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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-22 · Heft 26 (22.6.1875) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 26 (22.6.1875)
Date
1875-06-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Zeilun "Mttgemeine -es Zudenlhums. Em unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippen in Bonn. Verlag von Baumgiirtner's Buchhandlung in Leipzig Beilagen werden mit l Mark 5U P f. pro Hundert berechnet. Diese Zeitung erscheüU wolpeurich einmal in 2 bis 2'/. Bvgen. Preis Bierleliäbria 3 Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Prtitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen. Postämter uud.ZeiMngS Expeditionen nehmen Bestellungen an. ^fn reractioncllen AnAelegenhencii »renke min sich .nr t'r. philipvlon in Bonn; diiistchrlich ves Bezugs und ce Inierarean Saa««i>rlner's Suchhaudlun nLeirziz. Insträik. welch« bis Vonners tag cingcben. finden indcr:ar.»ufioigen dm '.stummer Bcriickstchiigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 22. Juni 1875. J\? 26. Inhalt. Leitende Artikel: Was fehlt uns? — Proudhon und Moses. IV. «Schluß.) — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Stallupönen in Ostpr., München, Fürtb, Berlin, Laufersweiler «Rheinland), Aus der Provinz Posen, Posen, Warmbrunn.—Oester reich-Ungarn: Pest, Wien, Austerlitz —Frankreich: Paris. —Holland: Amsterdam. — Großbritannien: London. — Feuilleton: Die Handwerke bei den Juden vor der Zerstörung Jerusalems. — Vermischtes. Siedende CLxS&Ä. Bonn, den 16. Juni. Was fehlt uns? Was uns fehlt? es ist bald ausgesprochen: es fehlt unsrer heutigen Bildung die rechte religiöse Bildung als Unter- und Grundlage! . . . Woher dies gekommen? Wir haben dafür vorzugsweise zwei Ursachen anzugeben. Fragen wir uns nämlich, worin denn die rechte Religiosität besteht, so lautet die Antwort: in der Vereinbarung des Verstandes und des Gemüthes auf dem Boden der religiösen Ueberlieferung. Nun hatte aber seit Jahrhunderten die Orthodoxie in allen Confessionen das religiöse Leben allein theils in dem Bekenntniß formulirter Glaubenssätze, theils in der buchstäblichen Uebung überkommener ceremonieller und ritueller Formen gefunden und in strengster Abgrenzung zu erhalten getrachtet, bis der Verstand davon abgestoßen und das Gemüth unbefriedigt, höchstens der Gewohnheit nach davon berührt wurde. Dies war die erste Ursache, daß die Religion mit dieser verknöcherten Orthodoxie verwechselt wurde, allmälig eine abstoßende Wirkung übte und sogar in vielen Geistern eine ihr feindselige Gesinnung weckte. Es war in dieser Orthodoxie aller Confessionen keine Spur vorhanden von dem Streben, ihren Lehrinhalt von Neuem zu vergeistigen und ihre Formen, dem veränderten Bedürfnis anpaffend, von neuen Gemüthsbewegungen erfüllen zu lasten, wohingegen sie mit aller Kraft jeden Wahn- und Aberglauben, der sich in dunkler Zeit bei ihr eingedrängt hatte, aufrecht erhielt. Theils aus dieser Ursache selbst, theils aus dem Fortschritt der Entwickelung ging die zweite hervor, nämlich die, daß die Verstandesbildung der vorherrschende Charakter, ja der ausschließliche ves neuern Geisteslebens wurde. Die Wistenschaft nahm eine, die Religion nicht allein negirende, sondern bekämpfende, 'angreifende, ihr feindliche Stellung an. Der allgemeine Geist fand den Fortschritt vorzugsweise in der Loslösung von der Religion, und bezeichnete dies als „Aufklärung", welche der Hauptvorzug der modernen Zeit, ein Verdienst jedes Einzelnen sei. In der Natur der menschengeschlechtlichen Geistesentwickelung lag diese Richtung nach Verstandescultur; immer wenn die Phase des Gemüthslebens und der vorherrschenden Einbildungskraft erschöpft ist, muß die Verstandescultur aus ihrer Zurückhaltung hervortreten und vorherrschend werden. Aber daß sie zu einer einseitigen Pflege dieses Geifiesverrnogens, zu einer ausschließlichen, Gemüth und Einbildung bekämpfenden wurde, daß sie alle Schöpfungen und Überlieferungen der Vergangenheit als nichtig unv schädlich zu beseitigen als ihr Hauptziel betrachtete, dies ist die Schuld jener verknöcherten Orthodoxie, welche durch den Verlust des religiösen Sinnes, durch die Verdrängung der religiösen Anschauung, durch den eingetretenen Mangel an religiöser Bildung schwer gebüßt wird. Gerade im Judenthume, hätte man glauben sollen, mußte diese Klippe am leichtesten vermieden werden können. Theils traf hier der Verstand am wenigsten auf den Widerstand ihm widersprechender formulirter Dogmensätze, theils war im jüdischen 'Stamme das Gemüthsleben besonders innerhalb der Familie

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