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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-22 · Heft 26 (22.6.1875) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 26 (22.6.1875)
Date
1875-06-22
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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410 Ungleichheit der Lebensverhälmisse nicht übermäßig, nicht in Extreme nach beiden Seiten, nicht in Sklaventhum von der einen und Despotie von der andern Seite ausarte, nicht selbst im Gesetz stattfinde und durch daffelbe befördert werde. Dies eben war das Ziel des mosaischen Gesetzgebung. Der sonst so scharfsichtige Proudhon muß dies doch gesucht haben; denn einige Seiten später sS. 189) sagt er: „Die natürliche Ungleichheit schwächt sich durch die Erziehung und verschwindet durch die Gleichheit der Vermögen sverhältnifie." Er giebt also doch eine Ungleichheit von Natur aus zu, und seiner eigenen Anschauung gemäß mußte er diese deßhalb als „den Willen, die Anordnung Gottes", also als Gesetz, als sittliches und gesellschaftliches Gesetz ansehen. Aber welch' ein anderer Jrrthum ist es, daß die Erziehung diese natürliche Ungleichheit schwächen sollte, während wir täglich das Gegentheil erkennen und wir die Erziehung, gegenüber der Naturanlage, nur von schwacher Wirkung, oft bei einer kräftigen Anlage ganz ohnmächtig sehen. Noch weniger beseitigt die Gleichheit der Bermögensverhältnifie (iles forinnes) die natürliche Ungleichheit, die sich innerhalb jener nur um so mehr Bahn bricht nnd hierdurch diese Gleichheit in schnellster Weise wieder zerstört. Aber ist es nicht schon eine Verblendung, die Verschiedenheit der natürlichen Anlage und Fähigkeit abschwächen oder gar beseitigen zu wollen? Ist sie doch die Wurzel aller Entfaltung, aller Entwickelung, alles Fortschrittes! — Wir dürfen jedoch gerade Proudhon aus diesen Jrrthümern keinen besondern Borwurf machen. Er sprach diese Gedanken nicht aus der Mitte von Besitz und Schwelgerei, wie Spätere, nicht mit persönlichen Zwecken verbunden aus, wie so viele Andere; er sprach nicht zur Menge, um deren Führerschaft zu erlangen und persönliche Vortheile zu ziehen. Alles dieses verabscheute er und kämpfte lieber mit Mangel und bedrängten Berhältniffen, das System, das er sich schuf, entstand aus dem innersten geistigen Ringen, aus der Naivetät der Frage, die aus seiner bewegten Gesichtswelt und aus der Unmöglichkeit emporstieg, diese Frage aus den realen Verhältnisien zu beantworten. Es hat dies daher mit seiner Betrachtung der mosaischen Gesetzgebung nur eine scheinbare Verbindung, die wir ohne Mühe abbrechen können. Was nun den Sabbath betrifft, so kennen wir die gegenwärtigen Verhältniffe zu sehr, um uns nur einen Augenblick einzubilden, daß die obige Darstellung eine Veränderung, eine Umkehr zu erwirken vermöchte. Es war uns darum zu thun, den tiefen Gedankeninhalt des mosaischen Sabbaths, wie ihn Proudhon darstellt, zum Bewußtsein zu bringen. Das gegenwärtige Geschlecht, wenn es sich über ein uraltes Gesetz hinwegsetzt, giebt damit nicht blos drängenden Verhältnisien nach, sondern wähnt zugleich ein Werk der Aufklärung zu vollbringen. und dünkt sich erhaben über alte Borurtheile, frei von den.FeffW^ der Autorität, so daß es sich schließlich ein Verdienst ''kixaa&hs macht. In dieser Selbsttäuschung und Wohlgefälligkeit woGew"" wir es doch einmal stören und ihm bewußt machen, daß, wenn es unwiderstehlichen Verhältnisien nachgiebt, es doch zugleich große, selbst menschengeschlechtliche Besitzthümer aufgiebt. Auf den Gnwand, daß das Judenthum, wenn es seinen Sabbath auf den Sonntag verlegt, schon eine seiner unwürdigen Handlung vollda es dann in den Ländern des Islam den Freitag, in China den Montag Wahlen müsse, legen wir kein besonderes Gewicht. Sondern, was Proudhon richtig hervorhebt, die Weihe des Sabbaths ist die Hauptsache, und diese geht selbstverständlich bei jeder Verlegung des Sabbaths verloren; aber auch mit der Weihe zugleich die Ruhe. Die zahlreichen Juden, welche gegenwärtig im mittleren und westlichen Europa, sowie in der neuen Welt, den Sabbath aufgegeben und factisch auf den Sonntag verlegt haben, haben damit die Ruhe an beiden Tagen verloren, sie arbeiten an dem einen wie an dem andern Tage und feiern den Sonntag höchstens durch irgend ein gesellschaftliches Vergnügen. Wir halten es nicht für möglich, daß irgend ein Sterblicher dem Laufe der Dinge in der Gegenwart gebieterisch entgegenzutreten vermöchte. Aber es scheint uns doch von der größten Wichtigkeit, das wahre Berhältniß und die innere Bedeutung der einmal geschaffenen Lage zum Berstandniß zu bringen. In Amerika versuchte man sogar, einen Verein zur Erhaltung der Sabbathfeier zu schaffen; der Versuch scheiterte bald unter seinen ersten Anhängern selbst. Wir enhalten uns daher hier, etwa einen feurigen Aufruf hinzuzufügen, sondern ersuchen unsere Leser nur, die vier Artikel dieser Abhandlung noch einmal im Zusammenhänge durchzulesen und zu durchdenken. Denn, obschon wir sagen, daß hier für unsere Zeit eine thassächliche Wirkung nicht zu erwarten stehe, so sind wir doch des festen Glaubens, daß eine so hohe, erhabene und durch das ganze Menschengeschlecht gedrungene Idee niemals untergeht, sondern zur rechten Zeit ihre rechte Gestaltung sich wieder erschaffen werde.*) *) Wir brauchen nicht erst hinzuzufügen, daß Proudhon überall nur den Sabbath nach dem mosaischen, nicht aber nach dem tatmudisch-rabbinischen Gesetze im Auge hatte. Es ist allbekannt, daß gerade im Sabbathgesetze die talmudisch-rabbinischen Ableitungen, Folgerungen, Specialisirungen und das Princip der Aufstellung von Bor beugungsvorschriften („mache einen Zaun um das Gesetz") überaus thatig gewesen, und eine Reihe von Minimalsatzen bestimmte, wieviel noch nicht, und wie viel schon als Arbeit anzusehen, und daß hierdurch erst das Sabbathgesetz jenen religiösen Charakter erhielt, deu Nichtjudeu so oft dem mosaischen Sabbath vorwerfcn.

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