Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1875)
- Date
- 1875-06-22
- Page
- Seite 409 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227041--33615-3303426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
409 Institution, als Quelle des öffentlichen Geistes, als Bürgschaft der Ordnung und der Freiheit. „In der Feier des Sabbaths ist das fruchtbarste Princip unsres zukünftigen Fortschrittes enthalten; im Schutze des Sabbaths wird sich die Reform vollenden." „Was mich aulagt, sagt er zum Schluffe, ich habe mein Vertrauen in Nichts gesetzt, was neu ist unter der Sonne: ich glaube an die Ideen, die so alt sind wie das Menschengeschlecht. Alle Elemente der Ordnung und des Glückes, durch unzerstörbare Ueberlieferungen aufbewahrt, existiren: es handelt sich nur darum, ihre Synthese zu erkennen, die Methode ihrer Anwendung und Entwickelung." Wir haben diese Auseinandersetzung Proudhons ganz besonders hier wiedergegeben, um den Weg zu zeigen, aus welchem man mit wahrem Nutzen unsre uralten Gesetze zu studiren und die h. Schrift aufzufaffen habe. Feil ich gehört dazu mehr Geist und mehr Innigkeit, als gewöhnlich darauf verwendet wird. Nichts ist leichter, aber auch oberflächlicher, als mit einer betonten sg. Frömmigkeit sich an den Buchstaben des Gesetzes zu halten: eS steht so und muß so gelten. Aber nicht geringer ist die Oberflächlichkeit, mit welcher die Reformer und die Kritiker diese hochwichtigen Gegenstände behandeln. Die ersteren gehen lediglich von dem Standpunkte der Gegenwart dabei aus; was ihnen für die Zustande unsrer Zeit zu paffen scheint, heben sie hervor, was in die gegenwärtigen Verhältniffe sich nicht einfügen will, Las ignoriren sie, wenn sie es nicht offen verwerfen. Wir glauben mir Recht sagen zu können, daß wir dieses Unwesen, dieses zweideutige, schwankende Annehmen und Abweisen, Las Len wahren geistigen Inhalt aus der Tiefe zu heben, sich gar keine Mühe giebt, und sich hochweise über das Alterthum, das sie doch sonst als geheiligt ausrufen, hinwegstellt, von Anfang an bekämpft haben. Hinsichtlich der Kritiker, so machen diese die Erforschung des geistigen Inhalts gar nicht zum Gegenstände ihrer Thätigkeit; sie verwenden große Gelehrsamkeit und bedeutenden Scharfsinn auf die äußerlichen Umstände, auf die Gewandung und Nebendinge, um nur Berfaffer und Bersaffungszeit herauszubringen, und indem sie selbst von der Ansicht ausgehen, daß gerade in allen Aeußerlichkeiten die Monumente des Alterthums mannigfacher Ueberarbeitung, Ein- und Verschiebung und vielfachem Wechsel unterworfen waren, kommt es ihnen dennoch nicht darauf an, in dem tiefergelegenen Geiste das wahre Kriterium zu suchen, sondern machen sie jene Aeußerlichkeiten zum Maßstabe ihres Urtheils. Die Folge blieb davon nicht aus; es giebt kein bunteres Bild, als wenn man die Ansichten der verschiedenen Kritiker über die Bücher der h. Schrift, besonders über den Pentateuch zusammenstellt. Dies ist aber noch keine wahre Wiffenschaft; diese will das W e s e n des Gegenstandes wiffen, begreifen, verstehen; jene äußeren Bedingungen, so weit wir sie sicher zu stellen vermögen, erleichtern das richtige Verständniß, die richtige Auffaffung des Wesens, aber sind an sich das Wesen selbst bei Weitem nicht; und wenn sie eben nicht sicher gestellt werden können, bieten sie ihr die Veranlassung zu einer falschen, als zu einer richtigen Auffaffung. Wir mögen daher uns der Ansicht nicht entfchlagen, daß eine Erforschung des Gedankeninhalts, wie sie Proudhon hier angestrebt, impulsiver wirkt und einen größern Schatz für uns aus dem Schooße des h. Alterthums heraushebt, als die Kritiker zusammen, so weit sie dies sind.*) Wie unsere Leser gesehen haben, hat uns diese Anerkennung großartiger Leistung nicht behindert, den Punkt in der Schrift Proudhon's zu bezeichnen, wo er, ihm selbst unmerklich, die mosaische Gesetzgebung verläßt und in den falschen Pfad eintrin, der ihn zur Entwickelung seines Systems führte. Auch in diesem Schlußabsatze finden wir von ihm den eisernen Nagel in die Mauer der mosaischen Gesetzgebung eingeschlagen, mit welchem er sein System anzuhesren dachte. Er sagt >S. 184): die Gleichheit der Verhältnisse fließe aus dem gleichen Rechte Aller, zu leben und sich zu entwickeln, und diese fei erwiesen durch die Gleichheit der Neigungen und der Fähigkeiten. Hier liegt offenbar der Jrrthum und der Disserenzpunkl zwischen der mosaischen Gesetzgebung und ihm. Es ist durchaus falsch, daß die Neigungen und Fähigkeiten der Menschen gleich seien; es giebt keine größeren Verschiedenheiten als zwischen den Neigungen und Fähigkeiten der Menschen; es gleicht nicht einer dem andern, wie in der leiblichen Anlage und Beschaffenheit, so auch in den geistigen und sittlichen Fähigkeiten und Neigungen. Man betrachte nur Geschwister, die trotz gleicher Abstammung und gleicher Erziehung, also gleichen äußern Verhältnissen oft so überaus verschieden, ja ganz entgegengesetzter Art sind. Und die h. Schrift lehrt uns dies schon auf der ersten Seite, da sie die beiden Söhne des ersten Menschen von entgegengesetztem Charakter zeichnet und zugleich zu verstehen giebt, welchen Einfluß auch die Verschiedenheit der Arbeit aus die Neigungen und den Charakter der Menschen übt. Nein! alles vereinigt sich, um die Menschen in Fähigkeit, 'Neigung, Bedürfniß, Befriedigung, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln einander ungleich zu machen. Sie ist nicht, wie Pr. meint, „eine Züchtigung Gottes für die rebellischen Menschen", diese Ungleichheit der Lebensverhältniffe, sondern ein Ausfluß aus der Natur und den Lebensbedingungen des Menschen; ja, alle menschliche Entwickelung findet darin ein ihr wesentliches Motiv. Die Gesellschaft hat nur dafür zu sorgen, daß diese *) Beiläufig gestatten wir uns hier eine Bemerkung. Wenn irr den gegenwärtigen Tagen es so überaus und so schmerzlich auffäll, welche geringe Geistes cultur in den Lolkmassen in Deutschland, wie in Frankreich und Italien nach so langer Geistesarbeit der vergangenen Zeiten vorhanden ist, und wie sie in ihrer Beschränktheit und Leichtgläubigkeit dem finstersten Aberglauben so gut wie im Mittelalter zugänglich find: so schreiben wir außer anderen Umstanden dieses traurige Ergehniß der Jahrhunderte lang herrschenden Pedanterie und Abschließung der Gelehrsamkeit und Literatur zu, welche niemals die Brülle zum Bolke suchen wollte und zu finden vermochte, so daß eine ausklärende Wirkung gar nicht stattfand. Erst seit Lesfinz, Mendelüsobn und Herder wurde der Weg eröffnet; wirklich betreten ist er kaum seit einem halben Jahrhundert.