Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1875)
- Date
- 1875-06-15
- Page
- Seite 402 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Feuilleton. Correspou-ery. Steele a. d. Ruhr, den 1. Juni 1875. Rheinisch-Westphälische Lehrer-Conferenz in Bochum. Von Lenzeslust und dem herrlichsten Maieuwetter begünstigt, fand die diesjährige jüdische Lehrerconserenz am 1. Pfingsttage in Bochum statt, jener in mächtigem Aufschwungs befindlichen industriereichen Gegend Westphaleys, wo die Schornsteine wie riesige Ausrusungszeichen zum Himmel emporragen und der Bergmann hinabsteigt in die Erde, um die Licht und Wärme spendende Kohle aus tiefem Schacht hervorzuholen. Manches Glückauf, mancher warme Gruß und Händedruck wurden da gewechselt zwischen Freunden und Collegen, deren sich etwa 40 zur gemeinsamen Beralhung eingesunden hatten. Auch 2 früher dem Lehr-, jetzt dem Nährstande angehörende Herren (-inob -a?) gaben durch ihr jedesmaliges Erscheinen den Beweis, daß noch pädagogisches Blut in ihren Adern rinnt und aus dem Markte des Lebens das Jntereffe für die Volksschule und ihre früheren Standesgenossen noch nicht ganz erloschen ist. Herr Blumenau, unser treuer Präsident, erösfnete in gewohnter herzlicher Weise die Versammlung, worauf Herr Hermann Herz, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die Lehrer willkommen hieß in den Mauern Bochums und in innigen Worten den Männern dankte, die da Saaten ausstreuen für künftige Generationen und deren Früchte die Nachwelt genießt. Da die Conferenz auch Generalversammlung der Unterstützungskasse für dienstunfähige Lehrer, deren Wittwen und Waisen war, so war der erste Gegenstand der Tagesordnung der Bericht über den Bestand derselben. Es erfüllt uns und gewiß jeden Menschenfreund mit Freude, hier constatiren zu können, daß sich dies Institut in stetigem Wachsen befindet, — der momentane Bestand ist 26,610 Mark —, Dank den Sympathien, die sich der Verein sowohl bei Privaten, wie ganzen Gemeinden, in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen, bei Mitgliedern und Nichtmitgliedern erworben hat; anderseits wurde hervorgehoben, daß auch die Anforderungen an die Kaste von Jahr zu Jahr wachsen und darum die Anregung und Wirksamkeit zum Besten unsres Fonds immer zunehmen müste; nicht ein auf heimathlichem Boden emporgewachsenes Bäumchen, desten Früchte, sobald sie gereift, gepflückt werden, sondern ein Tropengewachs, das stets Knospen, Blüchen und Früchte zu gleicher Zeit trage und dem niemals die elektrische Wärme fehlen dürfe, müste der Verein sein. Wir können nicht umhin, bei dieser Gelegenheit nochmals jenes Wohlthäters in Aachen, resp. seiner wahrhaft edelgesinnten Gemahlin, durch deren zarte, von echt weiblichem Gemüthe zeugende Initiative der Kaffe eine Liebesgabe von 1500 Mark, als Ausdruck ihres Dankes gegen Gott für wiedererlangte Genesung zugewendet wurde, in verdienter Anerkennung zu erwähnen, welche auch in der Versammlung durch Erheben von den Plätzen bekundet wurde. Bereits ftüher erhielten wir von demselben Herrn M. eine gleiche Summe. Möge dieses Beispiel recht viele Nachahmung finden! Denn wenn auch dieses Wohlthärigkeirsinstitut in erster Linie den Mitgliedern selbst, resp. ihren Hinterbliebenen zu Gute kommt, so ist doch nicht minder außer Acht zu lasten, daß dastelbe indirect auch den Gemeinden nutzt. Wird der Lehrer durch Alter oder körperliche Gebrechen dienstunfähig; ruft ihn Gott, der Herr, aus seinem Wirkungskreise in das Jenseits ab, nun, so hat doch unsres Erachtens die Gemeinde mindestens die moralische Verpflichtung, die hinterlastene Wittwe und Waisen vor Noch und Elend zu schützen. Wir erlauben uns. hier nochmals auf folgende Förderungsmittel aufmerksam zu machen: 1) Jährlicher Beittag auf dem Gemeindebudget. 2) Legate bei Sterbesällen. 3} Collecten und Gaben bei freudigen Veranlastungen, Verlobungen, Hochzeiten u. s. w. 4) Einführung von Mischeberach l'chebras hamlamdim. Der zweite Punkt der Tagesordnung war die Revision der Statuten. In Anbetracht der fortwährenden Zunahme unsres Fonds, und da der Verein auf dem Boden der Humanität erwachsen ist, so konnte diesem Principe auch dahin Geltung getragen werden, daß den aus dem Lehrerstande aus- und wieder eingettelenen, oder aus Rheinland und Westphalen verzogenen Mitgliedern beim Rückttitt in diese Provinzen der Beittitt sehr erleichtert wurde; den Hagestolzen sollen im Falle der Unterstützungsberechtigung, da sie erfahrungsgemäß nicht so viele Sympathien bei ihren Mitmenschen haben, als Wittwen und Waisen, 6 Quoten p. a. erhalten. Diejenigen, welche in der Zahlung ihrer jährlichen Beittäge säumig sind, machen wir in ihrem eigenen Jntereffe darauf aufmerksam, daß ein Paragraph in das Statut ausgenommen ist, wonach der Vorstand berechtigt ist, den fälligen Beitrag bis spätestens den 1. Juli jedes Jahres per Postvorschuß zu entnehmen; erfolgt auch dann noch keine Zahlung, so hat der Vorstand über die Ausscheidung zu beschließen. Der dritte Gegenstand der Tagesordnung: „Ueber Chebra- Borträge" mußte ausfallen, weil Referent durch Krankheit seiner Eheftau am Erscheinen verhindert war; es wäre zu wünschen, daß in ähnlichen Fällen künftig das Referat an die Conferenz eingesandt würde. Ein mehr in das Gebiet der Pädagogik eingreifendes Thema: „Ueber das Gedächrniß und seine Ausbildung in der Volksschule", wurde von Herrn Oppenheimer aus Werl in einem mehr als einstündigen Vorträge in ausgezeichneter Weise behandelt. Wir müsten Referenten das Lob spenden, daß er eine Arbeit geliefert, die sowohl, was Form, als auch Inhalt betrifft, gediegen, einen wahrhaft literarischen Werth hat. Der Applaus der Versammlung lohnte den Collegen für seinen Fleiß. Der Raum dieses Blattes wurde zu sehr in Anspruch genommen