mit dem früheren Cultusminister v. Mühler im Genüsse derartiger Privilegien, daß sie durchaus kein Interesse, besonders in pecuniärer Hinsicht, von der Beiheiligung an einer zu errichtenden Simultanschule haben kann. Es stimmten daher für diese Schule sämmtliche anwesende Israeliten, 42 an der Zahl; von 39 anwesenden Protestanten stimmten 33 dafür und 6 dagegen. Die Errichtung einer Simultanschule in Exin ist durch dieses Resultat der Abstimmung also eine beschlossene Sache. Jetzt sollen nun von jeder Societät Repräsentanten gewählt werden, um die Bedingungen, unter welchen die obenerwähnte Vereinbarung stattstnden soll, fetzzusetzen. Schließlich sei noch als Curiosum erwähnt, welcher unsauberer Mittel man sich von gewisser Seite bediente, um die protestantische Bevölkerung Exins der projectirten Simultanschule abwendig zu machen. So spiegelte man derselben vor, daß sie alsdann das Doppelte an Schulgeld entrichten müssen, der Religionsunterricht gänzlich in Wegfall kommen werde, daß die jüd. Lehrer nur den Kindern ihrer eigenen Consession einen gründlichen Unterricht zu Theil lassen werden u. s. w. Die Gemächer waren hierdurch so in Furcht gejagt, daß Viele erklärten, ihre Kinder lieber in die Exiner katholische als in die Simultanschule zu schicken. Posen, im Juni. (Privatmitt heil.) Unter den wenigen blühenden und wirklich segensreichen Anstalten in der hiesigen Gemeinde ist die „Israelitische Waisenknabenanstalt" hervorzuheben, welche soeben ihren 37ten Bericht über das Jahr 187 4 veröffentlicht hat. Zu 14 Zöglingen traten 6 neue hinzu, während 3 der Sorge der Anstalt cheils entwachsen, theils entlassen wurden. Die Waisen erhalten den Unterricht in den verschiedenen Schulen der Stadt, den Unterricht im Hebräischen im Waisenhaufe. Angenehm überrascht wurden wir von der Bemerkung im Berichte: „Dankend haben wir noch zu erwähnen, daß durch die Munificenz des Herrn Theaterdireclors Schäfer den Anstaltszöglingen im Laufe des Jahres wiederholt freier Zutritt zu den Festvorstellungen gewährt wurde." Die Einnahmen der Anstalt betrugen 327 5 Thaler, die Ausgaben 3681 Thaler; dem Fond wurden 1593 Thaler zugefügt. Bei der Betrachtung dieser Ausgaben erscheinen sie uns per Kopf der Zöglingegerechnet sehr hoch; und wir glauben, ber Direction empfehlen zu können, die Zahl der Zöglinge zu vermehren, da hierdurch die gemeinsamen Ausgaben für das Haus, die Jnspeclion u. s. w. nicht wachsen, sich vielmehr auf die größere Anzahl Waisenkinder mehr vertheilen. Wenn unsre jüdischen Waisenanstalten in ihren Kosten fast den theuersten Pensionsanstalten gleichkommen, so bezeugt dies die Opferwilligkeit und Fürsorge, giebt aber doch zu erkennen, daß in der Einrichtung ein Fehler vorhanden, der vermieden werden mußte. Warmbruuu, im Juni. (Privatmitth.) Die hiefige feit dreißig Jahren bestehende „Jüdische Bade-Armen-Casse" hat im verflossenen Jahre 403 Thaler verausgabt, und dafür 38 jüd. Armen freie Badekur, ärztliche Behandlung, Unterstützung zum Lebensunterhalt und theilweise auch freie Wohnung beschafft. Sie erhielt hierzu von 24 jüdischen Gemeinden und von 16 jüdischen Vereinen Unterstützung, von den Badegästen wurden 192 Thalei