Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1875)
- Date
- 1875-06-22
- Page
- Seite 408 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227041--33614-3303425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
408 noch immer sehr lebhaft und angeregt; theils besaß es keine abgeschloffene unv organisirte Hierarchie, deren Ersten; mit der Erhaltung der bisherigen Religionsform in Glauben und Leben eng verwachsen war. Diese Bortheile wurden aber durch andere llebelstänve mehr als aufgehoben. Der eine bestand darin, daß der Uebergang aus den Ghetti in das allgemeine Culturleben für die Juden zu rasch unv unvorbereitet vor sich ging. Man gerieth von einem Extrem zu schnell in das andere. Die Bedeutung und der Reiz der Geistesbildung zog die jüd. Intelligenz mit unwiderstehlicher Macht an sich, und machte ihnen den Contrast zu den früheren Zuständen so überaus fühlbar, daß diese letzteren mit ihrem ganzen Inhalte und in ihrer Form in große Mißachtung bei ihnen selbst verfielen, und sie sich daher der entgegengesetzten Strömung unbedingt überließen. War doch dieser Uebergang nicht durch Geschlechter, sondern schon in zahllosen einzelnen Individuen geschehen. Hierzu kam der zweite, noch wirksamere llebelstand. daß das bürgerliche Leben, noch dazu in seinem in dieser Zeit begonnenen außerordentlichen Aufschwung die größten Schwierigkeiten für das Festhalten der bisherigen jüdisch-religiösen Lebensnormen bot, enge Knoten, die jeden Tag gelöst werden mußten, unv die veßhalb von vielen Individuen geradezu durchschnitten wurden. Wenn eine Maffe so in eine ganz andere Sphäre plötzlich hinübergeworsen wird, und wenn dabei in vielen Fällen die bürgerliche Existenzfrage in's Spiel kommt — dann kann von einer allmaligen Entwickelung, von der Lösung aus dem Wege der Entfaltung durch den mit dem Gemüthe und mit der Ueberlieferung geeinigten Verstand nicht die Rede sein. Es muß eine Periode eintreten, in welcher es sich um schnelle Entscheidung des Ja oder Nein, des Verbleibens oder des Uebertretens handelt, um eine Periode, in welcher auf der einen Seite die starre Orthodoxie, auf der anderen die sg. Aufklärung, d. h. die Trennung von der bisherigen Religionsform stand, wobei natürlich die erstere das officielle Gebiet des Judenthums einbehielt, die letztere sich diesem umsomehr abwandte. Aus solcher Zeit konnte nur der Wegfall der religiösen Bildung als fester Unterunv Grundlage aller Bildung hervorgehen, und die nach einigem Zwischenräume erwachende Bestrebung nach Wiederbelebung des religiösen Sinnes, nach Erweckung des religiösen Geistes und nach Umgestaltung der religiösen Formen vermochte nur langsam, vielfach nur scheinbar vorwärts zu kommen und an Boden zu gewinnen. Sie hatte auf der einen Seite mit der ihr feindlichen Orthodoxie, auf der andern mit dem religiösen Jnvifferentismus, ja mit dem antireligiösen Geiste der Zeit zu kämpfen. Auch konnte sie nicht alsbald ihres Zieles sich bewußt sein; sie hatte lange Zeit erst nach den rechten Mitteln zu suchen, sie sich anzuschaffen und eigene Fehlgriffe wieder gut zu machen. Daß sie daher noch lange nicht zur vollen Gestaltung, und noch weniger zu einer ausgedehnten innerlichen Herrschaft gelangt ist, kann nicht auffällig sein. Dieser Mangel an religiöser Bildung vermag aber nicht durch einen, oft so unzureichenden Religionsunterricht in einigen wenigen Jahren des frühen Knaben- und Mädchenalters beseitigt zu werden; und wenn daher erst der Uebelstand, daß zahllose Judenkiuder ohne allen Religionsunterricht aufwachsen, überwunden, und wenn erst der letztere durchgängiger bei größerer Tüchtigkeit der Lehrer ein besserer geworden sein wird: kann dennoch das Ziel noch lange nicht als erreicht angesehen werden. Die Hauptsache liegt im Hause, im Verbilde der Ellern, in der Erziehung. In das Haus muß der religiöse Geist wieder eingezogen fein; im Hause, in der Familie muß das religiöse Leben wieder Platz gegriffen haben; durch das elterliche Haus müssen die jugendlichen Seelen an die Religion wieder geknüpft werden, um diese wieder zu einem wesentlichen und wirksamen Lebenselemente zu machen'. So lange im Elternhause selbst ein so eisiger Wind für die Religion weht, daß das jugendliche Gemüth darunter erstarrt; so lange die Eltern nur auf die Erwerbung äußerlicher Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Erziehung ihrer Kinder sehen; so lange die Eltern selbst nur bas Vorbild für materiellen Erwerb, für Eitelkeiten und Genußsucht geben, kann auf eine Besserung nicht gehofft, können die traurigen, sittlichen Folgen aus der religiösen Verwahrlosung, wie sie täglich mehr an's Licht treten, nicht beseitigt werden! Fragt man: welche sind diese traurigen Folgen? Gut. Wir werden die Antwort alsbald nicht schuldig bleiben. Proudhon un- Moses. IV. (Schluß.) Proudhon spricht mit Begeisterung aus, wie in der Gesetzgebung Mosis Alles übereinstimmt. Alles sich ineinanderfügt, alle Glieder ein organisches Ganzes bilden, wie insonders Religion und Politik nicht getrennt sind. Er sagt: „Niemals kam es ihm in den Sinn, die Pflichten des Menschen zu spalten, die einen unter die Obhut einer mir dem Schwerte bewaffneten Justiz zu stellen, die anderen dem Schutze der Religion zu überlasten. Für' ihn war jede Vorschrift der Moral bürgerliches Gesetz und jedes bürgerliche Gesetz geheiligt. Aus der Einheit des Gesetzes resultirte für ihn die Einheit der Macht. Das ganze Menschengeschlecht hatte die Strafe seiner Thorheiten zu tragen, um uns zu lehren, daß die Theilung der Aemter nicht die Spaltung der Mächte mit sich bringt und daß, wenn es einen Widerspruch zwischen der Vernunft und dem Gewiffen, zwischen dem Gewiffen und dem Gesetze giebt, dieser Widerspruch von uns selbst kommt." Nachdem er dies durch manche geschichtliche Betrachtnng zu erweisen gesucht, fordert er mit beredten Worten auf, die so eminent sociale und volksbeglückende Feier des Sabbaths zu erhallen und wieverherzustellen, nicht als Gegenstand geistlicher Disciplin, sondern als eine der Sitten erhaltende